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Kulturförderung ist Umverteilung von unten nach oben

Von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler10.06.2017 -- Man fragt sich, weshalb eigentlich noch nie jemandem aufgefallen ist, dass unser System der Kultursubventionierung eine gigantische Umverteilung von unten nach oben darstellt. Schlimmer noch: Die welche profitieren machen sich über die, welche leer ausgehen, auch noch lustig. Die grossen Kulturtempel der Ober- und oberen Mittelschicht, die Opernhäuser, Kunstmuseen, klassischen Orchester und Theater, verschlingen das meiste Geld; die Kleintheater, Literaten, Kinos, Konzertlokale der Mittelschicht räumen den Rest ab. Leer gehen die Zulieferer des Plebs aus: Schlager, Volksmusik, Musicals... Ihre Vertreter produzieren in den Augen der Hablichen kulturelle Minderware und füllen sich damit auf Kosten ihres naiven Publikums bloss die eigenen Taschen.

 

Otto Normalverbraucher und Anna Normalverbraucherin sollen sich also mit billiger Konfektionsware zufrieden geben, während für die Herren und Damen der feinen Gesellschaft nur das beste, ausgeklügeltste und raffinierteste gut genug ist. Um die Akustik von Konzertsälen von sehr gut auf noch einmal ein bisschen besser zu steigern, werden gerne mal ein paar hundert Milliönchen Steuerfranken aufgeworfen. Für das Heer der Burger-Brater, Taxifahrerinnen, Altenpfleger und Paketkuriere tun's ein paar Herz-Schmerz-Reime alleweil. Während Museen moderner Kunst mit Staatsmilliarden fit gemacht werden, um die exorbitanten Versicherungssummen zu bezahlen, die Folge der Spekulationen globaler Superreicher sind, reichen für die Bauern im Festzelt Schenkelklopf-Humor und eine Bratwurst (nichts gegen eine Bratwurst!).

 

Eben, weshalb eigentlich ist das noch nie jemandem aufgefallen. Kann damit zu tun haben, dass diejenigen, die sich für soziale Gerechtigkeit am meisten ins Zeug legen, halt auch die sind, die vom System am meisten profitieren. «Tunica proprior pallio» meinte im Alten Rom schon Plautus: Die Tunika ist mir näher als der Mantel.


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