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Unvereinbare ästhetische Grundhaltungen

Von Wolfgang Böhler

 

Porträt Wolfgang Böhler08.07.2017 -- Das Musikleben prägt ein fundamentales zwischenmenschliches Missverständnis. Es ist Folge unterschiedlicher, ja gar konträrer Grundhaltungen zwei sozialer Kulturen gegenüber der Musik: Die eine könnte man als Sich-selber-Ausstellen bezeichnen, die andere als Sich-selber-Zurückstellen. Erstere hat kreative, disruptive, aber auch narzisstische Züge, letztere identitätsfestigende, Werte vergewissernde, aber auch abgrenzende Züge. Zu den ersteren gehören die urbanen Jugendkulturen, die diversen Star- und Geniekulte und die elitären Avantgardeszenen, zu den letzteren Volksmusikszenen, traditionelle bürgerliche Musikvereine und die Kirchenmusik.

 

Im Grunde genommen wollen beide Kulturen dasselbe: Sie verstehen Musik als Botschafterin von Frieden und Versöhnung ‒ als ein Mittel, die Würde des Menschen zu sichern und gegen jegliche Form der Barbarei zu verteidigen. Erstere sehen dieses Ziel dadurch gewährt, dass gesellschaftliche Ketten gebrochen werden, dem Individuum persönliche Selbstenfaltung zugestanden wird und Fähigkeiten, die das Durchschnittliche übersteigen, zum Blühen gebracht werden. Die andern sehen die Ziele erfüllt in der Feier der Gemeinschaft, die Unterschiede in den Hintergrund rückt und Solidarität, Dienst an der Gesellschaft und Zuverlässigkeit festigt.

 

Tragischerweise werfen sich die Repräsentanten der einen und der andern Kultur gegenseitig Selbstbezogenheit und Rücksichtslosigkeit vor und sehen sich selber jeweils als Verfechter von Toleranz und gesellschaftlicher Offenheit. Die urbanen Avantgardisten, die mit engem Blick ihr eigenes selbstdeklariertes innovatives Treiben zum Massstab des Relevanten machen und Identitätsfestigendes als volkstümelei abtun, wirken dabei genauso hinterwälderisch wie Traditionalisten, die Kulturerbe mit starren Regelwerken jegliche Lebendigkeit austreiben. Die aktuelle Populismusdebatte verstärkt diese Tendenzen.

 

Kennzeichen einer offenen Gesellschaft: Nicht die Positionen und Lebensentwürfe zählen, sondern die Fähigkeit, Lebendiges von Erstarrtem zu unterscheiden, ersterem ungeachtet eigener Überzeugungen Raum zu geben und ihm mit Wertschätzung zu begegnen.


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