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Musik als eigenständiges Schulfach

 

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler17.04.2015 -- Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch hat angekündigt, dass in den Schulen des Landes Musik künftig als eigenständiges Fach ab der ersten Klasse unterrichtet werden soll. Da staunen wir. Mit dem Blick aus der Schweiz ‒ wir sind mit den Verhältnissen in Süddeutschland nicht wirklich vertraut und wissen nicht, ob man bei dieser Meldung auch zwischen den Zeilen lesen müsste ‒ sehen wir in der Ankündigung ein veritables Tauwetter. Geht es um die musikalische Bildung, setzen wir uns seit jeher konsequent dafür ein, dass mindestens Notenlesen und Singen als das anerkannt werden, was sie unserer Meinung nach sind: elementare Kulturtechniken auf Augen (oder Ohren-)höhe mit Lesen, Schreiben und Rechnen, die entsprechend sorgfältig gelehrt werden müssen.

 

Mag sein, dass wir unsere eigene Schulzeit etwas verklären, aber der Musikunterricht war eine der prägenden Erfahrungen weit über das Erlernen des Handwerks hinaus. Im Musikunterricht werden Aspekte des Menschseins thematisiert, die weit über das eigentliche Musizieren hinausgehen: Das Verhältnis zwischen privater Intimität und Öffentlichkeit, die Fähigkeit, sich in geschütztem Rahmen individuell exponieren zu können, der Umgang mit Emotionalität, Scham, Wut und Scheitern. Lauter Dinge, mit denen reife, erwachsene Menschen nach dem Schulabschluss umgehen können müssten.

 

Die Nachricht hat uns auf der Webseite des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg etwas stöbern lassen. Dabei sind wir auf einen Aufsatz  von Wolfhard Bickel gestossen, der wiederum Ortwin Nimczik,  den Bundesvorsitzenden des Verbands der Schulmusiker (VDS), zitiert. «Musik» schreibt Nimczik im Musikforum 1/2008, sei «die beliebteste Freizeitbeschäftigung von Kindern und Jugendlichen, gleichzeitig aber auch das unbeliebteste Schulfach.»

 

Das hat Gründe: Musik ist die wichtigste Schnittstelle zwischen der eigenen, autonomen, individuellen Lebenswelt eines Heranwachsenden und der durch die Schule repräsentierten Gesellschaft. Schüler lieben Musik. Sie nutzen sie als Stimmungregulatorin und Mittel der Selbstdefinition. Gerade diese Aspekte der Persönlichkeit wollen sie in der Schule nicht preisgeben. Was für Prozesse da tatsächlich ablaufen in der Schulmusik und welche grossen Chancen für die Persönlichkeitsbildung sie bieten, scheint noch keineswegs erkannt, geschweige denn auch nur ansatzweise erforscht.

 

Früher war der Musikunterricht auch in bürgerlichen Kreisen ein von der Schule selbstverständlich zu lehrendes und pflegendes Kulturgut. Mit der sichtlich verblassenden Kulturkompetenz bürgerlicher Politiker scheint dies heute leider anders. Viellecht kann man sich ja auch in der Schweiz in dieser Hinsicht vom süddeutschen Nachbarn inspirieren lassen? 


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