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Im Gespräch

Klavierkonzerte in Kammermusik-Versionen

20.05.2017 -- Es war im 19. Jahrhundert übliche Praxis, Orchesterwerke in abgespeckter Version anzubieten. Bedient wurden damit die Hausmusiker. Auf solche Bearbeitungen aus dem Jahr 1877 des heute praktisch vergessenen Leipziger Komponisten Richard Hofmann gehen etwa Einspielungen der beiden Chopin-Konzerte auf CD zurück, welche die kanadische Pianistin Janina Fialkowska vor gut zehn Jahren mit den Chamber Players of Canada vorgelegt hat. Diejenige zum ersten Klavierkonzert in e-Moll op.11 dient nun auch dem in Zürich tätigen Pianisten See Siang Wong und dem durch den Kontrabassisten Szymon Marciniak verstärkten Gémeaux Quartett ‒ als Basis für eine Gegenüberstellung eines Chopin-Konzertes im Taschenformat mit einer Bearbeitung von Beethovens viertem Klavierkonzert in G-Dur op. 58. Letzteres wurde um 1880 vom Augsburger Vinzenz Lachner geschrumpft. Auch dessen eigenes kompositorisches Werk ist weitestgehend der Vergessenheit anheimgefallen.

 

Für einen Orchestersatz gelten andere Regeln als für Kammermusik: Das eine ein Ölgemalde, wo auch dick aufgetragen werden kann, das andere eine Zeichnung, die einen subtilen, delikaten Federstrich voraussetzt. Chopins Orchesterbegleitungen in den Klavierkonzerten sind schon so etwas wie ein pastöser, über weite Strecken eher blasser Malgrund für das virtuose Piano, oder auch gleich nichtssagend. Was aber schon schwach angelegt ist, verliert in der vegetarischen Version der solistischen Besetzungen noch mehr. Antworten, die das Orchester in Vollbesetzung auf Statements des Soloinstrumentes mit der Zurückhaltung eines anonymen Stichwortgebers tätigt, können in einer solistischen Fassung deplatziert oder gar anmassend wirken; die ästhetische Höhe des Solisten ist in diesem falschen Rollenspiel für den Orchesterfiguranten gar nicht zu erreichen.

 

Schon der Orchestersatz Chopins wirkt etwas unentschlossen oder bloss harmlos kolorierend. In der reduzierten Fassung verstärkt sich der fade Beigeschmack, nicht nur wenn ein einzelnes Streichinstrument etwa eine Hornfanfare ersetzen sollte: Wo das Orchester vollklingend im Tutti dem sich aufplusternden Klavierpart Gegenrede hält, wirkt die solistische Besetzung bloss defätistisch. Dass das Klavier ab und an einspringt, um die fehlenden Bläser zu markieren (ein vermutlich schon zeitgenössischer Kunstgriff), wirkt so auch eher wie ein untauglicher Versuch, zu retten, was nicht zu retten ist.

 

Als Strategie, die auch im Beethoven-Konzert angewandt wird, überzeugt das Markieren der Bläserstimmen durch das Klavier nicht wirklich: Das Soloinstrument scheint die Rolle nur lustlos zu übernehmen. Beethovens eingeständigerer Orchestersatz hört sich in der ausgedünnten Fassung aber interessanter an als sein chopinsches Gegenstück. Zwar wird auch in diesem Fall auf Wirkung angelegten Tutti-Stellen die Spitze gebrochen. Dafür finden sich in der Interpretation des Gémeaux Quartetts spannende, typisch kammermusikalische Klangumsetzungen ‒ zum  Beispiel im zugleich harschen wie fahlen, vibratolosen Streicher-Unisono des zweiten Satzes.

 

Der Pianist und die Streicher agieren auf der vorliegenden CD musikantisch auf hohem Niveau. In der Umdisposition mit Schlagseite zugunsten des Klaviers schaffen sie ein intelligentes klangliches Gleichgewicht. Sie wecken damit aber auch die Neugier, ob man die gestellte Aufgabe konzeptionell nicht noch radikaler angehen und dabei weitere verborgene Schichten und Strukturen der Werke extrahieren könnte. Es handelt sich um Aufnahmen von Juli und Oktober 2013 im Radiostudio Zürich. Der Sender SRF 2 Kultur amtet auch als Koproduzent. (wb) 


Info:
Chopin, Piano Concerto No.1, Beethoven, Piano Concerto No. 4 ‒ The Chamber Versions. See Siang Wong (Klavier), Gémeaux Quartett, Szymon Marciniak (Kontrabass), RCA Red Seal (Sony Music), 2017.


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