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Dossiertexte

22. Internationales George Enescu Festival


Der Saal des Bukarester Athenäum, eine der Spielstätten des Enescu Festivals (Foto: Catalina Filip/Enescu Festival)

 

 

Mit Ovationen des mehr als dreitausend Seelen zählenden Publikums in der Grossen Halle des Palastes von Bukarest ging ein Konzert des Royal Concertgebouw Orchestra unter der Leitung von Andris Nelsons in Bukarest zu Ende. Damit endete sowohl die XXII. Ausgabe des diesjährigen Internationalen George Enescu Festivals, als auch die seit vierzehn Jahren bestehende «Ära Holender» des Anlasses.


Der Saal des Bukarester Athenäum, eine der Spielstätten des Enescu Festivals (Foto: Catalina Filip/Enescu Festival)

 

 

Mit Ovationen des mehr als dreitausend Seelen zählenden Publikums in der Grossen Halle des Palastes von Bukarest ging ein Konzert des Royal Concertgebouw Orchestra unter der Leitung von Andris Nelsons zu Ende. Damit endete sowohl die XXII. Ausgabe des diesjährigen Internationalen George Enescu Festivals, als auch die seit vierzehn Jahren bestehende «Ära Holender» des Anlasses.

 

von Ana Popescu von Bülow*

 

07.10.2015 -- «Ära Holender» wurde die Zeit der letzten sieben Ausgaben dieser Biennale genannt, der wohl bedeutendsten kulturellen Unternehmung Rumäniens auf nationaler Ebene, im Titel eines neu erschienenen Sammelbandes, als Reverenz vor der vortrefflichen Leistung des nun überraschend scheidenden künstlerischen Festivalleiters Ioan Holender. Dem aus Temeschwar stammenden, vielfach gefragten Konzertdramaturgen, früher vor allem als langjähriger Operndirektor in Wien bekannt, gelang es in der Tat in Rumänien, in diesem von Widersprüchen und Instabilität zerrissenen Land, das wiederum nach hoher Kunst und Kultur geradezu durstet, das Enescu Festival zu einem der grössten seiner Art florieren zu lassen. Entscheidend hierzu war allemal auch die finanzielle Unterstützung durch die Regierung, wie auch die Organisation durch ARTEXIM, eine Institution des rumänischen Kultusministeriums mit Mihai Constantinescu an der Spitze.

 

Doch sei diese Entwicklung vor allem dem starken Interesse des Publikums im Konzertsaal sowie dem Radio- und Fernsehpublikum zu verdanken, betonte Ioan Holender immer wieder. Es sei kaum vorstellbar, dass anderswo in der Welt am selben Tag Konzerte am Nachmittag, am Abend und dann auch noch um 22.30 Uhr bis tief in die Nacht hinein so stark frequentiert werden und dies Tag für Tag, mehr als drei Wochen lang. Alle Abonnementreihen und Karten für die Konzerte des Festivals in Bukarest sowie in anderen Städten wie Braşov, Sibiu, Timişoara, Iaşi, Ploieşti oder Bacău seien sofort ausverkauft gewesen, so Holender. Seinen Rücktritt gab er dem Publikum an dem Abend bekannt, als er eine seiner vielleicht grössten Errungenschaften im Dienste des Festivals feiern durfte. Es gelang nämlich, nach langjährigen Verhandlungen die Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle in Bukarest auftreten zu lassen.

 

Ioan Holender versäumte dabei nicht, nun 60 Jahre nach George Enescus Tod, die Verbitterung darüber zu äussern, dass es gezwungenermassen in der erwähnten Grossen Halle des Palastes geschehen musste, die 1961 für Parteikongresse gebaut wurde. Ein notwendig moderner und grosser Konzertsaal mit guter Akustik, der Kultur dieses Landes würdig, sei seit Jahren von der Politik immer wieder versprochen, bislang aber nicht einmal geplant worden. Zwar haben vor zwei Jahren Ingenieure die Akustik der Grossen Halle wesentlich verbessert, optimal ist sie aber noch lange nicht geworden. Es leuchtet ein, dass es auf lange Sicht nicht zumutbar sein kann, die grössten Musiker der Welt einzuladen und dann für deren Aufführungen keinen wirklich geeigneten Raum bieten zu können.

 

George Enescu mit Festival und Symposium geehrt

 

Als ergänzender Veranstaltungsort des Festivals entzückt freilich das historische Athenäum, von Anfang an Sitz der rumänischen Philharmonie, ein Kleinod der Architektur mit ausgezeichneter Akustik. Es wurde vor 125 Jahren gebaut – ein Jubiläum, das im Rahmen des Festivals mit der Neuerscheinung eines akribisch dokumentierten Bandes des unermüdlichen Doyens rumänischer Musikwissenschaft Viorel Cosma besonders gewürdigt wurde. Der prunkvolle, runde Saal eignet sich mit seinen etwa 700 Plätzen besonders für die Musik, die bis oder um seine Entstehungszeit entstand sowie für Chor-, Kammerkonzerten oder Rezitale; die Nachtkonzerte mit alter Musik gehören darin zu den gelungensten überhaupt. Für die grossen Orchesterbesetzungen der Spät- und Postromantik ist das Atheneum allerdings zu klein, aber die übrigen Aufführungen bereichern das Programm, wie auch die akustisch ebenfalls geglückte Kleine Halle des Palastes, beliebt vor allem für Konzerte zeitgenössischer Musik, sowie die Aula des Cantacuzino Palastes, wo sich das George Enescu Museum und der rumänische Komponistenverein befinden, und wo in Verbindung mit dem Festival das erlesene Internationale musikwissenschaftliche Symposium George Enescu stattfindet.

 

In der schon erwähnten Bukarester poststalinistischen Grossen Halle des Palastes wirkte jedoch das Konzert der Berliner Philharmoniker durch eine glückliche dramaturgische Fügung wie ein Triumph der grossen, wahren Kunst gegen jegliche politische Unterdrückung. Denn auf dem Programm stand, wie übrigens auch in Berlin bei der Eröffnung der aktuellen Konzertsaison, neben Benjamin Brittens vielgestaltigen Variationen über ein Thema von Frank Bridge, die 4. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch – jenes Werk, das der bei Stalin in Ungnade gefallene Komponist gezwungenermassen von der geplanten Moskauer Uraufführung 1936 zurückzog und erst ein Vierteljahrhundert später, 1961 zum ersten Mal erklang. In Bukarest gelang es nun Sir Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern durch schiere Klangzauberei sogar die mangelhafte Akustik der Halle zu überwinden und aus Schostakowitschs ergreifender Musik voller erschütternder Klangbilder schliesslich ihre Botschaft vernehmen zu lassen, dass der Glaube an die innere Geistesfreiheit auch unter den widrigsten Umständen bis zum letzten Atemzug bewahrt werden muss.

 

Auch wenn es bei diesem besonderen Konzert aus der Reihe «Grosse Orchester der Welt» seitens des Festivals keine Beeinflussung möglich war, erwies sich das Programm dennoch als stimmig. Denn es war insgesamt eine inhaltliche Linie deutlich zu erkennen, mit einer starken Tendez zur grossen Musik XX. Jahrhunderts, fast immer einschliesslich der Werke von George Enescu, und dies nicht nur, um dem Namensgeber des Festivals zu huldigen, sondern auch, um seine Musik über die Grenzen des Landes hinaus stärker zu verbreiten und Neues aus seinem Nachlass zu entdecken. Rumänische Ensembles und Künstler sowie Preisträger des Enescu-Wettbewerbs sollten verstärkt vertreten sein und in unterschiedlicher Besetzung zusammen mit renommierten Dirigenten, Ensembles und Solisten aus dem Ausland wirken.

 

Dies war schon bei der berauschenden Eröffnung deutlich, als das inzwischen hochprofessionelle rumänische Jugendorchester zusammen mit dem vortrefflichen Chor der «George Enescu Philharmonie» und dem Kinderchor des Rumänischen Rundfunks unter dem Taktstock von Kristjan Järvi auftrat. Mit Sarah Chang als Solistin liessen sie Jean Sibelius’ Violinkonzert wie ein Klangtraum aus fernen Gefilden entstehen und mit der Sopranistin Jennifer O’Loughlin, dem Countertenor Max Emanuel Cenčić sowie dem Bariton Levente Molnar in Carl Orffs Kantate Carmina Burana die packenden Rhythmen und Melodien aus suggerierten fernen Zeiten alle mitreissen. Enescus ewig frische erste Rhapsodie op. 11 galt an dem Abend als stimmungsvoller Auftakt des gesamten Festivals.

 

Raritäten von Enescu und rumänische Erstaufführungen

 

Aus George Enescus Feder erklangen in diesem Jahr in prominenter Interpretation insgesamt mehr als 22 Werke, darunter manche Raritäten, einige erst aus dem Nachlass aufführbar gemacht. Beispielsweise war seine impressionistisch gefärbte sinfonische Dichtung Vox Maris op. 31 mit dem Israel Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Zubin Mehta zu hören; Peter Ruzicka, der sich seit Jahren für die Musik von Enescu verdienstvoll einsetzt, dirigierte das Orchester der «George Enescu Philharmonie» mit der unvollendet gebliebenen 4. Sinfonie in der Aufführungsfassung von Pascal Bentoiu; der gigantischen Arbeit des Komponisten Bentoiu im Dienste von George Enescus Musik ist auch die filigrane Orchestrierung der sinfonischen Dichtung Isis nach den Skizzen des Autors zu verdanken, die Constantinos Carydis mit dem Bayerischen Staatsorchester aufführte; Musiker der Staatskapelle Dresden spielten die in den letzten Lebensmonaten des Komponisten vollendete Kammersinfonie op. 33 für zwölf solistische Instrumente, deren vier streng aufgebauten Sätze in einer aphoristischen Einheit gebündelt sind.

 

Als eine besondere Aufführung muss Enescus 3. Sinfonie durch das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Vasily Petrenko erwähnt werden, zusammen mit dem Chor der «George Enescu Philharmonie», das von seinem Leiter Iosif Ion Prunner auch hierzu hervorragend vorbereitet wurde, wie ansonsten immer bei seinen zahlreichen Auftritten im Rahmen des Festivals.

 

Ein Kuriosum des Festivals bildeten zwei Erstaufführungen von Schlüsselwerken des 20. Jahrhunderts, die eindeutig als Ereignisse von historischer Tragweite im Musikleben Rumäniens zu verstehen sind: Zum ersten Mal erklang nun in Bukarest Elektra von Richard Strauss im Konzert der Bayerischen Staatsoper, eindringlich dirigiert von Sebastian Weigle in einer ergreifenden Interpretation mit Agnes Baltsa als Klytämnestra, Elena Pankratova als Elektra, René Pape als Orest und Anne Schwanewilms als Chrysothemis. Ebenfalls eine rumänische Erstaufführung war Alban Bergs Wozzeck, ein ganzes Jahrhundert nachdem die Arbeit an das Werk begann und 90 Jahre nach seiner Berliner Uraufführung. Dem Chor und dem Orchester der «George Enescu Philharmonie» unter der Leitung des britischen Dirigenten Leo Hussain gelang eine zutiefst expressive, offenbarende Wozzeck-Aufführung mit faszinierenden Solisten wie Michael Volle in der Titelrolle, Evelyn Herlizius als Marie, Arnold Bezuyen als Hauptmann und Martin Winkler als Doktor sowie mit Kindern aus dem rumänischen Rundfunkchor einschliesslich des glockenklaren kleinen Soprans als Mariens Knabe. Leo Hussain, der vor zwei Jahren in Bukarest als Dirigent der rumänischen Erstaufführung von Schönbergs Gurreliedern kurzfristig einsprang und damit nicht nur den Abend rettete, sondern einen beachtlichen Triumph feierte, dirigierte in diesem Jahr in Bukarest ausser Wozzeck auch beide Opernaufführungen von Enescus Oedipe – ein Meisterwerk, das er zuvor in Brüssel und demnächst in London an dem Royal Opera House in Covent Garden in der Produktion von La Fura dels Baus mit der Inszenierung von von Àlex Ollé dirigieren wird.

 

Es gibt noch viel zu entdecken

 

Dass George Enescu ein grosser und äusserst komplexer Musiker mit charismatischer Persönlichkeit gewesen ist als Komponist, Dirigent, Geiger und Pädagoge, der die letzten Jahre seines Lebens fern seiner ersehnten Heimat verbringen musste und 1955 in Paris starb, das liess ihn eine Galionsfigur der rumänischen Kultur von europäischem Format und universeller Tragweite werden. Dies war wohl  entscheidend für die reiche Entwicklung der rumänischen Musik, die er in Gang gesetzt hat und nach ihm folgte. Das Festival hat Kostproben davon in der Serie mit Konzerten zeitgenössischer Musik und das Niveau einiger der Komponisten aus verschiedenen Generationen sowie das breite Spektrum ihrer Kreativität gezeigt. Dabei muss man ahnen, dass noch viel zu entdecken wäre – von der Musik eines Mihail Jora, Constantin Silvestri, Theodor Rogalski, Paul Constantinescu oder Sigismund Toduță, die hier kaum Erwähnung fanden, über Stefan Niculescu, Aurel Stroe, Tiberiu Olah, Anatol Vieru, Miriam Marbé, Cornel Țăranu, Pascal Bentoiu, Liviu Glodeanu, Octavian Nemescu, Călin Ioachimescu, Corneliu Dan Georgescu, Nicolae Brânduș oder Dan Buciu bis hin zu Adrian Iorgulescu, Doina Rotaru, Dan Dediu oder Livia Teodorescu-Ciocănea um nur einige Beispiele zu nennen.

 

Die Schätze aus der Fülle der Musik, die rumänische Komponisten nach Enescu geschrieben haben und weiterhin noch schreiben, verstärkt und nachhaltig zu pflegen, wäre wünschenswert für eine künftige Entwicklung des Enescu-Festivals. Der Bau eines neuen Konzertsaals in Bukarest hiesse sicherlich ein Zeichen zu setzten, dass man der Kultur in diesem Land einen Raum gibt für die Zukunft. Ob das wirklich geschehen wird, das bleibt eine offene Frage. Einen neuen künstlerischen Leiter des Festivals hat man noch nicht genannt, dafür aber den künftigen Ehrenpräsidenten: Zubin Mehta.

 


Webseite des Festivals: festivalenescu.ro
*Ana Popescu von Bülow ist freie Korrespondentin. Die Kosten ihres Aufenthaltes am Enescu Festival hat die Kölner Agentur Schimmer PR übernommen.

 

 

 


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