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Editorials

Besame mucho?

Von Wolfgang Böhler

 

24.01.2005 -- Für manche Kulturbeflissene im deutschsprachigen Raum mag die Tatsache, dass wir den Tod von Consuelo Velasquez prominent vermelden, unverständlich erscheinen. Zu Weltruhm gelangt ist die Mexikanerin nämlich mit einem Lied, das die meisten mit indianischen Strassenmusikern in Fussgänger-Zonen der Innenstadt assoziieren und als Inbegriff des Ethno-Kitsches verstehen.

Man tut der Komponistin, die zeitlebens überaus bescheiden aufgetreten sein soll, und der ganzen «Latino-Kultur» damit zutiefst Unrecht. Velasquez’ Bolero «Besame mucho» ist zwar in die Jahre gekommen und durch allzu viele Wiedergaben etwas müde geworden. Er bleibt aber der Inbegriff der authentischen lateinamerikanischen Romantik, zu deren Eigenart, Zärtlichkeit und (erotischer) Sehnsucht unmittelbaren Ausdruck zu geben, der deutsche Intellekt offensichtlich ein gebrochenes Verhältnis hat.

Lieder wie «Besame mucho» werden von Deutschen meist nur mit ironischem oder parodistischem Unterton dargeboten, weil sie der weitgehend protestantisch geprägten Ethik zuwiderlaufen. Im Gegensatz zur mexikanischen (und anderen lateinamerikanischen) Kulturen, in der Achtung und Wertschätzung des individuellen Menschen und der Respekt im Umgang miteinander tief verankert sind, neigen wir lutherisch oder zwinglianisch geprägte Zentraleuropäer nämlich dazu, Selbstwertgefühl als etwas prinzipiell Verdächtiges anzusehen.

Aus dieser kulturellen Differenz entstehen die meisten Konflikte zwischen Deutschen und Latinos: Was der Deutsche an der Mexikanerin als Stolz, Empfindlichkeit und kapriziöse Eitelkeit versteht, betrachtet diese wiederum als Respekt vor dem Individuum, seinem unverwechselbaren Wert und als Authentizität des Fühlens. Und was die Mexikanerin an unserem Auftreten als Zynismus, Menschenverachtung und seelische Kälte interpretiert, ist für uns Ausdruck der Überzeugung, dass das Individuum stets der Gefahr ausgesetzt ist, sich selber viel zu wichtig zu nehmen.

So wird Musik in beiden Kulturen auch durchaus unterschiedlich gewertet. Für den Latino zählt in erster Linie die Authentizität des zwar kultivierten, aber nichtsdestotrotz unmittelbaren und authentischen Ausdruckes. Für den Deutschen, um es mal etwas plakativ zu sagen, scheint dieser, wenn er raffiniert und kultiviert vorgetragen wird, hingegen unter dem Generalverdacht des Theatralisch-Unaufrichtigen zu stehen. Authentizität und Echtheit wird hierzulande untrennbar mit ungekünstelter Schlichtheit und Direktheit assoziiert. Ein eingängiges und mit viel Schmelz vorgetragenes «Besame mucho» kann für den Deutschen deshalb gar nicht aufrichtig gemeint sein. Also lacht er darüber und merkt nicht, wie tief er damit den Sänger oder die Sängerin verletzt.

Mit «Besame mucho» hat Consuelo Velasquez ein Lied geschaffen, das mit Herzblut geschrieben worden ist und zu Herzen geht. Dass es Generationen überlebt hat, zeugt von seiner urtümlichen Kraft. Woher diese stammt, wird keiner verstehen, der darin bloss einen simplen Rhythmus, einfache Akkordfolgen und einen sentimentalen Text zu sehen in der Lage ist. Ihr Tod ist für viele Lateinamerikanerinnen und Lateinamerikaner Grund zur Trauer.
(wb)


Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins


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