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Editorials

Die Rückkehr des Espressivo

25.11.2004

Von Wolfgang Böhler

 

25.11.2004 -- Mitte des letzten Jahrhunderts sind in Zentraleuropa auf folgenreiche Art Weichen gestellt worden - mit der rigiden Ablehnung der spätromantischen Gefühlsästhetik. Die strukturorientierte Avantgarde und der Geschmack des Durchschnittshörers, der beim Musikerlebnis vor allem emotionale Stimulation sucht, haben sich weit auseinander bewegt. Expressivität, tönte es aus der avantgardistischen Ecke, ist bloss simple Reizstimulation, eine Wiederholung des Ewiggleichen und damit «Abgenutzten», nicht tauglich, um den Durst nach Innovation zu stillen. Gefühlsästhetiken standen (und stehen) überdies im Verdacht, die Musikliebhaber für die unlauteren Zwecke einer manipulierenden Marketing- und Konsumgesellschaft zu missbrauchen. Expressivität wurde deshalb bloss in Form ironischer Zitate oder für Extrembereiche zugelassen: Für die Darstellung von Holocaust und innerer Verzweilfung oder bissigem Zynismus und existentialem Verlorensein.

Emotionalität hat tatsächlich sehr viel mit Funktion zu tun; Gefühle in der Musik sind naturgemäss mit einer Funktion verbunden, mit der Ausdeutung eines Filmgeschehens, als Mittel der Therapie, zur gefühlsmässigen Identitätsstiftung beim «Corporate Sound» und so weiter. Damit einher geht aber auch, dass Musik dort, wo sie die Gefühlsseite anspricht, häufig nicht dem Werkcharakter entspricht.

Interessant ist, dass die musikalische Avantgarde immer mal wieder wortreich den Werkbegriff zu demontieren suchte und dabei übersah, dass die viel geschmähte Gefühlsmusik diesen schon immer durchbrochen hatte. Handy-Klingeltöne werden nicht auf dem Konzertpodium gespielt, Musik zu TV-Spots nicht im Kammermusiksaal.

Fatal an der avantgardistischen Verweigerung ist, dass nie auch nur nach Ansätzen einer Theorie des innovativen Umgangs mit Emotionalität in der Musik gesucht wurde. Es kommt ja auch nicht von ungefähr, dass die «Melodienseligkeit» bei der Moderne unter Sentimentalitätsverdacht stand. Das Feld wurde kampflos der Popszene überlassen - und dem Jazz. Letzterer wurde als Stil, der stets den Bauch treffen will, vor allem zu einer Theorie der Melodie. Im Gegensatz dazu mutierte die klassische Avantgarde mit ihren immer komplexeren und abstrakteren Parameterkontrollen zur Theorie der inneren Struktur des gefrorenen Klanges.

Der Streit zwischen Bewahren und Erneuern ist nicht aus purem Zufall auf der Bühne der Affekte ausgetragen worden: Das emotionale System des Menschen ist das konservative, bewahrende und Stabilität bietende. Es erstaunt ja nicht, dass vor allem konservative politische Bewegungen ihre Wähler auf der Gefühlsebene abholen. Im Gegensatz dazu verkörpert die abstrakte Rationalität die Fortschritt suchende Seite der menschlichen Ganzheit. Die Linke neigt ja auch eher zur (endlosen) Debatte, zu Intellektualismus und Theoretisieren. Daraus zu schliessen, dass Emotionalität innovationsresistent wäre, ist der grosse Irrtum der zentraleuropäischen Moderne.

Die unterschiedlichsten Musikkulturen haben Expressivität in unübersehbarer Vielfalt entwickelt, vom Shakuhachi-Repertoire Japans über die indischen Ragas und den amerikanischen Gospel, der das Singen gründlichst revolutionierte, bis zur ekstatischen Polyrhythmik Afrikas. Viele traditionelle Formen des Musizierens sind wegen der Schmähung der Gefühlsästhetik hierzulande verkümmert. Wo sind etwa zeitgenössische Musiken für Hochzeiten, Beerdigungen und die Begleitung des beruflichen Alltags? Oder moderne Hymnen von Parteien und Fussballklubs? Welcher zeitgenössische Kunstmusiker schreibt Werbejingles oder Fahrstuhlmusik?

Codex flores versteht Musik in ihrer Ganzheit auch und in hohem Masse als Ausdruck menschlicher Emotionalität und seelischer Befindlichkeit im Alltag. Das Magazin fächert deshalb konsequenterweise ein breites thematisches Spektrum auf. Es reicht von Filmmusik über Klingeltöne, Ethnopop bis zu Musiktherapie und den Experimenten der zeitgenössischen Oper. Was auf den ersten Blick nach Populärkultur und Gefälligkeit riecht, ist nämlich angesichts des Bannes der Moderne schon wieder subversiv zu nennen.
(wb)


Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins


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