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Die Zukunft der Musik

 

 von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler20.02.2015 – Jeder, der beruflich mit Musik zu tun hat, merkt’s, die Zeiten haben sich geändert. Die Ereignishaftigkeit aktuellen Schaffens, sei es neuer Musik (und Neuer Musik), Konzertformen, Medien, Filme oder Texte ist verloren gegangen. Ein Grund sein dafür dürften die geänderten Motive der Produktion. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein stillte die aktuelle Produktion tatsächliche Bedürfnisse, sie lieferte Musik für Feste und Feiern, für Neugierige auf Neues, sie befriedigte Sehnsüchte und sie versorgte unzählige aktive Musikliebhaber mit Haus-, Chor- Orchester- und Blasmusik. Auf Neuerscheinungen wartete man monatelang mit froher Erwartung und Spannung. Konzertkritiken waren Stadtgespräch (oder auch bloss ‑ärgernis), musikalische Ereignisse wurden an Stammtischen diskutiert. Kurzum: Triebfeder der musikalischen Produktion waren soziale Bedürfnisse.

 

Die ausgebauten, stark professionalisierten Musikausbildungen und die Verschiebung der Leitplattformen von den Kirchen, Cafés, Cabarets, Konzertsälen und Tanzpalästen mit physisch anwesendem (und spontan reagierendem) Publikum zu anonymen Distributionen via Tonträger, Broadcastern und Internet hat dazu geführt, dass der grösste Teil der Musik heute nicht mehr als Antwort auf ein soziales Bedürfnis produziert wird, sondern ins Blaue hinaus. Und alles, auch lokale Produktionen für ein lokales Publikum, ist global verfügbar. Symptom der Entwicklung sind die sich seuchenartig vermehrenden Castingshows, die «Stars» produzieren, auf die niemand gewartet hat, die so schnell in Vergessenheit geraten wie sie medial hochgespült werden, wenn sie daneben nicht die traditionelle Ochsentour vor lokalem Publikum absolvieren wie etwa Baschi oder Beatrice Egli.

 

Hat aktuelles Musikschaffen angesichts des nivellierenden und anonymisierenden Überangebotes noch Relevanz? Ja, wenn es sich zurückbesinnt auf seine Wurzeln. Wenn es wieder beginnt, lokale soziale Bedürfnisse zu befriedigen, wenn es im engen Dialog mit einem lokalen Publikum, mit dem es  physisch interagieren kann, wieder Basisbedürfnisse befriedigt. Solche nach stimmungsvollen Festen, Feiern der Gemeinschaft, nach Begegnung und Bewegung im Tanz, im gemeinsamen Gesang, nach den grossen Ritualen des Lebenszyklus: Geburt, Erwachsenwerden, Liebeswerben, Hochzeit, beruflichen Erfolgen und Tod. Der grösste Irrtum des 20. Jahrhunderts war die Abwertung der funktionellen Musik und das bloss durch Distinktionsbedürfnisse motivierte elitäre Gehabe der absoluten Musik. Musik lebt vor allem, und sie hat ihren Wert als hörbar gemachte Emotionalität, mit dem sie den Alltag der Menschen zur Feier macht.          


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