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Religiöse Musik in der Schule

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler12.06.2015 – Auf den ersten Blick wirkt’s wie ein Schildbürgerstreich: Die Stadtgenfer Schulbehörde Direction de l’enseignement obligatoire (DGO) verbietet die Mitwirkung von fünf- bis siebenjährigen Primarschülern in einer Aufführung von Brittens Noah's Flood. Das Vorhaben verstösst nach Überzeugung der Genfer Verwaltung gegen die laizistischen Grundprinzipien der Stadt. Sie hat damit ein Projekt des Genfer Kammerorchesters torpediert. Der Entscheid bringt ein generell heikles Thema an die Oberfläche: Staatliche Schulen müssen irgendwie damit zurechtkommen, dass Religion ein Zwitterwesen ist aus einerseits Weltanschauung und andererseits personaler und sozialer Identität.

 

Bloss zur Erinnerung: Neu ist das Thema nicht, denn schon die Zeugen Jehovas (um bloss ein Beispiel zu nennen), fühlen sich seit jeher ungerecht behandelt, wenn sie mit Weigerungen, ihre Kinder an Schulweihnachtsfeiern teilnehmen zu lassen, nicht durchkommen. Und in reformierten Gegenden in der Schule ein (selbstredend katholisches) Ave Maria anzustimmen, hat auch schon immer mal Irritationen auslösen können.

 

Im säkularen Staat kann Religion völlig frei gewählt und ausgeübt werden. Sie bleibt aber Privatsache. Das ist eine der ganz grossen Errungenschaften der Aufklärung. Niemand will hierzulande zurück zu Religionskriegen und religiöser Gerichtsbarkeit. Der Entscheid der DGO ist deshalb im Kern konsequent. Die Auseinandesetzungen um die Grenzen zwischen Religion und Zivilgesellschaft haben in Zeiten der Migration und damit der immer gewichtigeren Präsenz aller Weltreligionen auch in der Schweiz an Dringlichkeit zugenommen.

 

Dennoch scheint uns ein altes, sehr schweizerisches Rezept im Umgang mit solchen Konflikten von allen schlechten Lösungen die akzeptabelste: Schon immer waren Schulbehörden in solchen Fällen zum einen darum bemüht, im Interesse der Kinder aus weltanschaulichen Differenzen keine grossen Geschichten zu machen und statt Prinzipienreiterei eher Pragmatismus walten zu lassen.

 

Zum andern haben sie im Einzelfall immer wieder kreative, manchmal halt juristisch auch nicht ganz total lupenreine Auswege gesucht, um trotz allem allen Recht zu tun: Dem Staat, der ein Recht darauf hat, das Entstehen von Parallelgesellschaften zu unterbinden, den Familien, die ein Recht darauf haben, ihren eigenen Wertmassstäben gemäss zu leben ‒ und den Kindern, die in solchen Situationen meistens sehr leiden, wenn sie in Doppelbindungen aus Zugehörigkeit zu einer Kindergesellschaft und der Solidarität mit ihrer Familie geraten. Staatliche Prinzipien, die zu Dogmen erstarren, werden genau zu dem, was sie bekämpfen: zur Religion.        


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