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Im Gespräch

Chailly und die Brahms-Sinfonien

Cover Brahms-SinfonienNachdem Barock und Klassik als Studienobjekte für historisch-informiertes Musizieren mehr oder weniger ausgereizt sind, konzentriert sich in der deutschen Musik zur Zeit einiges auf die sinfonischen Beethoven-Nachfolger Schumann, Brahms, Bruckner bis hin zu Mahler. Insofern ist ein Gesamtblick aufs sinfonische Schaffen von Brahms mit einem Seitenblick auf orchestrale Gelegenheitskompositionen des bärtigen Tonschöpfers (Ouvertüren, Intermezzi, Tänze und so weiter) nichts überaus Originelles.

Wenn das Gewandhausorchester Derartiges unternimmt, dann darf man aber durchaus Interesse zeigen, denn sein ehemaliger langjähriger Chefdirigent Kurt Masur hatte das pathetische, deutsch-dunkle und schwere Brahms-Klangbild des 20. Jahrhunderts wesentlich mitgeprägt. Zuvor hatten, wie Peter Korfmacher im Booklet zur Tripel-CD schreibt, der in Winterthur beerdigte Felix Weingartner (mit expliziter Billigung von Brahms), Artur Toscanini und Bruno Walter sie «rein, ohne Extreme und verankert in einer Tradition, die heute verschüttet scheint» interpretiert, eher klassisch also, denn romantisch.


Die Musiker des Gewandhausorchesters hätten denn auch «teilweise mit Befremden» auf Chaillys Rückgriffe reagiert, vor allem «wenn Details besonders stark abwichen.» Aber die Bereitschaft, Chailly auf diesem Weg zu folgen, sei dennoch gross gewesen. Die Unterschiede lägen in «unzähligen Details», vor allem in den Tempi. Die Dramatik dieser Musik werde so ohne Exzesse hörbar.

Leipzig hat bei Brahms etwas gutzumachen: Der Rezensent der Leipziger Signale für die musikalische Welt schrieb in den 1850er-Jahren nach einer vollständig misslungenen Brahms-Aufführung, man müsse in dieser Musik «Würgen und Wühlen, Zerren und Ziehen, Zusammenflicken und Auseinanderreissen von Floskeln ertragen». Nicht gerade eine Liebesgeschichte der Stadt mit dem Komponisten, auch wenn dieser in der gebürtigen Leipzigerin Clara Schumann eine Seelenverwandte (wenn nicht mehr) gefunden hatte. Einen Ruf an die Thomaskirche als ferner Nachfolger Bachs im Kantorenamt schlug er später denn auch aus.

Die hier vorliegenden Interpretationen Chaillys und des Gewandhausorchesters kommen frisch und spielfreudig daher, wer dem akademischen Brahms mit einer Vorliebe zu dunklen Alt-Timbres wenig abgewinnen kann, der dürfte sich davon allerdings auch nicht zum Liebhaber bekehren lassen. Für andere wird die Zurkenntnisnahme dieser Sammlung allerdings zur Pflicht werden. (wb)

Brahms: The Symphonies. Gewandhausorchester, Riccardo Chailly, Decca/Universal, 3 CDs, Best.-Nr. 478 5344.


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