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Im Gespräch

Die Singphoniker singen Georg Kreisler

Cover CD31.07.2015 – Ein Klavierhumorist. Als solchen bezeichnet Wikipedia Georg Kreisler, der zeitlebends politisch, ästhetisch und gesellschaftlich zwischen allen Stühlen und Bänken sass, mit wechselnden Staatsbürgerschaften. Ein Vetriebener, politisch, in die USA ausgewandert, später zeitweilig in der Schweiz lebend, die ihm 1994 ein Cornichon zuschob (für Nichtschweizer: einen renommierten Kabarettpreis). Ein Vertriebener zeitweilig auch unter Kollegen, mit denen er ‒ sogar mit der eigenen Ex-Frau ‒ teils verbitterte Urheberrechtskriege führte. Daneben vor allem ein brandschwarzer Poet. Und ob die Idee, Tauben im Park zu vergiften, nun wirklich von ihm stammt oder doch von seinem amerikanischen Kollegen Tom Lehrer, dürfte vermutlich bloss Oberlehrer interessieren. Das modernde Fleisch am Knochen von Kreislers Kunst sind nicht Pointen, Hooklines oder Elevator Pitches, es ist seine Sprachgewalt, seine poetische Kraft und Leidenschaft. Schöne Lieder leuchten unsere Sehnsüchte aus, Kreislers wüste alles (auch das ein Plagiat; die Suche nach dem Original: Sache böser Leserinnen). Und am wirkungsvollsten in beiläufigen Nebensätzen.

 

Die Singphoniker hatten die eigentlich legitime, aber dennoch irritierende Idee, Lieder Kreislers, vom dreiäugigen Mädchen bis zum unmusikalischen Musikkritiker, für Vokalensemble zu adaptieren. Das lässt einen Philosophieren über Herkunft und Bedeutungsschattierungen des Ausdrucks Parodie. Denn eine solche muss man in dem Unterfangen sehen. Allerdings im ursprünglich musikalischen Sinn. Im Barock und in der Klassik verstand man darunter die Umarbeitung von Musikstücken, durchaus auch im ernsthaften Sinn. Das ist, was die Singphoniker hier tun. Und wie in der Kirchenmusik historisch kernige Gassenhauer sich in seelenerhebende Sakralhymnen verwandelten, transformiert der Wohlklang des Vokalquintetts mit Klavier die ums enthüllende Licht kreisenden morbiden Motten Kreislers teils in Wohlfühlmotetten. Die Textaussage tritt gegenüber der kunstvollen mehrstimmigen Gestaltung und dem Wohlklang in den Hintergrund. Und verliert das Wesentliche: ihre Schärfe.  

 

Man kann’s aber auch immer noch als Parodie in unserem heutigen Sinn hören, als hinterlistige Brechung der harmlos-behaglichen, pietistischen Stimmung, die europäische Kunstmusik heute verbreitet. Dazu fehlt aber, bei allem Professionalismus und aller hochklassigen Singkunst, etwas die Frechheit in der Gestaltung. Dazu sind die rauen Kanten der Kreisler-Texte zu sehr «vokalakrobatisch aufgeladen», wie das die Singphoniker selber nennen. Kreislers schwarzer Humor gewinnt durch das musikalische Understatement (das die kompositorische Brillanz mehr verbirgt als hervorstreicht), an Dringlichkeit. Die Versionen der Singphoniker wirken da allzu unentschieden zwischen Gesangskunst und hintersinniger Demontage. (wb)     

 

Info: Die Singphoniker, Georg Kreisler. Oehms Classics 2015, OC 1807. 


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