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Musikvermittlung und die Leitkultur in der Schule

Von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler24.06.2017 -- Schon seit längerer Zeit beobachten wir eher mit Sorge die tendenzielle Verlagerung der Musikerziehung von der Schule zu externen Angeboten der Musikvermittlung. Da von den hoch subventionierten Kulturinstitutionen, den Theatern, Orchestern, Musikhochschulen, Opernhäusern, erwartet wird, sich zu legitimieren, übernehmen sie mehr und mehr diese Funktion. Die Qualität der entsprechenden Angebote steht dabei gar nicht zur Debatte, das Problem ist eher, dass sich die Deutungshoheit über die Musik für die Kinder von der Schule zu diesen Einrichtungen verlagert. Die Sehnsuchtsorte der Schülerinnen und Schüler sind damit immer weniger die lokalen Musikvereine, die partizipativ, integrierend und identitätsstiftend wirken. Vielmehr werden die professionellen, an globalen Märkten orientierten, elitären Leuchttürme zur Leitkultur.

 

Damit verschieben sich auch die Werte: Dorf- und Quartierproduktionen, die sich nach den Bedürfnissen der lokalen Gemeinschaft ausrichten und dazu Sorge tragen, dass alle eingebunden sind, wirken in dieser Optik altbacken, verstaubt und dilettantisch. Nicht mehr die Gestaltung der näheren sozialen und politischen Umgebung ist attraktiv, sondern der Reiz, sich am globalen Glamour zu messen.

 

Wenn Musikvermittlung schon einen Teil des Musikunterrichtes kompensieren soll, der an öffentlichen Schulen nicht mehr stattfindet, dann sollte sie sich nicht darauf kaprizieren, Ästhetiken in die Schule zu tragen, die möglicherweise weit weg von deren konkreten Lebenswelten sind. Ihre Aufgabe müsste es vielmehr sein, als Dienstleisterin die eigenen ästhetischen Findungsprozesse der Heranwachsenden zu begleiten und Brücken zu bauen zwischen den Schulen und den örtlichen Musikvereinen, den Chören, Brass Bands, Orchestern und so weiter.

 

Sonst läuft sie Gefahr, das Gegenteil dessen zu erreichen, was sie will: Die Kinder dazu zu motivieren, sich selber aktiv kulturell zu betätigen.


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