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Wo sind die Schweizer Kulturparteien?

 

von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler21.08.2015 -- Die Schweiz wählt diesen Herbst ihr Parlament neu. Der Urnengang wird als Richtungswahl beschworen. Die grossen Themen sind das Verhältnis des Landes zur Europäischen Union, die Migrations- und Flüchtlingsströme und die Zukunft der Schweizer Wirtschaft angesichts des starken Frankens. Und die Kultur? Sie ist ‒ Politiker, die gewählt werden wollen, wissen das ‒ ein Nichtthema. Wer sich als Kulturpolitiker profiliert, kann sich die Hoffnung, zur ersten Garde ernstgenommener Parlamentarier gezählt zu werden, in den Kamin schreiben. Das hat auch damit zu tun, dass Kultur in der Schweiz kein politischer Problemfall ist. Die Kulturschaffenden sind hierzulande ähnlich privilegiert wie die Bauern: Hochsubventioniert, über ihre faktische gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung hinaus unter Heimatschutz gestellt. Und genauso wie mit Blick auf die Landwirtschaft ist dies mit Blick auf die Kultur nicht innovationsfördernd, sondern ‑hemmend und strukturerhaltend.

 

Trotzdem: Welche Partei kann guten Gewissens als Partei gelten, welche die Interessen der Kultur vertritt? Das ist komplizierter, als man meinen könnte. Die Linken legen ihren gewerkschaftlichen Genen entsprechend das Gewicht auf den Schutz der Künstler und Künstlerinnen und weniger der Kunst. Für sie wiegt soziale Sicherheit hoch (wogegen ja eigentlich nichts einzuwenden wäre), sie hemmt damit aber die Innovationskraft der Kulturbranche. Für die Grundbedingung dynamischer Kultur ‒ Abenteuerlust, Aufbruchsstimmung und Neugier ‒ stünden eigentlich die Wirtschaftsliberalen in der Mitte mit ihrem Kampf gegen Regulierungen und für individuelle Freiheiten. Allerdings muss man an ihrer inhaltlichen kulturellen Kompetenz zweifeln. Für manchen Wirtschaftsführer ist Kulturschaffen bloss ein Dienstleistungszweig fürs Marketing.

 

Im Gegensatz zu den Liberalen mit ihrem impliziten Anspruch auf gepflegtes Savoir-vivre (oder was immer sie darunter verstehen), erheben die Nationalkonservativen auf der rechten Seite keinen Anspruch auf kulturelle Kompetenz. Sie gehen konsequent davon aus, dass Kultur gar keine Angelegenheit für Politik und Politiker sein darf, sondern sich frei von staatlicher und politischer Einflussnahme entfalten soll. Das ist eine durchaus ehrbare Position, wenn auch mit Blick auf die materiellen Rahmenbedingungen für hochkarätiges Kunstschaffen etwas naiv.

 

Versucht man mit Blick auf kulturelle Anliegen eine individuelle, parteiübergreifende Liste mit Kandidatinnen und Kandidaten zusammenzustellen, geschieht etwas Seltsames: Da finden sich dann Exponenten politischer Richtungen, die sich gegenseitig neutralisieren, weil sie für, respektive gegen den Ausbau des Staates sind, weil sie die Regeldichte erhöhen wollen, resepektive dagegen ankämpfen, weil sie den Schutz des Arbeitsplatzes betonen, respektive die Flexibilität des Arbeitmarktes verteidigen. Für alle diese politischen Anliegen gibt es mit Blick auf kulturelles Gedeihen partiell gute Argumente.

 

Es ist, als ob ein politischer Grundproblem sich da noch akzentueieren würde. In den grossen Zielen sind sich die Parteien in der Regel einig: Sie kämpfen für politische Freiheiten und wirtschaftliches Wohlergehen. Die Rezepte, wie diese gewährleistet werden können, sind zum Teil diametral entgegengesetzt.

 

Was lernen wir daraus? La culture n’existe pas. Bloss Kulturkonzeptionen. Widersprüchliche.


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