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Ich bin Charlie ‒ was tue ich?

 

Porträt Wolfgang Böhler09.01.2015 -- Mit grosser Bestürzung habe auch ich den brutalen Überfall auf die Redaktion der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo und die sinnlose, barbarische Ermordung mutiger Journalisten, Polizisten, eines Raumpflegers und einer Psychoanalytikerin miterlebt. Die Tat trifft ins Mark und zwingt zu Überlegungen, was dies für uns Berufskollegen bedeutet. Es ist unbestritten: Man muss die Meinungsäusserungsfreiheit unbedingt verteidigen. Wie weit es möglich ist, tabubrechende, verstörende, verärgernde und repektlose Texte und Bilder zu veröffentlichen ‒ das ist und bleibt der Gradmesser für das Mass der Freiheit und Offenheit einer Gesellschaft. Konsequenzen haben darf satirische Schärfe höchstens in Form von Gerichtsfällen. Da wird die staatspolitische Verantwortung der rechtlichen Beurteilung dem Rechtsstaat übertragen. Die Attentate von Paris fordern deshalb zwei Grundpfeiler eines funktionierenden demokratischen Staatswesens heraus: die offene, tabufreie Debatte aller Aspekte des menschlichen Lebens und die Übertragung der Rechtssprechung und ‑durchsetzung an den demokratisch kontrollierten Staat. Beides sollte selbstverständlich sein.

 

Den Karikaturisten des Charlie Hebdo, die sich im Wissen um die Gefahr exponiert haben (wie es in der Schweiz auch der Satiriker Andreas Thiel tut) gehört grösster Respekt. Die (wechselnde) Qualität ihrer Arbeiten, und ob sie einem gefallen oder nicht, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Als Provokateure haben sie die unschätzbare Funktion, zu verhindern, dass sich gesellschaftlich und politisch inakzeptable Tabus im Diskurs ausbilden. Davon profitieren wir alle, genauso wie wir profitieren von mutigen und ebenfalls an Leib und Leben bedrohten Kollegen und Kolleginnen in Ländern wie der Ukraine (2014 6 tote und 33 entführte Journalisten), Libyen (2014 4 tote und 29 entführte Journalisten), Syrien (2014 15 tote und 27 entführte Journalisten), Kuba, Kolumbien und (leider) so weiter und so fort.

 

Da stellt sich uns allen von der schreibenden, zeichnenden, sprechenden und filmenden Zunft die Frage, wie heldenhaft wir selber sein sollten.

 

Vor Jahrzehnten habe ich, wohl eher zufällig, einen Vortrag des Basler Philosophen Hans Saner zu ethischen Fragen besucht. Interessanterweise hat sich mir eine Bemerkung des Japsers-Schülers tief eingebrannt, möglicherweise, weil sie eine für mich selber damals drängende Frage beleuchtete: Wir hätten keine ethische Verpflichtung zum Heldentum, meinte Saner sinngemäss (ich zitiere aus dem Gedächtnis). Allerdings sei es unsere Pflicht, zu verhindern, es so weit kommen zu lassen, dass wir überhaupt vor die Frage gestellt würden.

 

Wir sollten unseren Helden mehr als dankbar sein. Es braucht sie, weil wir, der Rest der Gesellschaft, unseren Job zu wenig gut machen und im Alltag immer wieder zu tolerant sind, wenn es darum geht, im kleinen Korruption, Schlamperei, Inkompetenz und Verantwortungslosigkeit zu dulden oder uns selber zuschulden kommen zu lassen. Die Welt wird erst dann besser, wenn wir alle bereit sind, in unserem Alltag unseren für uns tragbaren Teil der Verantwortung für ein gerechtes und funktionierendes Gemeinwesen zu übernehmen. Das Attentat auf die Charlie Hebdo-Redaktion ist eine Aufforderung, in dieser Hinsicht immer konsequenter zu werden.


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