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Editorials

Darf (muss) Journalismus trocken sein?

Von Wolfgang Böhler

 

15.02.2005 -- Musikästhetik schafft sich in der deutschen Gelehrtentradition in Formulierungen wie der folgenden Ausdruck: «Die kompositorische Rechtfertigung des ästhetischen Anspruchs der Musik ist die Tatsache, dass sie sich als tönender Diskurs, als Entwicklung musikalischer Gedanken präsentiert, die dazu da sind, um ihrer selbst willen gehört zu werden.» (Das Zitat stammt aus Carl Dalhaus’ Buch Die Idee der absoluten Musik). Nicht gerade einladend. Vieles im täglichen Feuilleton deutscher Qualitätsblätter ist allerdings ungleich abschreckender. «Statt seismografischer Beben fragmentarischer Erinnerung sind plumpe Appelle an marktschreierische Kräfte des Faktischen angesagt; Inszenieren wird mit Szene machen verwechselt, die Abgründe sind nivelliert und werden auf dem Altar der Beliebigkeit dem Fetisch Originalität geopfert», tönt es etwa.

Man wird den Eindruck nicht los, dass deutsche Musikwissenschaft und -ästhetik Musik immer wieder als eine Art Totem betrachten und nüchternes Reden darüber mit einem Tabu belegen. Verletzt man dieses, offenbart man sich als Uneingeweihter mit – wie im Falle von magischen Vergehen zwingend – üblen Folgen.

Da sind die Amerikaner schon prosaischer. Der Rezensent der «Chicago Daily News» eines John-Cage-Konzertes von 1942 bemüht sich in angelsächsischer Journalisten-Manier um Meinungen: «’Das ist besser als Benny Goodman’, sagte ein Mann aus dem Publikum, der zuvor verkündet hatte, ‚Bach langweilt mich’» Etwas weiter unten fährt er fort: «Als man Mr. Cage später erzählte, dass ein Mädchen aus dem Publikum seine Musik als ‚einfach schrecklich’ bezeichnet hatte, sagte er: ‚Wir haben noch viel schrecklichere Nummern als diese. Sie sollten uns hören, wenn wir die elektrischen Sachen anhaben.’»

Stellen sie sich das einmal an den Salzburger Festspielen vor: «Der ‚Papageno’ ist viel lustiger als der ,Jedermann’, erklärte eine Dame aus dem Publikum und einer jungen Zuhörerin gefiel nur gerade die Ouvertüre. Der Dirigent meinte, wenn ihr die Musik so egal sei, dann werde er den ‚Don Giovanni’ in der nächsten Saison von Schlingensief inszenieren lassen.» Der Feuilletonchef, der da nicht auf der Hut war, hätte sogleich selbigen zu nehmen.

Hand aufs Herz: Der nüchterne Blick des amerikanischen Reporters liefert uns doch ein ebenso atmosphärisch stimmiges Bild wie uns die deutsche Feuilletonkritik den Blick vernebelt. Was ist also gewonnen, wenn die Sprache, in der über Musik geredet wird, preziös, kompliziert und anspielungsreich daherkommt? Das haben wir uns auch gefragt und uns das möglichst klare und nüchterne Sprechen als Programm auferlegt – sozusagen als stiller Protest gegen die zunehmenden Manierismen im deutschen Feuilleton und der professoralen Klangrede im akademischen Umfeld. In unserem redaktionellen Leitbild (hier zu finden) ist dieser Grundsatz explizit festgehalten: Statt uns selber zu inszenieren, machen wir uns lieber zum Sprachrohr derjenigen, die wir porträtieren.

Wer sich allerdings konsequent darin übt, so nüchtern wie möglich zu bleiben, merkt schnell einmal, dass Sprachwitz und geschliffene Feder nicht wegen nichts so populär sind. Nüchterne Schreibe ist nämlich zwar lobenswert und für viele Themen die einzige angemessene Form des Respektes, aber leider sterbenslangweilig und deshalb von durchschlagender Wirkungslosigkeit (ein Brecht zugeschriebenes Bonmot). Ganz ohne lustvolle Rhetorik geht es also auch nicht, wenn der Leser bei der Stange gehalten werden soll.

Wir hoffen aber, dass die flotte Schreibe auf unseren Seiten tatsächlich bloss die Funktion hat, mit dem Belehren auch zu unterhalten, wie der Lateiner sagen würde. Spätestens wenn sie beginnt, gedankliche Ungenauigkeiten oder gar einen Mangel an Argumenten zu übertünchen, hoffen wir auf die Korrektur durch unsere Leserinnen und Leser, in Form von Leserbriefen als Nasenstüber.
(wb)


Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins


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