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Das Trio Rafale spielt Frühwerke

06.05.2017 -- Es gab mal eine Zeit, da wurden künstlerische Lebenswerke auch als biografische Entwicklungslinien verstanden ‒ als Wege von rebellischen, ästhetisch vielleicht kühnen, aber noch nicht vollendeten Willensäusserungen über Perioden authentischer Produktivität bis hin zu reifen, gerne auf Wesentliches reduzierten Alterswerken. Komponistenlaufbahnen werden bis weit ins 20. Jahrhundert als Reife- und Entfaltungsprozesse verstanden. Jung Verstorbene, etwa Purcell, Pergolesi, Mozart oder Schubert, muss dabei posthum als «Frühvollendeten» ein abgerundetes Gesamtwerk zugeschrieben werden. Dem Requiem eines 35-jährigen verleiht man dann wie im Falle Mozarts den Status eines todesnahen «Alters»-Werkes. Einfach abgebrochene Werklinien oder Weisheitsverweigerungen ‒ man denke etwa an Rossinis «Gefolterten Walzer» «asthmatische Etüde» oder «Fehlgeburt einer Polka-Mazurka» ‒ sperren sich allerdings gegen solche virtuellen Abrundungen von Biografien.  

 

Gibt es so etwas wie typische Eigenheiten oder gar notwendige Eigenschaften eines Frühwerkes? Die Frage stellt auch das Schweizer Klaviertrio Rafale, das auf seiner CD «Frühwerke» Kammermusik von Schostakowitsch (Trio Nr.1, c-Moll), Henze (Kammersonate), Rachmaninow (Trio élégiaque) und Debussy (Trio in G) bündelt und mit einem (als eine Art Feldforschung zum Thema?) sozusagen bewusst provozierten neuen Frühwerk ergänzt: Das Trio hat dem 32-jährigen Solothurner Jannik Giger (einem Schüler von Dieter Ammann in Luzern sowie Michel Roth und Erik Oña in Basel) eigens einen Werkauftrag erteilt.

 

Zu Gigers «Caprice» schreibt das Trio, es sei geprägt vom «starken Drang einer inneren Energie nach Entladung», auf der «Suche nach dem Ungebändigten», mit der er es schaffe, «jegliche Konventionen über den Haufen zu werfen.» Da stellt sich (wie bei den andern Werke auf der CD natürlich auch) die Frage, wie weit ein junger Komponist in einer Art Rollenprosa eigene oder fremde Erwartungen an seine Jugendlichkeit zu erfüllen versucht ‒ und vielleicht gerade darin sich eine noch nicht ausgebildete Souveränität, einfach sich selber zu sein, offenbart. Möglicherweise ist dies auch eine Eigenheit, die Früh- oder Jugendwerke speziell auszeichnet.         

 

Man kann die Frage nach Authentizität, Qualität und Reife von Frühwerken auch beiseite lassen. Ein gutes Argument zur Rechtfertigung des Programms der CD hat das Trio nämlich, wenn es feststellt, dass «'Jugendwerke' relativ selten ihren Platz im Konzertbetrieb erhalten», wie es im Booklet zu bedenken gibt. Und dafür verdankenswerterweise eine Lanze bricht.

 

Das Trio Rafale ist mit internationalen Preisen bereits hochdotiert. Es hat 2014 im Londoner Kammermusiktempel Wigmore Hall debütiert, 2015/16 in der Berliner Philharmonie und 2016 am Lucerne Festival. 2016 ist es auch ins Mentoring-Programm des Beethoven-Hauses Bonn aufgenommen worden. Sein eigenes Frühwerk hat es so wohl nun mehr oder weniger hinter sich. Es dürfte sich lohnen, seine Weiterentwicklung (Reifephase?) aufmerksam mitzuverfolgen.


Info: Frühwerke/Youthful Passion, Werke von Schostakowitsch (Trio Nr.1, c-Moll), Henze (Kammersonate), Rachmaninow (Trio élégiaque), Jannik Giger (Caprice) und Debussy (Trio in G). Trio Rafale (Maki Wiederkehr, Klavier; Daniel Meller, Violine; Flurin Cuonz, Violoncello), Coviello Classics 2017, aufgenommen im August 2015 im Radiostudio Zürich.    


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