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Mehr Pädagogik im Konzertbetrieb

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler23.01.2015 -- Die jüngste Konzertstatistik der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) zeigt, dass Musikvermittlungsangebote in Deutschland stark zugenommen haben: «In der Saison 2013/14», schreibt die DOV, «gab es 4160 Konzerte und Musikvermittlungsangebote für Kinder und Jugendliche». Das seien 94 Prozent mehr als vor zehn Jahren ‒ im Vergleich zur letzten Erhebung 10,8 Prozent. Insgesamt sei eine Verschiebung von Sinfoniekonzerten zu mehr Angeboten für Kinder und Jugendliche zu beobachten. In der Schweiz dürften die Zahlen ähnlich aussehen. Gerald Mertens, der Geschäftsführer der DOV, vermerkt die Entwicklung mit Stolz. Es zeige, wie ernst Orchester die Bildungsarbeit nähmen, lässt er sich in der offiziellen Pressemitteilung der DOV zur Statistik zitieren.

 

Wir neigen dazu, das Überhandnehmen pädagogischer Aktivitäten im Orchesterleben in weniger gutem Licht zu sehen. Uns scheint es eher ein Indiz dafür, dass der realexistierende Konzertbetrieb der bürgerlichen Kulturinstitutionen seinen Herbst erlebt. Ein wirklich vitales Kulturleben zieht sein Publikum ‒ gerade auch das junge ‒  von selber an, weil es einen Nerv trifft und das Bedürfnis weckt, dabei zu sein, zu partizipieren, am Puls der Zeit zu sein.

 

Die auffallende Zunahme an Musikvermittlungsprojekten scheint hingegen auf zwei Mankos hinzudeuten: Man muss dem jungen Publikum etwas aktiv schmackhaft machen, das es nicht als Zukunftsprojekt identifiziert, und die (subventionierten) Veranstalter scheinen mehr und mehr das Gefühl zu haben, ihre Aktivitäten legitimieren zu müssen ‒ indem sie aktiv «etwas für die Gesellschaft tun». Dynamischen, neue Räume öffnenden gesellschaftlichen Aktivitäten stellt sich diese Frage gar nicht.

 

Pädagogische Angebote haben naturgemäss einen Hang zur politischen Korrektheit. Was aber nirgends anstösst, löst auch nichts aus und bringt die Gesellschaft nicht weiter. Sie nähern, ähnlich wie die Bemühungen um «Nachhaltigkeit» auf vielen gesellschaftlichen und politischen Gebieten, die Illusion, Fortschritt sei in geregelten Bahnen möglich.  

 

Man kann einen guten Teil der Vermittlungsprojekte auch darauf zurückführen, dass dafür im Moment relativ leicht Gelder der öffentlichen Hand abgeholt werden können, und das ist für die finanziell immer eingeschnürteren Kulturinstitutionen auch ein starkes Argument, Konzertpädagogik eine gute Sache zu finden.


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