Onlinemagazin für Klassik, Jazz, Weltmusik und Musikwirkungsforschung

 

 

Streaming und Downloads auf dem Vormarsch

 von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler29.05.2015 -- In Sachen physische Tonträger mutet die Situation mittlerweile absurd an: Sie haben ihren Ereignischarakter praktisch vollständig verloren, und Geld lässt sich damit keines mehr verdienen. Glücklich ist, wer sie einspielen kann, ohne dabei allzu grosse Verluste einzufahren. Dennoch ist die Produktion eines Tonträgers für Musiker nach wie vor unverzichtbar, ja wichtiger denn je. Erwartet werden CD von Agenturen und Veranstaltern. Künstler und Gruppen, die keine Tonträger und idealerweise Rezensionen dazu vorlegen können, werden weniger gebucht. Das Renommee der CD erinnert damit ein wenig an die Grinsekatze in Alice in Wonderland: Sie verschwindet körperlich nach und nach, bis bloss noch ihr Grinsen übrigbleibt. Auch die Tonträger sind körperlich verschwunden. Bloss noch ihre (Phantom-)Funktion als Relevanzzeuge ist geblieben.

 

Kulturelle Freizeitgestaltung findet vermehrt in den eigenen vier Wänden statt. Junge gehen nicht mehr ins Kino oder ins Konzert, sondern laden sich Filme (und Serien, welche die Funktion eines Leitmediums übernehmen) auf ihren Flachbildschirm-TV oder ihren Tablet-PC, sie formen ihren Musikgeschmack immer weniger aktiv mit Stöbern im Plattenladen um die Ecke und dem Besuch von Konzerten, sondern lassen sich vage definiert über Stilpräferenzen von Streams berieseln.

 

Die jüngsten Zahlen der Urheberrechtsgesellschaft Suisa bestätigen den Trend: 2014 wuchsen die Urheberrechtseinnahmen aus Downloads und Streaming um 32 Prozent. Zum Anstieg beigetragen haben laut der offiziellen Medienmitteilung der Genossenschaft Mehreinnahmen aus dem Tarif für die Vergütungen auf Smartphones, steigende Einnahmen aus dem Onlinebereich und die starke Verbreitung von digitalem und zeitversetztem Fernsehen (Die Zunahme im Online-Bereich ist allerdings vor allem auf die Zunahme der Lizenzierungsgebiete zurückzuführen).

 

Der Megatrend, der hinter diesen Entwicklungen auszumachen ist, heisst Fragmentierung. Die Zersplitterung des Musikmarktes lässt sich in zwei Etappen unterteilen. Die erste, die weitgehend abgeschlossen ist, hat dank der Globalisierung zu einer enormen Zunahme der Stil- und Kulturenvielfalt geführt. Gab’s früher hierzulande Klassik, Jazz, Schlager, Volks- und Tanzmusik, sind die Szenen in unübersehbare Gruppen und Grüppchen zerfallen ‒ von der Shakuhachi-Musik über Gangster-Rap und Tango-Revival bis zu Neuer Musik, Pop aus Island, Ukulele-Orchestern und so weiter und so fort. Hinzu kommt nun noch die Fragmentierung der Vertriebswege und Marketingstrategien.

 

Was bedeutet das für das Selbstbild der Musikerinnen und Musiker? Im nach wie spätromantisch beeinflussten Europa des 20. Jahrhundert bedeutete der Beruf eine Sonderstellung von gesellschaftlicher Prominenz und spiritueller Autorität. Darauf, dass diese Zeiten vorbei sein dürften, werden sich die meisten, die beruflich mt Musik zu tun haben, einstellen müssen. Es ist diese soziale Zurückstufung die zu schaffen macht, weniger das gefühlt abnehmende Einkommen.


Nachrichten

Im Gespräch

Kritiken

     

 

Ensembles, Veranstalter, Musikhochschulen

Impressum
AGB/Datenschutz