Onlinemagazin für Klassik, Jazz, Weltmusik und Musikwirkungsforschung

 

 

Kultur und Staat I: Es ist kompliziert

 

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler10.07.2015 -- Bei Facebook gibt es einen Partnerschaftsstatus «Es ist kompliziert». Das trifft ziemlich genau das Verhältnis von Kultur und Staat. Da droht schnell mal die Terrible Simplification. Man kann versuchen, es rechts-populistisch zu vereinfachen: Der Staat soll sich nicht in die Kultur einmischen, denn echte Kultur setzt sich im Markt durch und öffentliche Kulturförderung produziert bloss Staatskünstler, die zwar von allen gehätschelt werden, aber bloss verschwurbelte, selbstreferentielle Kunst hervorbrösmeln. Das ist natürlich ein polemisches Zerrbild der tatsächlichen Verhältnisse. Aber auch linke Rechtfertigungen der öffentlichen Kulturförderung haben blinde Flecken. Kultur fördere etwa den so wichtigen gesellschaftlichen Zusammenhalt, beteuern linke Kulturpolitiker. Kaum einer fragt nach, ob dies tatsächlich der Fall ist. Es ist es eher nicht. Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht durch Wirtschaft und Sport. Kulturelle Identitäten grenzen sich ab.

 

Kaum einer fragt nach, was unter gesellschaftlichem Zusammenhalt aber überhaupt zu verstehen ist, und ob dieser tatsächlich ein Ziel sein sollte. Die Argumente der Linken deuten darauf hin, dass mit gesellschaftlichem Zusammenhalt (gemäss sozialistisch-internationalistischem Denken) eine gleichförmige, urbane, «solidarische», «gerechte» Welt- und Wertegemeinschaft gemeint ist. Möglicherweise ist der Zusammenhalt kein Ziel einer pluralistischen Gesellschaft, in der sich Kultur- und Wertegemeinschaften durchaus voneinander abgrenzen können müssen ‒ solange man sich auf die Respektierung elementarer Grundregeln einigt: Menschenrechte, demokratische Entscheidungsprozesse und den Kampf gegen Korruption, Vetternwirtschaft, Inkompetenz und Schlamperei. Möglicherweise gedeiht interessante, authentische Kultur nur in Spannungsfeldern schmerzhaft unterschiedlicher Gemeinschaften.

 

Es erstaunt immer wieder, wie grob gezimmert und emotionalisiert Argumente für und wider die öffentliche Kulturförderung sind. Der einen Seite (den Linken) scheint es im Modus der Dauerempörung primär um Besitzstandswahrung zu gehen (Hände weg von unseren Orchestern, Museen und Förderbeiträgen!), der andern (den Rechten) um den ideologisch motivierten Rückbau des Staates und ums Lächerlichmachen der Kulturschaffenden. Ob und wie aktuelles Kulturschaffen tatsächlich Konsumbedürfnisse abdecken soll und auch abdeckt, wird kaum je differenziert erörtert. Welche Bedeutung das Kunstschaffen als wirtschaftlich nicht unmittelbar rentierender Erkenntnisprozess hat, auch nicht.

 

Möglicherweise braucht es etwas mehr Mut, nicht marktfähiges, aber wie wissenschaftliche Grundlagenforschung erkenntnisgetriebenes Kunstschaffen öffentlich zu fördern und nach Kriterien seines Erkenntnisgehaltes zu beurteilen, einfach weil der politische Wille es so will. Ohne nach einem Return on Investment zu fragen. Und möglicherweise sollte von Kulturschaffenden, die auf öffentliche Resonanz (und damit Markt und Konsum) aus sind, tatsächlich konsequenter verlangt werden, dass sie unternehmerischer denken ‒ und sie konsequenter am Markterfolg messen. Dazu müssten solche Aspekte des Kulturschaffens aber grundsätzlich besser definiert und soweit möglich voneinander isoliert werden, womit wir wieder am Anfang wären: Es ist halt kompliziert. Man kann aber die Behauptung wagen, dass die Gesellschaft schon weit komplexere dynamische und verschränkte Systeme in den Griff bekommen hat. 


Nachrichten

Im Gespräch

Kritiken

     

 

Ensembles, Veranstalter, Musikhochschulen

Impressum
AGB/Datenschutz