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Im Gespräch

Olivia Trummer: Classical to Jazz ‒ One

Cover CD14.08.2015 – Die Kombination ist besetzt: Klavier und Vibraphon als Jazzduo, das misst sich irgendwie unmittelbar an Chick Corea und Gary Burton, egal welchen Stilmix und welche ästhetischen Ideen diese faszinierende glockenartige Art aus zugleich Misch- und Spaltklang bestimmt. Die beiden Grossen der Jazzgeschichte haben Masstäbe gesetzt, was rhythmische, motorische Energie und was melodische Spiellust und Erfindungsreichtum ausmachen. Das Projekt Olivia Tummers unterschiedet sich da zwar in der zweifelssohne interessanten Grundkonzeption ‒ klassische Kompositionen wie Jazzstandards als Material für eigene Ideen zu betrachten. Nur wird die Aufgabe dadurch nicht einfacher, sondern schwieriger. Sie muss nicht nur gegen die Benchmarks der zwei Altmeister anspielen, sondern sich auch noch an kompositorisch exzellentem Material messen: Wird dieses nicht auf Augen- (oder Ohren-)höhe auseinandergenommen, wird man sich fragen müssen, was gewonnen ist, wenn aus exzellenten Werken weniger exzellente destilliert werden.

 

Trummer am Klavier und ihrem Partner Jean-Lou Treboux gelingen phasenweise gefällige Partien, vor allem dort, wo die Vorbilder kaum noch durchdrücken und etwa in der «Mozärtlichen Suite Part II» von beiden in klassischer Jazzmanier auf ihren Instrumenten balladenartige Linien ausgesungen werden. An der selbstgestellten Aufgabe ‒ der Riesenaufgabe, ausgerechnet Werke der Giganten Bach und Mozart zu dekonstruieren ‒ scheitert die originelle Pianistin allerdings (noch) weitgehend. Schon in der «Scarlattacca» zum Auftakt klöppelt sie raffinierte italienische Eleganz in eher harmlose, klischierte Bluesformeln um. Vom Spirit der Orignalkompositionen des Salzburger Meisters und des Thomaskantors ist dann kaum noch etwas zu spüren. Sie bleiben allzu sehr bloss motivische Intros-Stichwortgeber. Barocke und klassische Fakebooks fürs Herumpröbeln.    

 

Vielleicht wäre es sinnvoll, die Idee zunächst eher an Charakterstücken weniger ambitionierter Melodienschmiede wie Diabelli, Waldvogel, Kreisler, Juon und so weiter buchstäblich durchzuspielen, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, mit welchen gestalterischen Mittel man den Klangkosmen der europäischen Kunstmusik, erfasst durch das Peri’s Scope des Jazz, gerecht werden könnte. Vielleicht wäre auch weniger mehr. Alleine ein einziger Satz aus einer Bach-Partita böte vermutlich genug Herausforderung, versuchte man sein Material wirklich zu durchdringen. (wb)

 

Info: Olivia Trummer, Classical to Jazz ‒ One, Olivia Trummer (Klavier, Gesang), Jean-Luc Treboux (Vibraphon), Neuklang NCD 4131.

 

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Zu diesem Text hat uns folgende Zuschrift erreicht, die wir mit Einwilligung des Autors gerne ungekürzt anfügen:

 

«Gültige Urteile über klingende Musikstücke – die nicht notiert vorliegen(!) – zu finden, setzt die Fähigkeit voraus, das Gehörte im Gedächtnis zu speichern, zu verknüpfen und dann: zu analysieren/assoziieren. Und die wichtigste Voraussetzung beim Urteilen über klingende Musik: Eine offene, neugierige und vorurteilsfreie Haltung gegenüber dem Klangereignis. Eben nicht nur das Goethe’sche Prinzip: 'Man sieht (hört) nur was man weiß'…Eine anspruchsvolle Aufgabe, die eigentlich nur gelingen kann, wenn man selber in der praktischen und kreativen Musikausübung aktiv ist und durchaus in der Lage ist, 'Musik als Sprache' flüssig selber am Instrument zu sprechen. Es sei angemerkt, dass gerade auch die angesprochenen Komponisten Bach, Mozart und Scarlatti ihre Werke quasi aus der Improvisation herausdestillieren konnten: Diese 'Flüssigkeit der Erfindung' und 'das Maß an unerschöpflicher Inspiration und Fantasie' erklären auch das ungeheure Quantum der hinterlassenen Werke. Nicht das 'Feilschen' oder 'Abwägen' um jede Note, sondern die Fähigkeit, Musik 'zu sprechen' war und ist Schlüssel zum Verständnis sowohl 'klassischer' als auch 'jazziger' Musik…

 

Beim Lesen Ihrer Rezension über die neueste CD von Olivia Trummer sind Sie dabei ganz offensichtlich gescheitert. Mit dem absonderlichen Einstieg, dass eine Duo-Besetzung sich an einer 'Benchmark' (einem betriebswirtschaftlichen/technischen Begriff, der gar nicht in den Zusammenhang passt) messen lassen müsste, ist schon eine wichtige Voraussetzung für die fachgerechte Beurteilung von NEUEM unter den Tisch gefallen. Es ist einfach völlig abwegig, einen ganz neuen musikalisch originellen Ansatz mit einem betriebswirtschaftlich/ technischen Begriff zu begegnen – auch wenn er vielleicht bei dem einen oder anderen Leser eine gewisse 'Fachkundigkeit' vorspiegeln mag – was Ihnen mit Sicherheit ein großes Anliegen sein dürfte…

 

Auch Ihr sog. 'Werkbegriff' ist in einem völlig falschen Kontext ins Spiel gebracht – verrät aber umso mehr, dass es sich hier um einen Rezensenten handelt, der sich der Musik vor allem 'lesend' – gleichsam als 'literarisches Werk' - annähert – vermutlich, weil die Fähigkeit, Musik sprechend und flüssig auszuüben nicht vorhanden ist. Ein verhängnisvoller Mangel!

 

Auch der völlig verfehlte Begriff von 'der Riesenaufgabe die Werke der Giganten… zu dekonstruieren' ist eine völlig irrige Annahme: Das mag für den Rezensenten eine (nicht zu bewältigende) Aufgabe sein – für das Duo Trummer/Treboux stand dies überhaupt nicht im Focus! Die klangliche Struktur war Grundlage für assoziative Verknüpfungen, die zwei begnadet begabte Musiker mit großer Fantasie, Inspiration und außerordentlichem Können – auf Augenhöhe mit ihren Vorbildern! – umgesetzt haben. Der Vorwurf einer mangelnden 'Durchdringung des Materials' am Beispiel von Bach lässt die beschränkte Wahrnehmung des Rezensenten auf geradezu tragische Weise offenkundig werden: So ist ihm entgangen, welche rhythmischen Assoziationen zum 'Prelude' in Verbindung mit den Metamorphosen der melodischen und harmonischen Parameter entstanden sind. Unglaubliche klangliche harmonische Vertiefungen entstehen in der Fortführung der Sarabande, die weit über die Möglichkeiten des barocken Vorbilds hinaus weisen. Ein beglückender Moment, wenn im 2. Teil der Gigue plötzlich die Bass-Linien aufgebrochen werden und völlig über sich hinauswachsen. Es ließen sich zahllose Beispiele anfügen, die von diesen beiden Ausnahme-Talenten in faszinierender Weise gestaltet wurden. Hier öffnen sich Räume, die nur von höchst talentierten Musikern im Spiel geschaffen werden können. Dass die Pianistin – neben ihren Jazz-Diplomen in Stuttgart und New York (!)  eine große Anzahl von klassischen Wettbewerben gewonnen hat (und auch ein Konzert-Diplom mit Auszeichnung absolviert hat) sei nur nebenbei angemerkt: In ihrem Musikerleben ist sie seit Kindesbeinen an eine völlige Ausnahme-Erscheinung: Sie kann Musik aufgrund eines wunderbaren Gedächtnisses, eines extrem ausgebildeten musikalischen Gehörs und auch einer staunenswerten kreativen Grundbegabung (sprachlich, zeichnerisch und musikalisch) eben flüssig und inspiriert 'sprechen'. In anderen Aufnahmen kann man sie als 19- oder 20-Jährige hören, wie sie Mozart- oder Haydn-Klavier-Konzerte exzellent spielt und dann Kadenzen am Ende der Sätze im Konzert atemberaubend improvisiert.

 

Auf jeden Fall sind die Anmerkungen des Rezensenten ein gescheiterter Versuch, einer faszinierenden und assoziativen Annäherung an historische Meisterwerke die sprachliche Würdigung zu verleihen. Seine gönnerhaften Versuche, den beiden Künstlern Kleinmeister à la Diabelli, Waldvogel oder Kreisler zum Üben zu empfehlen, verrät eine pseudo-pädagogische und durchaus arrogante Einstellung. Versäumt wurde hingegen die tragfähige Aussage darauf hinzuweisen, wie die vorliegende CD Brücken schlägt, die für den anspruchsvollen Hörer Altes mit Neuem verknüpfen. Aber vielleicht ist ja die Ursache für diese Missverständnisse eine besondere Form des 'absoluten Gehörs' seitens des Autors: Vielleicht – 'absolut nichts'? Georg Kreislers Lied vom 'Musikkritiker' ging mir durch den Kopf… »

Enrico Trummer

                        


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