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Editorials

Was heisst «Codex flores»?

Von Wolfgang Böhler

 

10.01.2005 -- Am Titel unseres Magazins sind schon einige gescheitert, besonders unsere Strategie- und Marketingberater, die es zunächst mal als absolut notwendig erachtet haben, unseren «Brand» besser zu positionieren. Das bedeutet nicht, dass wir mehr Feuer und Flamme für unsere Sache sein sollten, sondern ist neudeutscher Fachjargon dafür, dass wir unser Erkennungszeichen, unsere Marke unterverkaufen. «Codex flores», so etwas eignet sich vielleicht für einen Blumenladen, aber sicher nicht für ein Onlinemagazin in Sachen Musikphilosophie, versuchen uns frischgebackene MBAs und Kotler-Leser immer wieder klarzumachen*.

Was gibt es Schöneres, entgegnen wir ihnen, als Musikphilosophie in einem Blumenladen zu betreiben? Und feuern sie auf der Stelle. Das Dumme daran ist bloss, dass ihre jeweiligen Nachfolger notorisch in die gleiche Kerbe hauen und wir deshalb in Sachen Unternehmensberatung nie über Diskussionen über Blumenläden hinauskommen.

Noch übler sind die Verballhornungen der Kollegen aus der Startup-Szene in der ICT-Branche. Sie fragen etwa: «Wie läufts denn bei Cöudix floris?» Weil Unternehmensnamen in ihrem Universum prinzipiell englisch sind. Ha, rufen uns alle gefeuerten MBAs hinterher: Ein Name, der nicht einmal Klarheit darüber gibt, wie er auszusprechen ist!!! Haben wir es doch gewusst!

Unser standardisiertes – und unehrliches – Gegenargument lautet: Wer würde hinter Amazon eine Buchhandlung vermuten (doch auch wohl eher einen Blumen- oder Tierladen)? Kann man ein Internetportal «Yahoo!» nennen? Wie ist es möglich, dass sich die führende Schweizer Verleihfirma für Musikinstrumente und -elektronik «The Swiss Cheese & Chocolate Music Company» nennt?

Die Wahrheit ist, dass alle unsere gefeuerten MBAs im Grunde recht haben und wir in der besten aller möglichen Marketingwelten den grössten aller möglichen Fehler machen: Unser Name ist nicht kundenorientiert (einen unserer gefeuerten MBAs holt gerade ein Herzinfarkt ein), sondern existiert, weil er uns gefällt. Er ist sozusagen ein inhaltliches Bekenntnis.

Denn es gibt Erklärungen dazu: Der Name betont die Dualität zwischen Geistes- und naturwissenschaftlichem Denken, der unser Magazin gerecht werden will. «Codex» betont den Aspekt des Rational-Gesetzhaften, «flores» das Verschnörkelte, Assoziative und Sinnliche unseres Objektes. Beides entstammt übrigens der mittelalterlichen Musiktheorie: «Codex» bezeichnet im römischen Recht eine Gesetzessammlung, ansonsten einfach ein Buch. So ist etwa die Manessische Liederhandschrift auch als «Codex Manesse» bekannt. «Flores» wiederum ist die mittelalterliche, aus der Rhetorik stammende Bezeichnung für vokale und instrumentale Verzierungen aller Art. «Codex flores» kann so als «die gesetzesmässige Erfassung der kunstvollen Klangrede» interpretiert werden. Auf Neudeutsch übersetzt: die rationale Reflektion der lebendigen Musik.

Um den GAU (den grössten anzunehmenden Unfug in Sachen Namengebung) zum Super-GAU zu machen, bleibt vielen unklar, ob das Magazin nun «Codex Flores» oder «Codex flores» heisst.

Eigentlich ist das so etwas von nebensächlich (einen weiteren unserer gefeuerten MBAs holt gerade ein Herzinfarkt ein). Wir haben uns die Schreibweise mit dem kleinen «f» als offizielle Lesart angewöhnt. Wer es anders macht, liegt jedoch auch nicht falsch.
(wb)


Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

*Für alle, die zwar mit BWV und Hanslick bestens vertraut sind, nicht aber mit MBA und Kotler: Die Abkürzung bedeutet Master of Business Arts und Philip Kotler ist die erste Adresse in Sachen Marketingtheorien.


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