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Eine dritte Aufklärung tut not

 

Von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler23.10.2015 – Einst erklärte uns die Kirche als Autorität die Welt. Sie bestimmte die Gesetze, nach denen wir ein ihrem Glauben zufolge gottgefälliges Leben zu leben hatten. Sie tat dies nicht aufgrund besserer Argumente und der von Neugier genährten Erfahrung demütiger Weltenergründer. Sie tat es aufgrund metaphysischer Besserwisserei. Derer, die beeindrucken, weil sie dringlich zu predigen verstehen ‒ und beschwören, in Sorge um die Welt zu sein, die ohne ihre gnädige Zuwendung in Sünd‘ und Leid versinken würde. Die Aufklärer des späten 18. Jahrhunderts rüttelten am morschen Gebäude und wiesen ihren Mitmenschen den Weg aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit.

 

Dann erklärten uns die Intellektuellen die Welt. Sie bestimmten die Regeln,  nach denen wir ein ihrer Dialektik zufolge gerechtes Leben zu leben hätten. Sie taten dies nicht aufgrund besserer Argumente und der praktischen Erfahrung der Arbeiterinnen und Arbeiter. Sie tat es aufgrund metaphysischer Dialekterei. Derer, die beeindrucken, weil sie elitäre komplexe Tiefgründigkeit vorzuspiegeln verstehen und gleichzeitig beteuern, für die Machtlosen da zu sein. Die ohne Klassenkampf von Weltkapital und globalen Konzernen im Elend gehalten würden. Die Aufklärer des 20. Jahrhunderts rüttelten an ihren Luftschlössern und wiesen der Zivilgesellschaft den Weg aus der Verblendung ideologischer Heilsverkündungen.

 

Nun erklären uns bloss noch die Künstler die Welt. Sie bestimmen die Attitüden, nach denen wir ein ihrer Hellsicht zufolge politisch korrektes Leben zu führen hätten. Sie tun dies nicht aufgrund besserer Argumente und pragmatischen Wissens, erworben auf der Ochsentour praktischer politischer Tätigkeit. Sie tun es aufgrund eines diffusen Bewusstseins moralischer Überlegenheit. Derer, die ihre Selbstgewissheit aus der Selbstvergewisserung innerhalb der eigenen Gilde nähren. Derer, die zu verstehen glauben, weil die Gleichgesinnten sie bestärken und ihren Wutreden applaudieren.

 

Die Aufklärer des 21. Jahrhunderts sollten an diesen Wichtigtuereien rütteln und feststellen, dass Kunst- und Kulturschaffen zum politischen Diskurs nichts beizutragen haben. Die Welt wird dank Spekulieren, Theoretisieren, Deuten und psychologischem, soziologischem oder tiefenpsychologischem Analysieren von Schriftstellern, Theatermacherinnen, Musikern und Bildenden Künstlerinnen nicht besser. Eher das Gegenteil.

 

Sie wird besser dank Sachverstand, politischer Knochenarbeit und dem Eingeständnis, dass wir viele ihrer Mechanismsen schlicht nicht durchschauen. Das hindert uns dann auch daran, wohlklingende, aber bloss realitätsfremde Thesen und Polemiken ernst zu nehmen. Nichtwissen gilt es auszuhalten. Keine Stärke eitler Geistexperten.


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