Onlinemagazin für Klassik, Jazz, Weltmusik und Musikwirkungsforschung

 

 

Traditionelle Orchester in Bedrängnis

 

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler03.04.2015 -- In ganz Westeuropa sind traditionelle, staatlich subvenionierte Orchester in Bedrängnis. Die SWR-Ensembles sind zur Fusion gezwungen worden, den Pariser Radioorchestern könnte ähnliches blühen. In den Niederlanden und andern Ländern werden einige in Frage gestellt. Man könnte meinen, von den Schweizer Sinfonieorchestern sei etwas Druck genommen, haben sie doch eine Phase der Kontroversen und Reoganisationen bereits hinter sich, in St. Gallen, Luzern, Basel, Bern und Lugano sind die Strukturen revidiert worden, schwierige Zeiten hat auch das Musikkollegium Winterthur hinter sich, das mittlerweile im neuen Kulturleitbild der Stadt wieder mit der Unterstützung der Politik rechnen darf.

 

Trotz allem: Reformbedarf bleibt, denn die Grundsatzfrage, was Bedeutung und Aufgaben der bürgerlichen Leuchttürme Orchester und Oper in den städtischen Musikinfrastrukturen sein sollen, wird sich auch in den kommenden Jahren immer wieder und vermutlich immer dringlicher stellen. Der finanzielle Spielraum der öffentlichen Hand wird immer enger, wie auch ein Antrag der nationalrätlichen Finanzkommission, am Kulturbudget des Bundes wieder Abstriche zu machen, zeigt. Der Bund unterhält allerdings (leider) keine eigenen Orchester.

 

Nun hat der Bieler Stadtrat, vermutlich taktisch bewusst, einen Versuchballon steigen lassen. Er schlägt vor, das Sinfonieorchester Biel Solothurn (SOBS) aufzulösen und dessen Aufgaben Projektensembles zu übertragen. Die Reaktion der Musikverbände: vorhersehbar. Sie beschwören reflexartig den Untergang des Abendlandes und starten Petitionen, Proteste, schreiben empörte Offene Briefe.

 

So schreibt etwa Orchester.ch, der Verband schweizerischer Berufsorchester, in eben einem solchen offenen Brief, ohne das Sinfonie Orchester Biel Solothurn werde das kulturelle Angebot in der Region spürbar verarmen. Die Abschaffung des Klangkörpers würde auch ein unwiederbringlicher Bruch mit Tradition und Qualität darstellen. Ein Projektorchester werde kein gewachsener und eingespielter Klangkörper sein und daher keinen Ersatz für das in Biel und Solothurn vielseitig geforderte Berufsorchester sein.

 

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Wir finden es auch nicht richtig, über Jahrzehnte gewachsene kulturelle Infrastrukturen einfach so zu schleifen. Die Bringschuld in den zu erwartenden Auseinandersetzungen um die Notwendigkeit traditioneller Orchester wird aber angesichts knapper werdender Finanzen, des erdrückenden Überangebots an kulturellen Aktivitäten und des unvermeidlicherweise aussterbenden Stammpublikums bei den Orchestern sein.

 

Statt reflexartig auf politischen Druck mit Empörung zu reagieren, den Status Quo einzufordern und mit Massnahmen wie Musikvermittlung vor allem Besitzstandwahrung zu versuchen, sollten sie und ihre Apologeten auch und vor allem in den eigenen Reihen differenzierte Denk- und Reformprozesse forcieren. Schon Giuseppe Tomasi di Lampedusa wusste ja bekanntlicherweise, dass sich alles ändern muss, damit es bleiben kann, wie es ist. Das kann und muss machmal auch bedeuten, auf etwas zu verzichten, das unverzichtbar scheint.


Nachrichten

Im Gespräch

Kritiken

     

 

Ensembles, Veranstalter, Musikhochschulen

Impressum
AGB/Datenschutz