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Editorials

Die letzte Bastion der Metaphysik

Von Wolfgang Böhler

 

06.12.2004 -- In der Philosophie ist die Metaphysik schon längst im Museum gescheiterter Ideen gelandet. In der europäischen Kunstmusik feiert sie nach wie vor Urständ. Viele Komponisten gebärden sich noch heute wie barocke Meister, die Winkel und Ecken von Kirchen liebevoll und detailreich auspinseln, auch wenn sie vom Kirchgänger unmöglich eingesehen werden können. Man malt für Gott, nicht für den Menschen. Die zeitgenössische Kunstmusik beschäftigt sich obsessiv mit Strukturen und Architekturen. Das menschliche Mass ist zweitrangig. Metaphysik kann solche Glasperlenspiele als Suche nach einer höheren Wirklichkeit verteidigen. Der aufgeklärte Mensch gewinnt der Musik bloss etwas ab, wenn sie dem Menschen hilft, die eigene Sinnlichkeit besser zu verstehen.

Charakteristisch für die Einstellung ist eine Passage in Helga de la Motte-Habers «Handbuch der Musikpsychologie». Die Autorin schreibt über die musikalische Transfomationsgrammatik der Amerikaner Lerdahl und Jackendoff, die eine subtile Theorie über die Eigenheiten des menschlichen Hörens entwirft: «Da nicht an der Theorie gezweifelt wurde, kam es zu extremen Ablehnungen von Werken von Ligeti und Boulez. Der Aufsatz Cognitive Constraints on Computational Systems ... wäre besser nie zum Druck gelangt.» Was ist Lerdahls «Verbrechen»? In dem Aufsatz (in dem übrigens nichts von extremer Ablehnung, dafür viel von kritschem Respekt zu spüren ist) bezweifelt der Musiktheoretiker, dass die Kompositionsgrammatik im «Marteau sans maitre» von Boulez auch die Hörgrammatik bestimmt. Mit anderen Worten: Lerdahl ist überzeugt, dass der Hörer – selbst der kundige! – nicht in der Lage ist, tatsächlich die Strukturen aus dem Werk heraus zu hören, die ihm Boulez als Kompositionsprinzip zugrundelegt hat.

De la Motte-Habers Bannspruch ist 2002 unverändert auch in die 3. Auflage des «Handbuches» übernommen worden. Dies, ohne dass dabei auch nur ansatzweise erklärt würde, was Lerdahl in dem fraglichen Aufsatz überhaupt postuliert. Die Unredlichkeit erinnert an Propagandemethoden in autoritären Systemen. Lerdahl hätte eine kritische, aber auch korrekte Darstellung seiner Gedanken verdient. An ihrem Gewicht kann nicht gezweifelt werden. Immerhin hat die European Society for the Cognitive Sciences of Music (Escom) im Frühling 2003 seinem Opus Magnum «Tonal Pitch Space» einen ganzen Band ihrer Fachzeitschrift «Musicae Scientiae» gewidmet.

Die Fehlleistung ist sympomatisch. Man verteidigt obsessiv das Recht, sich mit abstrakten Strukturen zu beschäftigen. Der Hörer hat gefälligst das Sensorium dafür zu entwickeln. Dabei gälte es, alle Energien aufzuwenden, um die Strukturen der menschlichen Erfahrungsfähigkeit und ihre Umsetzung in künstlerische Konzepte zu erforschen. Rechtfertigen kann man die misanthropisch anmutende Haltung eben nur auf Basis einer Metaphysik: Ein fiktives (und philosophisch schon lange gemülltes) Absolutes wird zum Mass der Musik genommen.

Man stellt sich die Frage, ob man eine Selbstverständlichkeit der Kunstmusikproduktion einmal hinterfragen sollte: Die Meinung, dass Musik immer das einsame Erzeugnis eines Einzelnen, des Komponisten, sein muss. Mit dieser hinkt die Tonkunst als Wissenschaft des auditiven Erlebens den Naturwissenschaften um Jahrzehnte hinterher. In den harten Wissenschaften wurde das Paradigma des Einzelkämpfers, das zu Zeiten Newtons und sogar noch zu denjenigen Albert Einsteins galt, zu Gunsten einer teamorientierten Forschung abgelöst. Man werfe nur einmal einen Blick in eine naturwissenschaftliche Fachpublikation. Da zeichnet mitterweile immer ein ganzes Team für eine Arbeit verantwortlich. Vielleicht wäre es ein Weg aus der kreativen Sackgasse, Musik künftig in einem Team aus kommunikativen Machern und Pröblern zu produzieren.

Ist es verwegen zu hoffen, dass die Musikforschung, deren Experimente die Kompositionen darstellen, auch einmal einen ähnlichen Aufschwung wie die Naturwissenschaften erleben wird, wenn sie endlich den metaphysischen Ballast abgeworfen hat?
(wb)


Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins

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