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Editorials

Tribalismus im Musikleben

Von Wolfgang Böhler

 

05.02.2005 -- Der englische Musikästhetiker Roger Scruton wirft in seinem Buch «The Aesthetics of Music» der Rockmusik ein primitive Form von Tribalismus vor (eine umfassende Rezension des umstrittenen Buches findet sich hier). Scruton stösst damit ins gleiche Horn wie viele Musiksoziologen, welche die Rockmusik wegen soziologischer Merkmale auf eine tiefere kulturelle Ebene stellen als die Kunstmusiken des Abendlandes, den Jazz, die sogenannte ernste Musik und weitere ausgeklügelte Formen des Musizierens. Einige winden sich, wenn es darum geht, die Hierarchie zu benennen - schliesslich leben wir im Zeitalter von Werterelativismus und Political Correctness - im Endeffekt läuft's aber immer auf die simple Tatsache hinaus, dass Rock in ihren Augen halt eben primitiver ist als «Die Kunst der Fuge».

Das Dumme ist, dass das real existierende Musikleben gerade ein gegenteiliges Verhalten zeigt: Je «zivilisierter» ein Volk, umso mehr wird sein Musikleben von Stammesdenken bestimmt: In den meisten Ländern des früher einmal «Dritte Welt» genannte Südens ist Musik eine einigende und sozialisierende Kraft: Alle Generationen hören dasselbe. Ob man in Zaire Soukous liebt, ist nicht eine Frage von Alter oder Herkunft, die Musica Popular Brasileira ist im grössten Land Lateinamerikas das Ding aller Volksgruppen und Altersschichten und Bollywood-Soundtracks erreichen in Indien jedermann und -frau.

Kennzeichen des Tribalismus zeichnen vor allem das Musikleben der europäischen «Hochkulturen» aus. Hierzulande grenzen sich Jugendliche mit ihren eignen Musikstilen gegen die Erwachsenen ab und Erwachsenengruppen bewegen sich vornehmlich innerhalb ihrer eigenen Subkultur. Chorliebhaber und Laiensängerinnen lassen sich genausogut identifizieren wie Jazzfans und Vertreter der Neuen Musik, von Punks, Rastafaris oder Kirchenorganisten ganz zu schweigen.

Wie schwierig es ist, dieses Stammesdenken in Form von musikalischen Identitäten zu knacken und spartenübergreifende Veranstaltungen zu organisieren, kann jeder Konzertpromotor bestätigen. Der Betreiber eines Jazzcafés generiert hüben und drüben bloss Frustrationen, wenn er einen Abend mit Haydns Streichquartetten veranstaltet, und die Direktion eines klassischen Konzerthauses füllt zwar das Haus mit einer Jazzlegende – nur eben mit einem völlig andern Publikum, das damit keineswegs für klassische Konzerte im gleiche Haus zu gewinnen ist. Dafür verweigert sich das eigene Stammpublikum wiederum dem Blick über den Zaun.

Möglicherweise wird in der Musiksoziologie das Pferd am Schwanz aufgezäumt, wenn sie die stillschweigende Voraussetzung macht, dass Stammesdenken ein Merkmal «primitiverer» Nationen ist. Zumindest in der Musik scheinen die Dinge da auf dem Kopf zu stehen.
(wb)


Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins


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