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Zum Tode Joachim Kaisers

Porträt Wolfgang Böhler13.05.2017 -- Mit Joachim Kaiser (den wir sehr geschätzt haben) ist eines der letzten Urgesteine einer ästhetischen Epoche von uns gegangen: Kaiser stand für einen bestimmten Typus des Kritikers: Er hängt die Trauben derart hoch, dass bloss noch eine ganz kleine Elite für sich in Anspruch nehmen darf, Musik wirklich zu verstehen. Kaisers Wirken verstand Musik als Übung, ähnlich des im Geiste verwandten Zen-Buddhismus, der Erleuchtung bloss nach jahrelangen hartnäckigen Exerzitien behauptet. Wie dem Zen-Buddhismus ist dem Verstehen der Musik kaiserschen Prägung ein Ergründen der Welt eigen, das Eingeweihte und Ahnungslose unterscheidet.

 

Seine Art der Musikanalyse nimmt für sich in Anspruch, Übung in Demut (vor dem Werk) zu sein, Mitvoraussetzung dazu ist aber paradoxerweise die von Kaiser gerne selber geäusserte Überzeugung, dass übersteigertes Ego und intellektuelle Eitelkeit mit zum Geschäft gehörten. Man kann sich allerdings fragen, welchen sozialen und intellektuellen Mehrwert die Fähigkeit haben könnte, Interpretationen von Beethovensonaten bis in feinste Verästelungen zu unterscheiden und zu  beurteilen. Leider sind ‒  es ist dies eine der ernüchternden Einsichten moderner Musikpsychologie ‒  Transfereffekte musikalischer Kompetenz höchst bescheiden. Vermutlich liegt der Mehrwert für die Persönlichkeitsbildung etwa gleichauf mit Kompetenzen in der Detailkenntnis exotischer Regenwürmer, dem Erlernen von Klingonisch als fünfter Fremdsprache oder der Fähigkeit, die korrekte Ausführung eines dreifachen Rittbergers zuverlässig zu erkennen. Dem Ego tut dies alles sicher sehr gut. Darüber hinaus ist es allerdings wenig fruchtbar. 

 

Dagegen, solche Hobbys zu pflegen, ist ja im Grunde genommen nichts einzuwenden. Der im Kern aristokratisch-grossbürgerliche Wertekanon, für den Kaiser stand, hat allerdings eine Kehrseite: Er muss sich gegenüber dem scheinbar ambitionslosen, scheinbar kindischen Musikerleben des Durchschnittsbürgers abheben. Im Extremfall (des britischen Musikästhetikers Roger Scruton) sieht er darin einen Rückfall in vulgären Tribalismus.

 

Da täte eine Umwertung der Werte gut: Statt analytische und gestalterische Brillanz in die Pflege verschrobener Hobbys zu investieren, könnte man hochklassige Musikkompetenz dafür einsetzen, die zugänglichen sozialen und erlebnisorientierten Seiten der Musik auf ein höheres Niveau zu heben. Damit wäre allen gedient. Die Welt wäre ein bisschen besser. Bloss für die Egos wären dies vermutlich eher schlechte Nachrichten: Wer Kreationen als selbstverständlich betrachtet, neigt dazu, die Leistungen ihrer Urheber massiv zu unterschätzen. Es gab solche Zeiten in der Musikgeschichte auch schon, etwa im Mittelalter oder in der Renaissance. Es gibt sie auch heute, im Zeitalter von epidemischem Raubkopieren, Sampling und Streamingdiensten als Einkommenskillern von Musikern. Solche Zeiten gehören aber interessanterweise zu den kreativsten, produktivsten und energiereichsten der Kulturgeschichte. 

 


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