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Zwei Paradigmen der Innovation

 

Porträt Wolfgang Böhler19.02.2016 -- In der aktuellen Kulturpolitik gilt für die Charakterisierung von Innovation ein mittlerweile kaum mehr hinterfragtes Innovations-Paradigma. In der Ökonomie nennt man es ein disruptives Modell: Es zielt auf Negation und Zerstörung von Bisherigen. Im kulturpolitischen Jargon wird dabei in der Regel von «Widerständigem», «Querständigem», «Aufrüttelndem», «Prophetischem» oder «Provokativem» gesprochen. Man erwartet von förderwürdigen Projekten, dass sie «Althergebrachtes in Frage stellen, negieren oder als Festgefahrenes demaskieren» und geht davon aus, dass Künstler eine Art Hellsichtigkeit für tieferliegende gesellschaftliche Entwicklungen haben.

 

Das Konzept ist allerdings ein Kind des romantischen Geniekultes des 19. Jahrhunderts und der politischen Philosophien revolutionärer Bewegungen. Der weitaus grössere (und vermutlich wichtigere) Teil der Innovationen im realexistierenden Kulturleben folgen einem andern, organischen und evolutionären Paradigma. Diesem folgend entwickeln Kulturschaffende ein seismografisches Gespür dafür, wann sich kulturelle Praktiken erschöpfen. Sie spüren Übersättigungen und Wiederholungsrituale, die mechanisch geworden sind und offerieren Neues, frisch wirkendes, das Altes nicht zerstört, sondern als Nährboden nutzt.

 

Ein vitales Kulturleben braucht beide Paradigmen, so wie eine vitale Wirtschaft genauso kontinuierliche wie disruptive Entwicklungen antreiben müssen. Das «Standbein» der Entwicklung sind aber die organischen und evolutionären Fortschritte. Disruptive dürften eher episodisch, können allerdings dafür ab und zu umso mächtiger sein.

 

In unseren Ausbildungsstätten wird künftigen Künstlern, Musikern Schauspielern und so weiter gefühlt nach wie vor der Eindruck vermittelt, ihre Arbeit sei bloss mit dem genialischen und radikalen Neudefinieren ihre Kunst relevant. Damit werden die verblüffende Idee, das Konzept gegenüber dem Handwerk und der kontinuierlichen Reifung zu sehr zum Massstab gemacht.

 

Man kann disruptive Innovationsstrategien auch als Top-Down-Strategien charakterisieren: Privilegierte, ausserordentliche Persönlichkeiten beglücken den Durchschnittsbürger mit Ideen und Erfahrungen, die über seinen Kleinbürgerhorizont hinausweisen. Organische Innovationsstrategien sind demgegenüber Bottom-Up-Prozesse: Sie wachsen aus der alltäglichen Erfahrung von Otto Normalverbraucher. Das eine ist eine aristokratisch-monarchistische Haltung, das andere eine demokratisch-republikanische. Paradoxerweise definieren sich die Vertreter der ersteren aber gerne ausgerechnet als Advokaten des Volkes.


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