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Die Neue Volksmusik – eine Bilanz

 

Cover Buch12.02.2016 -- Seit der Folkbewegung der 1970er-Jahre und den damaligen programmatischen Festivals auf der Lenzburg und auf dem Gurten hat sich in der Schweiz eine Subszene formiert, welche die Volksmusik als Bühne für allerlei Tüfteleien, Neukombination und Neudeutungen nutzt. Institutionalisiert worden ist die Bewegung in den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts nicht zuletzt dank dem Pro-Helvetia-Programm «Echos ‒ Volkskultur für morgen». Die überschaubare Szene verfügt heute über dezidierte Verlage (Mülirad), Festivals (Alpentöne, Stubete am See), Labels (Zytglogge, Musiques Suisses), assoziierte Journalisten (Christoph Fellmann, Thomas Burkhalter, Theresa Beyer und andere) und eine Hochschulausbildung (in Luzern). Das Buch «Die Neue Volksmusik» von Dieter Ringli und Johannes Rühl ist eine Art Bilanz der vergangenen rund vierzig Jahre ‒ und weit mehr als das.

 

Zunächst fällt auf, wie differenziert, realistisch und kritisch die Essays und Porträts in dem Buch das Phänomen reflektieren: Sowohl typische Eigenheiten wie auch die Grenzen des Phänomens werden beleuchtet. Gewürdigt wird da etwa die Vielfalt, Originalität und die Leidenschaftlichkeit, mit der immer wieder versucht wird, ein Musikphänomen aufzubrechen, das eher eigensinnigen Kleinstszenen verpflichtet ist. Genauso wenig wird aber auch unterschlagen, dass es bisher nie wirklich gelungen ist, damit das traditionelle oder gar ein internationales Publikum zu erreichen. Die zahlreichen Grenzgänge zu Klassik, Jazz und Weltmusik werden genauso detailliert erläutert wie die qualitativen Schwächen der kompositorischen Neuschöpfungen. Auf den Punkt bringt letztere etwa der Komponist, Cellist und Verleger Fabian Müller, der zur Recht darauf hinweist, dass in der Neuen Volksmusik die Bedeutung des Motivischen unterschätzt wird. Da werde nicht primär an die gute Melodie gedacht, so Müller, sondern sinngemäss zuerst einmal geschaut, welche harmonischen Kapriolen gemacht werden könnten und «die Melodien entsprechend reingedudelt» (199). Genauso erlebt man das.

 

Ebenso klarsichtig der Klarinettist Dani Häusler, wenn er feststellt, dass die «Neue Volksmusik» es bisher nie über Tüfteleien, Experimente und Projekte hinausgebracht hat, die über einen inneren Zirkel kaum hinausstrahlen. Es fehle eine herausragende Persönlichkeit, die all dies auf ein höheres Niveau hebe und damit das wirklich grosse Publikum erreiche. Solche gibt es in vergleichbaren lokalen Volkskulturen ‒ im Tango etwa Astor Piazzolla, im Klezmer Giora Feidman, im Flamenco Paco de Lucia. Sie haben aus ihren Traditionen universale Klangsprachen mit globaler Ausstrahlung geschaffen. Diesen stilistischen Ausprägungen ist eigen, dass Migrations- und Unterschichtserfahrungen wesentlich zu ihrer Expressivität beitragen, Dimensionen die der Schweizer Volksmusik, die eher Selbstgenügsamkeit und Sattheit zum Ausdruck bringt, halt eben fehlen.

 

Das Buch ist aber weit mehr als bloss eine Bestandesaufnahme der Schweizer Neue-Volksmusik-Szene. Es ist ein weit darüber hinaus gültiges Soziogramm musikalischer Mikroszenen. Man nimmt zur Kenntnis, dass sogar das Volksmusik-Publikum hochgradig fragmentiert ist: Es ist absolut möglich, dass Vertreter des Bündner Instrumentalstils dem Jodellied durchaus nichts abgewinnen oder Berner Schwyzerörgeli-Spieler mit Appenzeller Streichmusik nichts anfangen können. Ja sogar die Neue-Volksmusik-Vertreter sind sich keineswegs einig in ihren Vorlieben und Abneigungen. Beim Lesen beschleicht einen zunehmend der Verdacht, dass dieser Lokalpatriotismus möglicherweise gar keine Schwäche, sondern eine Stärke volksverbundenen Musizierens ist und auch eine positive politische Dimension hat: Gerade in der Freiheit, in überschaubaren Dimensionen autonom und stolz das tun und lassen zu können, mit dem man sich identifizieren kann, scheint eine sichere Eigenart freiheitlicher Gesellschaften.   

 

Das einzige was man in dem Buch vermisst: ein Register. Der ansonsten liebevoll gestaltete Band würde sich als Nachschlagewerk nachdrücklich empfehlen. (wb)   

 

Info: Dieter Ringli, Johannes Rühl: Die Neue Volksmusik, Siebzehn Porträts und eine Spurensuche in der Schweiz (mit CD), Chronos Verlag, Zürich 2015, ISBN 978-3-0340-1310-9 


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