Onlinemagazin für Klassik, Jazz, Weltmusik und Musikwirkungsforschung

 

 

Editorials

Unwort des Jahres: «Kultur»

Von Wolfgang Böhler

 

27.12.2004 -- Kultur und Politik haben im Sprachgebrauch der aktuellen Gesellschaftswissenschaften etwas gemeinsam: Sie decken beide denselben Ausschnitt aus der Welt ab, nämlich alles. Man kann blind auf irgendeinen Sachverhalt oder ein Ding tippen (auf den Sachverhalt natürlich bloss metaphorisch). Dann behauptet man, es sei Kultur respektive Politik und schon hat man gepunktet. Kopfweh des morgens ist genauso Politik wie eine Rauchpetarde auf einem Fussballfeld Kultur. Dafür gibt es auch kreative und plausibel wirkende Rechtfertigungen: Kopfschmerz kann zum Beispiel als psychosomatische Reaktion auf das härter gewordene soziale Klima erklärt werden, die Rauchpetarde als Akt der Auflehnung gegen die Vermarktung des Sportgedankens und damit eben als künstlerische Aussage.

Derartige Begründungen finden ist ein wunderbares Gesellschaftsspiel für langweilige Winterabende... Der Schnee – Industrieschnee? – Politik, weil Indikator der Umweltverschmutzung. Kultur, da Symbol der Unschuld und der Vergebung. Zumindest bis zur Schmelze im Frühling.

Über Politik wollen wir uns hier nicht weiter verbreiten, stellt sich Codex flores da doch auf einen neutralen Standpunkt (das Paradox, dass dies bereits eine politische Stellungnahme ist – weil ja alles Politik ist –, lassen wir mal beiseite). Widmen wir uns also ausschliesslich der Kultur: Die im Bemühen um gesellschaftliche Relevanz an sich löbliche Ausweitung des Kunstbegriffes hat fatalerweise zum Gegenteil dessen geführt, was ursprünglich beabsichtigt worden ist: Statt dem Alltag den Warencharakter zu nehmen, hat der erweiterte Kulturbegriff dem Merkantilen die Kunst ans Messer geliefert. Sie ist zum Handelsgut und Designobjekt reduziert worden. Zenbuddhistische Authentizität verwandelt sie in ausgeklügeltes japanisches Design, Philosophie in eitle Essayistik in Hochglanzpostillen, Malerei in Geldanlagen.

Als «die Kreativen» verstehen sich heute ja ironischerweise die Werber. Die Kulturpublizisten wiederum sind – möglicherweise aus Rache für die Usurpation – zu Sachverständigen für alles und jedes mutiert: Der Literaturkritiker schreibt über Wahlen in Osteuropa, der Filmspezialist über das drohende Abreissen des Golfstromes, der Theater-Kolumnist über die Auswirkungen der Frauenbewegung auf die Nanotechnik – das vulgäre Schreiben über einen Film, ein Buch oder ein neues Theaterstück, insofern einfach Kunstobjekt, überlässt man dem Volontär.

«Ceci n’est pas une pipe» schrieb Magritte einst – scheinbar absurd, aber logisch völlig korrekt – unter die Abbildung einer Pfeife. Wenn wir nun behaupten, dass Codex flores kein Kulturmagazin ist, dann ist dies eingedenk der eingangs geäusserten Beobachtung über die Benutzung des Begriffes der Kultur zwar ein logischer Widerspruch. Es ist aber gerade deshalb weitaus subversiver als manche Attitüde des Ausbrechens aus traditionellen Kategorisierungen der Kunst. Weil es einer strikten Weigerung gleichkommt, im Zirkus der designten Beliebigkeit mitzuturnen.
(wb)


Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins


Nachrichten

Im Gespräch

Kritiken

     

 
feed-image RSS-Nachrichten-Feed abonnieren

Ensembles, Veranstalter, Musikhochschulen

Impressum
AGB/Datenschutz