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Umwertung der Werte im 21. Jahrhundert

Porträt Wolfgang Böhler27.05.2017 -- Irgendwie läuft das mit den Regeln aus dem Ruder: In der guten alten Zeit, in der natürlich alles besser war, hassten es Kinder, in der Schule Regeln lernen zu müssen: Orthografie, Einmaleins, Stillsitzen, Schönschreiben, Solmisation, Ordnung haben im Schreibpult, eine Kletterstange hochkommen, Dinge genau beobachten, präzise beschreiben und abzeichnen... lauter Kulturtechniken, Kompetenzen ‒ und Fähigkeiten, um in Teams zuverlässige und nützliche Arbeit zu verrichten. Daneben gab es jede Menge unregulierte Freiräume, draussen in der Natur, in der Freizeit, in autonomen Kindergesellschaften. Das heisst, es gab mal eine Erziehung einerseits zum geschickten Umgang mit Wissen und Können und andererseits zur selbstverantwortlichen individuellen Freiheit.

 

Der Sinn von Regeln ist in der heutigen Gutmenschen-Gesellschaft gekippt: Heute lernen Kinder, was alles sie in einer politisch korrekten Gesellschaft dürfen, nicht dürfen (vor allem nicht dürfen), sollen, müssen, was sie zu denken, was zu recyceln und was an kleinen und grossen Ungerechtigkeiten zu vermeiden haben, worüber sie sich zu empören haben und auf welchen persönlichen Rechten sie zu bestehen haben. Daneben gibt es jede Menge unregulierte Freiräume, in der Orthografie, im unleserlich Schreiben, im kreativen Umgang mit Fakten (es gibt ja keine Wahrheiten mehr, sondern bloss noch Interpretationen).

 

Und die Kinder lernen heute im Extremfall (etwa mit Blick auf «leichte Sprache»), dass ausserordentliches Beherrschen von Kulturtechniken Ungerechtigkeiten zur Folge haben soll, weil es diejenigen scheinbar herabsetzt, die sich darin weniger geschickt zeigen. Paradoxerweise verstärken sie damit genau die Haltung, die sie vermeiden wollen: Menschen nach ihrem wirtschaftlichen Wert zu beurteilen, und ihnen nicht unabhängig davon das Gefühl zu geben, angenommen und geschätzt zu werden so wie sie halt nun mal sind.

 

Die potentielle Subversivität des Künstlers hat sich damit in ihr Gegenteil gekehrt, die Kreativen haben's nur noch nicht gemerkt: War in der guten alten Zeit das Durchbrechen starrer Regeln und die wilde Kreativität die notwendige Provokation, wären es heute dass Bestehen auf handwerklichem Können und das Verteidigen von Kulturtechniken, Ordnungssinn und Konzentrationsfähigkeit. Das wäre die irritierende Störung des Zeitgeistes: Wohlverhalten und die Fähigkeit, Andersdenkenden zuhören zu können, ihre Argumente aufzunehmen, statt sie mit Shitstorms und Sit-ins gesinnungsethisch-empört zu unterdrücken. Mensch und Meinung auseinanderzuhalten.

 

Leider ziehen sich auch die Kulturschaffenden ‒ nicht zuletzt diejenigen, die in einem ewiggestrigen Sinne Kultur als Fortsetzung einer gesellschaftskritischen Politik mit andern Mitteln verstehen ‒ in eine Blase (Neudeutsch: Bubble) der moralischen Überlegenheit zurück. Mit ihrem Bestehen auf einer regelzersetzenden Gesellschaftskritik befördern sie mittlerweile genau das, wogegen sie zu kämpfen vorgeben: eine kleinkrämerische, rechthaberische, unmündige und fragmentierte Gesellschaft. Echt subversiv wäre mittlerweile das Beharren auf Eigenheiten wie Anstand, Höflichkeit, charakterliche Grosszügigkeit und das Hintansetzen des eigenen Egos.


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