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Kultur und Staat III: Kunst wird überschätzt

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler07.08.2015 – Laut der aktuellen Kulturbotschaft des Bundes ermöglicht Kultur dem Menschen, nicht nur «sich selbst und sein Umfeld zu verstehen und verständlich zu machen» sondern auch «Kreativität und Innovationskraft eines Staates» zu befördern. Das sind grosse Worte. Noch weiter gehen Selbstcharakterisierungen von Kulturschaffenden, die ihr Wirken als Seismograf oder Frühwarnsystem für gesellschaftliche und politische Entwicklungen oder als Gewissen der Gesellschaft verstehen. Das erinnert etwas an die Sterngucker im Mittelalter. Philosophen müssten mit Blick auf solche Ideen (genau gleich wie mit Blick auf den Begriff Innovation) von einem Kategorienfehler sprechen. Werden Kunstwerke als politische Aussagen verstanden oder genutzt, verlieren sie ihren Status als Kunstwerk. In der Regel implodieren sie in diesem Fall zu einer mehr schlechten als rechten, in der Regel aber von Vorurteilen und Inkompetenzen geprägten Wirklichkeitsanalyse.

 

Künstler haben gegenüber Otto Normalverbraucher vor allem zwei Vorteile: Sie sind dank ihrer Fähigkeit, zu unterhalten und zum Staunen zu bringen Sympathieträger, und sie sind gut geschult in Aufbereitung und Präsentation von Ideen, ob diese nun gut, schlecht, wirr oder solide fundiert sind. Alleine dadurch gewinnen sie an Überzeugungskraft. In Sachen politischer und gesellschaftlicher Ideen trifft dies vor allem auf die schreibende Zunft und narrative Kunstformen ‒ Film, Theater ‒ zu. Inhalte gewinnen dank professioneller Gestaltung an intuitiver Plausibilität, völlig unabhängig davon, ob sie intellektuell solide und empirisch gestützt sind. Dies ist auch der tiefere Grunde, weshalb Schriftsteller, Filmemacherinnen oder Theaterleute für die hintergründige Zeitanalyse kompetenter zu sein scheinen als etwa Schreiner, Altenpflegerinnen, Schönheitschirurgen oder Investementbankerinnen, auch wenn sie in etwa vermutlich über dieselben Kompetenzen verfügen: ihre praktische Lebenserfahrung nämlich.

 

Wenn sich Künstler qua Künstler für Wahlen aufstellen lassen wie dies zur Zeit eine Gruppe aus dem Umfeld der Plattform «Kunst und Politik» tut, dann tun sie mehr oder weniger dasselbe, was einst Autofreunde mit der Autopartei, Rentner mit der Rentnerpartei oder meinetwegen Ökologen mit der Grünen Partei taten: Aus der Warte eines spezifischen Themas den Anspruch erheben, das politische Tagesgeschäft mitzugestalten.

 

In der Selbstdeklaration der Kandidaten (sie ist als «Manifest» gelabelt) tönt dies dann so: «Kunst und Kultur (…) schaffen Anlass zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Werten, regen an zu kritischer Kommunikation und Produktion und stiften damit die Grundlage zur Erweiterung des politischen und gesellschaftlichen Dialogs.» Das ist mal ein Anspruch. Wir glauben’s halt einfach nicht. Kunst und Kultur dienen unserer Erfahrung nach in mindestens dem gleichen Mass der Verfestigung von Vorurteilen, der Stärkung von emotionalen Gruppenzugehörigkeiten, dem Primat der Ideologie über den Pragmatismus und der Abkapselung gegenüber Andersdenkenden.

 

Politik ist ein hartes, unspektakuläres, manchmal schmutziges, manchmal derbes und häufig stil- und geschmackloses Geschäft. Es geht dabei im Wesentlichen um das Verteilen von Ressourcen und den Kampf gegen Machtmissbrauch. Nicht auszuschliessen, dass Kulturschaffende diese Arbeit auch verrichten können, wenn sie sich die gänzlich kulturfernen Kompetenzen dazu – wie alle andern in der Politik tätigen –  in der Praxis aneignen. Die Voraussetzungen sind aber eher schlecht: Viel Synergien mit der Kulturarbeit gibt es da nicht, eher Reibungsflächen.


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