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Skandal macht nur noch der Konzertsaal

von Wolfgang Böhler

 

07.Porträt Wolfgang Böhler02.2015 -- Wie sehr sich die Kulturdebatte gewandelt (respektive «entkulturiert») hat! Das zeigen die Injurien, die heute als Kulturskandale der Zeit betrachtet werden: Allerlei Geschehnisse rund um Konzertsäle, die gebaut, nicht gebaut, verbockt oder renoviert werden. Früher waren mal provokative Inszenierungen und Stücke die Aufreger (man denke an Zadek, Stein, Genet, Peymann und/oder Bernhard), und es gab Diskussionen um Aufgabe und Grenzen kultureller Reflektion. Tempi passati, leider, leider. Heute braucht’s dazu schon einen Nazi-Tannhäuser, der auch bloss noch gut geölte Medien-Mechanismen bedient. Die Skandale des 21. Jahrhunderts sind die Bauten: Elbphilharmonie, Salle modulable, Münchner Konzertsaal, Philharmonie de Paris, Tonhalle-Renovation. Die Inhalte sind heute Wurscht, die Fassaden zählen. Und meinetwegen die brillante Akustik.

 

Da ist es schon schwer, nicht dem Kulturpessimismus zu verfallen. Da wünscht man sich fast die Zeiten zurück, in denen ein Pierre Boulez die Opernhäuser noch in die Luft sprengen wollte. Er wünscht sich mit der Salle modulable in Luzern heute selber ein Zeitgeist-Musiktheater.

 

Im Kulturleben geht es mittlerweile zu und her wie im Gesundheitswesen: Alle beklagen die explodierenden Kosten, suchen die Gründe wer weiss wo und verschliessen die Augen vor der einfachen Tatsache, dass dafür einfach ständig steigende Begehrlichkeiten verantwortlich sind. Im Gesundheitswesen führt das wenigstens zu einer substantiellen Debatte darüber, was wir uns leisten müssen und was als Luxusmedizin zu betrachten ist, weil soziale Gerechtigkeit, Recht auf Leben und Gesundheit auf dem Spiel stehen. Um Spitzenmedizin betreiben zu können, brauchen wir teure Apparate, gut gebaute Kliniken und wirkungsvolle Medikamente. Und jeder sollte ein Recht darauf haben, zum Nutzniesser zu werden ‒ weil es keine Alternativen gibt. In früheren Jahrhunderten war die medizinische Versorgung aufgrund infrastruktureller Defizite und fehlender Heilmittel dementsprechend mangelhaft.

 

In der Kultur stehen stehen weder Leben noch soziale Gerechtigkeit auf dem Spiel, und Alternativen gibt es auch zuhauf. Und in früheren Jahrhunderten war die kulturelle Leistung nicht mangelhaft wegen fehlender Elbphilharmonien, Salles modulables oder Pariser Philharmonien. Im Gegenteil: Gemessen an den vergleichsweise bescheidenen Infrastrukturen und Bevölkerungsgrössen leisteten frühere Generationen gerade auch musikalisch Herausragendes. Wer’s nicht glaubt, soll mal nachschauen, was in den heutigen teuren Konzertsälen denn vornehmlich gespielt wird. Das sollte einem eigentlich zu denken geben.

 


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