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Musiker aus Drittstaaten in der Schweiz

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler12.12.2014 -- Daniel Stolz, freisinnig-liberaler Nationalrat der Stadt Basel, hat vor einigen Tagen in seinem Rat eine Interpellation eingereicht. Er will wissen, wie viele Kunstschaffende aus Drittstaaten in den letzten Jahren eine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz erhalten haben, welchen Einfluss die vom Bundesrat kürzlich beschlossene Kürzung der Drittstaatenkontingente hat und ob Absolventinnen und Absolventen Schweizer Hochschulen mit einer erfolgreichen Karriere und regelmässigen Kunstprojekten in der Schweiz Wohnsitz in der Schweiz nehmen können. Stolz fragt sich, ob in diesem Bereich allenfalls eine Regelungslücke besteht.  Motiviert ist die Interpellation von den jüngsten Entwicklungen in  Basel, wo formal allzu salopp Aufenthaltsbewilligungen für Musiker aus Drittstaaten erteilt worden sind und einige nun damit rechnen müssen, diese zu verlieren.

 

In vielen Zentren der Schweiz, nicht zuletzt in Basel werde, so Stolz, «in die Entwicklung der Hochschule für Musik Basel mit ihrer Spezialisierung auf Neue Musik sowie die Schola Cantorum Basiliensis, weltweit berühmt als spezialisierte Hochschule für Alte Musik, investiert».  Er wünscht sich, dass der Aufenthalt von professionellen Musikern ermöglicht wird, die «Absolventinnen und Absolventen von Schweizer Kunsthochschulen sind, die als selbständig Erwerbstätige in regelmässigen Abständen in Kunstprojekten in der Schweiz, deren Arbeitspensum in Kombination verschiedener Erwerbstätigkeiten einem Beschäftigungsgrad von 75 Prozent gleich kommt und deren Engagement aufgrund ihrer bisherigen Karriere (Biographie) für Hauptrollen auf Bühnen bzw. tragende Funktionen im Orchester oder als Mitglied eines bestehenden, in der Schweiz basierten Ensembles basiert».

 

Tatsächlich ist der professionelle Musikmarkt (in beinahe allen Stilen) heute eines der am stärksten globalisierten Gebiete menschlicher Tätigkeiten, und nationale Abgrenzungsstrategien machen da noch weniger Sinn als auf manchem anderen Arbeitsmarkt. Die Schweiz ist, auch wenn die Schweizer dies selber nicht immer realisieren, eines der weltweiten Gravitationszentren der Ausbildung und des Festival- und Konzertlebens, zumindest in der klassischen Musik. Ein möglichst freier Austausch ist deshalb mehr als wünschenswert.

 

Das Anliegen ist aber auch heikel. Es gibt unzählige exzellent ausgebildete Musikerinnen und Musiker, die sich liebend gerne in der Schweiz niederlassen würden, und die Regelungen dazu sollten nicht allzu locker formuliert sein. Sonst könnten ausländische Musiker in der Schweiz dem Verdacht ausgesetzt werden, ihre Tätigkeit bloss für eine Niederlassung hierzulande zu benutzen. Auf der andern Seite dürften allzu strikte Regeln Bürokratie und Kontrollwahn befördern und die Kulturinstitutionen mit schikanösem administrativem Aufwand belasten. Zudem müsste wirklich gut begründet werden können, dass gerade auf dem Gebiet der Musik eine grosszügigere Vergabepraxis legitimiert werden sollte, als in andern Branchen, die möglicherweise mit einer vergleichbaren Internationalisierung argumentieren können.

 

Eine Lösung für die institutionell protegierten Musiker könnte möglicherweise ungerecht sein, weil sie  Autodidakten oder Kreative mit ungewöhnlichen Werdegängen diskriminiert, die künstlerisch möglicherweise genauso bedeutende (oder gar bedeutendere?) Beiträge zur Lebendigkeit des aktuellen Musiklebens beitragen. Bedingungen für Aufenthaltsbewilligungen an etablierte Strukturen zu knüpfen, könnte da sogar strukturerhaltend und innovationshemmend sein.

 

Man sieht: ein sehr schwieriges Thema. Man sollte sich aber nicht scheuen, sich seiner tatsächlich anzunehmen und eine möglichst solide Lösung dafür zu finden.      


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