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Dossiertexte

Von der Vihuela zur Gitarre

24.08.2004 -- Zeitgenossen karikierten Philip IV., den Regenten des frühbarocken Spaniens, als genauso eifrigen Verfasser schlechter Komödien wie hartnäckigen Galan schöner Schauspielerinnen, als unbegabten, dafür umso produktiveren Dichter, Zeichner und Violaspieler, der sich seinen exklusiven Vergnügungen hingab, während sein Land brannte. Gesichert jedoch ist nur, dass Philip Viola spielte. Von seinen vielen legendenumwobenen Kunstwerken kann keines nachgewiesen werden, obwohl vieles dafür spricht, dass der König in seiner Jugend tatsächlich gemalt hatte. Mit dieser Vorliebe besiegelte er wahrscheinlich den endgültigen Untergang eines einzigartigen gitarrenähnlichen Instrumentes, der Vihuela.

Seine Blütezeit besass die Vihuela Mitte des 16. Jahrhunderts, 1578 erschien der letzte Druck mit ihr zugedachter Tabulaturen. Genauso wie die Lauten und Violen wurden die Vihuelas in ganzen Familien gebaut. Im 14. Jahrhundert existierten darüber hinaus Versionen, die mit dem Bogen gestrichen (Vihuela de arco) oder mit dem Plektrum gezupft wurden (Vihuela de penola), so dass das Instrument, das als eigentliche Vihuela anzusehen ist, genauer als Vihuela da mano angesprochen werden müsste.

Im Gegensatz zur etwas später aufkommenden Gitarre, die vom «gemeinen Volk» gespielt wurde, besass die Vihuela am spanischen Hof zur Zeit des Musikliebhabers Philip II. einen hervorragenden Ruf. Ihr Repertoire bestand aus Romanzen, Fantasien und zahlreichen Übertragungen von Vokalwerken. Darüber hinaus diente sie als Begleitinstrument des intimen Gesanges. Ihren Charakter prägten zahlreiche Intarsien und Rosetten auf der Decke, die den Klang vielfältig brachen und das Mitschwingen von Boden und Zargen verhinderten. Gerade diese Eigenheiten benachteiligten sie später aber, als die Musik durchsichtiger wurde und die Möglichkeit, Stimmen klar voneinander zu unterscheiden, gegeben sein musste – die barocke Gitarre zeigte sich solchen Anforderungen besser gewachsen.

Der endgültige Untergang der Vihuela dürfte aber eben auch auf den Wechsel der Mode am spanischen Hof zurückzuführen sein. Pflegte Philip II. die Musik intensiv, schlug zur Zeit Philip IV. die Stunde der Maler. Zum Eklat führte der demonstrative Wechsel hervorragender Musiker vom spanischen an den portugiesischen Hof – aus Protest gegen ihre eklatante ökonomische Benachteiligung gegenüber den Malern und Dichtern. Da die Vihuela im Gegensatz zur Gitarre gänzlich mit der Musikpflege am Hof verbunden war, bildete sie eines der Opfer des spürbaren Abbaus an Vielfältigkeit und Intensität adligen Musizierens.

Damit war der Abstieg der Gitarrenmusik vom höfischen Leben in die unteren Schichten vorerst besiegelt. Dass die barocke Gitarre sich in adligen Kreisen dennoch Platz zu schaffen vermochte, dürfte in erster Linie das Verdienst des Gitarrenlehrers von Don Juan d’Austria, des 1710 gestorbenen Gaspar Sanz, sein. Dennoch nahm mit der Entwertung der Vihuela eine Blütezeit spanischer Gitarrenmusik ein unwiderrufliches Ende. 1684 erschien in Madrid das letzte spanische Werk für die Gitarre alter Ordnung und 1714 in Santiago de Murcia die letzte Tabulatur, die Unterrichtszwecken diente. Die Führung übernahmen zu diesem Zeitpunkt die Italiener und, am französischen Hof, der Barockgitarrist par excellence, Robert de Visée. (wb)


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