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Im Gespräch

Schuberts Winterreise mit Klaviertrio

 

Cover CD19.06.2015 – Es gibt in der europäischen Musikgeschichte Werke verdichteter Vollendung einer bestimmten Ästhetik, viele davon interessanterweise Zyklen. Man denke an Bachs Kunst der Fuge und Wohltemperiertes Klavier, Beethovens späte Streichquartette, Bibers Rosenkranzsonaten, Chopins Nocturnes… Viele davon reduzieren den kompositorischen Zeitgeist ihrer Epoche in der Art einer Tuschzeichnung aufs Wesentliche und zeugen von einer Kraft, die Momente zu perfekten machen können ‒ so als ob alles zuvor und später Gehörtes abfallen müsste. Auch Schuberts «Winterreise» gehört in diese Kategorie.

 

Interessanterweise erklärt der Sänger und Komponist Daniel Behle im Booklet zur Doppel-CD mit seiner Bearbeitung der «Winterreise» für Klaviertrio auf der einen und dem Original auf der andern CD, es gebe Hauptwerke in der Musik, bei denen sich jede Bearbeitung verbiete. Allerdings ‒ und das scheint man in seinen Bearbeitungen zu hören ‒ hat er sich mit Hans Zenders «Winterreise»-Bearbeitung auseinandergesetzt (diese auch zweimal selber gesungen) und eine Fassung kreiert, die ästhetisch etwas an die komponierte Interpretation Zenders erinnert, auch wenn Behle erklärtermassen nicht so weit geht wie dieser.

 

Der Vorwurf an Zender, mit seiner Orchesterfassung den inneren Konflikt der Figuren zu erdrücken und Äusserlichkeiten in den Vordergund zu rücken, fällt allerdings auch auf Behle zurück. Auch wenn Behle Klavier- und Gesangspart unangetastet lässt und mit den beiden Streichern Unausgesprochenes zu verdeutlichen versucht, nimmt er dem Original häufig das Rätselhafte, Offengelassene, das seine eigentliche Kraft ausmacht. Nichts ist ein grösserer Feind von Pointen als das Erklären derselben.

 

Vor allem aber bringt die Bearbeitung ‒ bei aller Rücknahme und bei allem Respekt vor dem Original ‒ immer wieder ein Moment der Irritation und Unruhe in die Musik, die einen ganz Wesentlichen Kunstgriff Schuberts missachtet: Die scheinbare Harmlosigkeit der Musik, ihre schillernde Fähigkeit, den Zuhörer beinahe wohlig einzulullen, lässt das Schauerliche, dass dieser Musik inne ist, umso beunruhigender aufsteigen.

 

Behles dennoch (oder gerade deswegen) überaus interessanter Versuch geht von der Überzeugung aus, dass ein blosses «Umsortieren» von Noten für den Hörer keinen Mehrwert schaffe. Möglicherweise wäre aber eine vordergründig «harmlose» Orchestrierung gerade die einzige Möglichkeit, diesen Kontrast aus harmlos Schlichtem und mit aufsteigendem Grauen geahnter Abgründigkeit zu wahren. (wb)

 

Info: Franz Schubert: Winterreise(n), Version for Tenor & Piano Trio, Original Version, Daniel Behle, Oliver Schnyder Trio. Sony Classical, 2 CD, 88883788232                       


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