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Die Kultur in der Mehrzweckhalle

von Wolfgang Böhler

 

 Porträt Wolfgang Böhler20.03.2015 -- Das urbane Kulturleben wird gerne mit waghalsigen Bauten renommierter Architekten sichtbar gemacht. Es ist ein Statement: Die Stadt versteht sich als Ort kühner Innovation, als zukunftsgerichtet und innovativ, mit einer Kultur, die sich als revolutionär, provokativ und als Gegenentwurf zum Alltag versteht. Die Mehrzweckhallen ländlicher Dorfgemeinschaften gelten hingegen als wenig einladende Verkörperung kleinbürgerlicher Biederkeit. In ihnen trainiert die Damenriege, und das Muki-Turnen hat genauso Platz wie samstags eine thailändische Hochzeit oder sonntags der jährliche Unterhaltungsabend des Akkordeonorchesters.

 

Das neue Leitbild der Zürcher Kulturförderung zeugt von einer wichtigen Einsicht: Heute lasse sich der Kanton nicht mehr in das Gegensatzpaar Stadt-Land unterteilen. Die Agglomeration greife immer weiter aus. Durch das dichte Netz des öffentlichen Verkehrs habe die Mobilität in den Regionen entschieden zugenommen. Die Folgen seien weitreichend und beträfen auch die Strukturen im Bereich der Kultur. Die Gemeinden stünden vor der Herausforderung, im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Anziehungskraft zu bestehen, und zwar durch eine eigene Identität und eine überzeugende Lebensqualität. Zahlreiche Gemeinden hätten denn auch in den letzten Jahren ihr kulturelles Engagement wesentlich ausgebaut.

 

Das ist ja alles sehr löblich. Sollte es allerdings dazu führen, dass urbane Wertmasstäbe und Gepflogenheiten nun auch den Dörfern aufgepfropft werden, dann würde die Einsicht zum Gegenteil dessen führen, was sie beabsichtigt: Ländliche Kultur würde nicht gestärkt, sondern zerstört. Denn «Innovation» bedeutet auf dem Land etwas anderes als in der Stadt: Es ist ein organischer, evolutionärer, hochgradig partizipativer Prozess im Dienste der Gemeinschaft und nach menschlichem Mass. In funktionierenden Dorfgemeinschaften arbeiten sich die Vereine in die Hände: Die Damenriege hilft beim Unterhaltungsabend des Gemischten Chores, der Männerchor macht für das Akkordeonorchester die Küche und alle ziehen für die jährliche Chilbi und die Erst-Augustfeier am gleichen Strick. Dorfkultur ist echte Volkskultur und die gemeinsam verwaltete Mehrzweckhalle (zugegebenermassen manch eine eine Bausünde) das Symbol dafür.

 

Kulturförderung in den Regionen darf Dorfkultur keinesfalls als etwas schwerfälligere Variante urbaner Kunstszenen verstehen. Sie muss verstehen, dass Dorfkultur keine Kultur repräsentativer Orte und Aufsehen erregender Ereignisse ist, sondern eine solche sozialer Prozesse. Dörfer und Agglomerationen mögen architektonisch gesichtslos und ohne kulturelle Repräsentationsorte sein, aber dennoch voller Leben, genauso wie gentrifizierte schicke Quartiere in der Stadt bloss öde, tödlich langweilige Ansammlungen der ewiggleichen globalen Markenläden und Schickimicki-Lokale sein können.

 

Als erstes müsste sich Kulturförderung vom unseligen Klischee verabschieden, dass urbane Kultur Ausdruck von Weltoffenheit, Toleranz und sozialer Neugier ist, und Dorfkultur ein solcher bornierter Kleinbürgerlichkeit, Innvationsverweigerung und Fremdenfeindlichkeit. Kluge und dumme Menschen gibt’s überall. Die Uhren gehen auf dem Land vielleicht etwas langsamer als in der Stadt. Letztlich sind die Arten von Gesellschaften in Städten und Dörfern, sich neu zu erfinden, aber bloss eine Frage des Stils.


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