Im Gespräch

Abbado und das Orchestra Mozart 2013 in Luzern

 

CD Cover31.01.2014 -- Diese CD wird unvermittelt zum Memento mori: Sie dokumentiert dreifach einen bedeutenden Teil dessen, was Lucerne Festival ausmacht und ‒ wie zur Zeit der Konzerte, die sie dokumentiert,  nicht zu ahnen war ‒ in dieser Verkörperung unwiederbringlich verloren ist: Zum ersten eigenwillige Interpreten-Persönlichkeiten, zum zweiten Elder Statesmen des Musiklebens. Am Vierwaldstättersee sind (respektive waren) dies allen voran Pierre Boulez und Claudio Abbado. Zum dritten Ensembles, aus ästhetischem oder pädagogischem Geiste geboren. Der Spirit of Lucerne, der mittlerweile auch etwas Weihevolles hat und das KKL zu einer Art säkularem (?) Grünem Hügel mit Seeanschluss des 21. Jahrhunderts macht, verdichtete sich auch im März 2013. In zwei Konzerten standen Werke der Wiener Klassik, von Mozart, Beethoven und Schubert auf dem Programm. Die beiden Mozart-Klavierkonzerte KV 503 und KV 466 sind für dieses Album aus den beiden Konzertabenden herausdestilliert worden.

 

Neben Martha Argerich, der ihre Tochter letztes Jahr mit einem weitherum beachteten Dokumentarfilm ein Denkmal setzte, musizieren hier das Orchestra Mozart und der Dirigent Claudio Abbado. Beide sind Geschichte. Abbado ist kurz vor der Verfügbarkeit dieser CD verstorben, das Orchester, das mit ihm stand und fiel, hat seine Aktivitäten ebenfalls eingestellt. Letzteres hat etwas weniger von der metaphysischen Endgültigkeit des Abschieds seines Gründers, es bleibt aber sehr unwahrscheinlich, dass es wiederbelebt werden kann. Vielleicht für ein Gedenkkonzert? In Luzern?

 

Nicht zu allen sperrigen Pianistinnen hat Abbado einen Draht gefunden, ein vergleichbares Mozart-Projekt mit Hélène Grimaud ist an stilistischen und wohl auch charakterlichen Unvereinbarkeiten gescheitert. Dennoch verschafft sich auch die jüngere Generation in Luzern Gehör. Zwar wird im Rahmen von Lucerne Festival zu Ostern auch dieses Jahr ein Grand Old Man der Dirigentenzunft gefeiert werden: Der 85-jährige Bernhard Haitink wird Schumann dirigieren. Die «jungen Wilden»­ werden  aber genauso konsequent aufgebaut, etwa Gustavo Dudamel und Andris Nelsons. Lucerne Festival verhindert in kluger Vorraussicht, in der Anbetung der Asche zu verharren, wie dies Gustav Mahler so prägnant formuliert hat, und sorgt umsichtig dafür, dass das Feuer weitergegeben wird.

 

Die CD dokumentiert eine dennoch prägende Eigenart von Lucerne Festival:  Die Künstler der älteren Generation stossen da bei Veranstaltern und Publikum auf viel Sympathie mit öffentlich zelebriertem Rückzug auf Innerlichkeit, der in dem prätentiösen Umfeld des Anlasses mit seinen Hauptsponsoren aus Finanz- und Pharmaindustrie manchmal auch etwas aus hoher Warte wohlfeil Moralisierendes anhaftet. (wb)   

 

Info:

Martha Argerich, Claudio Abbado: Mozart, Piano Concertos K 503 & K. 466, Deutsche Grammophon/Universal, Best.-Nr. 479 1033, verfügbar ab 7.02.2014