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Editorials

Krise der Musikkritik?

Von Wolfgang Böhler

 

17.12.2004 -- Alles wird schlimmer: Der redaktionelle Platz für Musikkritik geht zurück, die Leser lassen sie links liegen, die Gesellschaft wird infantil und denkfaul, hirnloser Primitivismus macht sich breit. Aus solchem Zynismus lässt sich süffige Kulturkritik basteln. Vorgestanzte, bereits etwas angegraute Bastelbogen dazu liefern nicht selten Kritische Theorie und Postmoderne. Nur ist die Diagnose mit einem kleinen Makel behaftet: Das Gegenteil ist wahr. Noch nie waren so viele Menschen so gut ausgebildet und an höheren Dingen interessiert wie heute; noch nie wurde so viel Musik auf so hohem Niveau produziert; noch nie gab es eine so breite Partizipation am Kulturleben und so lebhafte Debatten. Weshalb also dieser Pessimismus? Weil die Ausweitung (und nicht Ersetzung) des TV- und Radio-Angebotes durch private Sender als Indikator missbraucht und ansonsten Nabelschau betrieben wird. Wenn das Feuilleton bloss noch auf sich selber blickt, dann provoziert es halt eben bloss noch Mangel an Engagement, Langeweile und Sinnkrisen.

Man bedenke, welche stürmische Entwicklungen die Musik selber in den letzten 120 Jahren durchgemacht hat. Dann vergegenwärtige man sich die Formen, Kriterien und den Geruch der heutigen Musikkritik. Sie ist im Grossen und Ganzen auf dem methodischen Stand des späten 19. Jahrhunderts, bloss dass einstmals vitale Kampflust zum attitüdenhaften Ritual erstarrt ist. Dies zeigt sich an den Widersprüchen in der Verteidigung vermeintlicher Kulturwerte.

Drei Aspekte sind da genauer zu betrachten.

Erstens: Die Musikkritik pocht auf die Freiheit des Denkens. Weshalb veschwendet sie diese dann an die hundertste Inszenierung des «Don Giovanni» und die dreihunderteinhalbste Interpretation der Hammerklaviersonate? Wo ist der Kritiker, der sich kategorisch weigert, diese von den Bedürfnissen des Kulturmarktes generierten Produktionen im Feuilleton zu besprechen, wenn der Platz doch so rar ist? Es ist nicht allzu verwegen zu behaupten, dass die Kritik in Jahrzehnten der publizistischen Freiheit die Gelegenheit gehabt hätte, sich der Instrumentalisierung durch den Markt zu entziehen und das Nachdenken über Musik als Eigenwert zu konstituieren.

Aus Eitelkeit, als «Adabei», wie es in Österreich so schön heisst, tanzt die eitel gewordene Kritik aber brav mit. Das Kulturmanagement kann sich deshalb sozusagen aufs Gewohnheitsrecht berufen und die Chefredaktoren ihre argumentatorischen Messer schleifen: Wer die Bedürfnisse des kommerziellen Marktes befriedigt, muss sich auch an diesen messen lassen.

Damit ist der zweite Punkt angesprochen: Wenn Kritiken schon nicht aus purer künstlerischer Notwendigkeit geschrieben werden, dann sollen sie sich anders legitimieren. Sie müssen also wenigstens – dies wird zur wesentlichen Forderung – Lesevergnügen bereiten.

Wird der Genuss aber zum strategischen Argument, dienen treffende Metaphern und bissige Formulierungen nicht mehr dazu, einen Gedanken schärfer hervortreten zu lassen, sondern suchen sie für sich selber den Applaus, auch dann werden halt eben Konsumbedürfnisse befriedigt, und der Autor muss sich auch dann am Markt messen lassen: Bedient der Geist sich der Marktgesetze, kann nicht beklagt werden, dass der Markt den Geist regiert.

Drittens: Ausgerechnet die Kritik, die sich sonst im Anspruch des radikalen Hinterfragens gefällt, bleibt auf halbem Weg stehen, wenn Forderungen nach mehr Rücksicht auf den Markt aufs Tapet kommen. Ökonomisches Denken wird in misanthropischem Gestus einfach reflexartig und mechanisch verurteilt.

Es wird nicht gefragt, weshalb denn die Marktargumente so mächtig geworden sind, ob vielleicht etwas Begrüssenwertes hinter ihnen stünde und wie man es befriedigen könnte, ohne die nicht verhandelbaren eigenen Werte – das zweckfreie Streben nach Erkenntnis und die Erweiterung der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit – aufgeben zu müssen. Dass das zweckfreie Streben nach Erkenntnis im Dienste des Menschen steht und damit durch die Hintertür der Markt sich paradoxerweise wieder sein Recht verschafft, wird abgeleugnet. Anstatt den kreativen Umgang mit den Anforderungen einer modernen Gesellschaft zu suchen, verweigert die Kritik den Dialog.

So muss vom Feuilleton Zweierlei gefordert werden: Mehr Kooperation bei den legitimen Bemühungen der Medienstrategen, dank höherer Beachtung ihrer Produkte das ökonomische Überleben zu sichern, und gleichzeitig ein unverkrampftes, vorwärtsblickendes und kreatives Ansprechen der grundsätzlichen Fragen: Wozu dient Kritik eigentlich, wozu dient sie heute und wie lassen sich neue redaktionelle Formen finden, die ihr das nachhaltige, authentische Interesse von Lesern und Hörern erneut sichern?
(wb)


Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins. Für die Berner Tageszeitung «Der Bund» schrieb er als festangestellter Mitarbeiter jahrelang Konzertrezensionen zu klassischer Musik und Worldmusic.


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