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Beethoven. Die Klaviersonaten

 

Cover Beethoven-Buch14.02.2014 -- Mit den drei «Kurfürstensonaten» begann der 12-Jährige in Bonn seine Auseinandersetzung mit der Klaviersonate, und nachdem er sich ein Jahrzehnt später in Wien niedergelassen hatte, legte der in der jungen Wiener Hocharistokratie als Pianist renommierte Beethoven 1796 seine ersten anspruchsvollen Werke dieser Gattung vor: die drei Sonaten op. 2. Klaviermusik wurde zu seinem ersten Markenzeichen; die Auseinandersetzung mit der Klaviersonate begleitete ihn durch alle Schaffensphasen, dokumentiert seine künstlerische Entwicklung vom frühen Wiener Stil bis zum Spätstil von Anfang der 1820-er Jahre mit den Opera 109 bis 111.

 

Legion sind die Untersuchungen dieses Werkkorpus, eines der meisterforschten der Gattungsgeschichte. Analytisch einlässliche Werkführer der jüngeren Vergangenheit stammen von Jürgen Uhde (1970/2012), Siegfried Mauser (2001) und Charles Rosen (2002). Nun legt Hans-Joachim Hinrichsen, Professor für Musikwissenschaft an der Universität Zürich, seine in langen Jahren gereifte Auseinandersetzung mit Beethovens 32 Klaviersonaten, dessen «zentralem Experimentierfeld», vor – ein gründliches, weit ausgreifendes, auf jeder Seite erhellendes Studienwerk, ein anspruchsvolles Handbuch, eine sprachlich präzise, stilistisch eloquent ausgearbeitete Werkmonografie.

 

«Das vorliegende Buch beabsichtigt nichts Geringeres, als Beethovens Klaviersonaten im Zusammenhang darzustellen.» Der erste Satz des Vorworts ist Programm: Es geht dem Autor um die Zusammenhänge der einzelnen Werke als Teile eines kompositorischen Gesamtprojekts, um die Einbettung der Sonaten in den grossräumigen Entstehungsprozess und den Gattungskontext. Das Erforschen und Analysieren bezieht sich nicht allein auf das isoliert betrachtete singuläre Einzelwerk, vielmehr spürt es den Kontinuitäten, den Merkmalen von Beethovens kompositorischem Denken nach, arbeitet die Entwicklung von Formen, Strukturen, von Aufbau und Gliederung heraus, gibt anhand von Entwurfsstufen (Skizzen, Arbeitsnotate) Einblicke in die Werkstatt des Komponisten.

 

Demgemäss hat Hans-Joachim Hinrichsen den Stoff geordnet, subsumiert in zeitlicher Nähe entstandene Einzelwerke auch einer zusammenhängenden Betrachtung und gewinnt dank aufgespürter wechselseitiger Bezüge neue, überraschende Einsichten in den zyklischen Zusammenhalt. Immer wieder weitet er den Blick aus über die Individualität, den Gehalt eines Werks, bezieht ideengeschichtliche Aspekte ein, die sich in Beethovens Schaffen niedergeschlagen haben, etwa Schillers Tragödientheorie und die klassische Ästhetik, den Diskurs über das Pathetische, Kants Ethik, Melancholievorstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts.

 

Zwischen Prolog (betitelt: Beethoven als Klassiker der Klaviersonate) und Epilog (Beethovens Klaviersonaten in der Rezeption) gliedert der Autor die Sonaten in chonologischer Reihenfolge ihrer Opus-Nummern in fünf umfangreiche Teile. Im ersten (Leitgattung Klaviersonate) analysiert er die Bonner «Kurfürstensonaten» (WoO 47) und die Opera 2 bis 13, zudem die Sonate zu vier Händen op. 6, im nächsten Teil (Die Klaviersonate als Experimentierfeld) die Sonaten op. 14 bis 28, im dritten Teil (Neue Wege) op. 31 bis 57, im vierten (Werkgruppe der Kontraste) op. 78 bis 90 und im letzten Teil (Letzte Werke) op. 101, 106 und die Trilogie op. 109, 110 und 111.

 

Weitere aufschlussreiche Elemente: Hinrichsen hat zwischen die grossen Blöcke fünf Exkurse eingeschoben (Sonate als musikalische Denkform; Poetische Idee und musikalischer Inhalt; Pathos und Humor; Werk und Zyklus; Spätwerk und Werkstil), in denen er übergreifende Gesichtspunkte vertieft.

 

Profund bis ins Detail sind Hans-Joachim Hinrichsens Erläuterungen und Analysen, die das Einzelne dem Ganzen beiordnen, Akzente setzen, persönlich kommentieren, Arbeitskontexte verfolgen, Parallelen zu anderen Werken Beethovens (etwa den Klaviertrios op. 1, dem frühen Klavierquartett, der Cellosonate op. 5/2, den Streichquartetten op. 18), Einflüssen von Komponistenkollegen und der Wirkungsgeschichte des Sonatenschaffens nachgehen.

 

Gründlichkeit und Umsicht widerspiegelt auch des Autors Umgang mit den oft als Anfängerstoff diskreditierten vier «kleinen» Sonaten op. 14 und op. 49, denen er 23 Druckseiten widmet. Die Komplexität anderer Werke findet ihren Niederschlag in sehr umfangreichen Untersuchungen: 16 Seiten für Opus 106, annähernd 50 für die drei letzten Sonaten.

 

Im Anhang finden sich die Anmerkungen, das Verzeichnis der Erstdrucke und der handschriftlichen Quellen der Sonaten (Titel der Originalausgabe, Datierung, Widmung) und die Literaturangaben. Leider wurde auf ein Sach- und Personenregister verzichtet, das abgesehen vom Komfort gezielten Nachschlagens auch die inhaltliche Vernetzung aufgedeckt hätte.

 

Unter den Abbildungen finden sich Reproduktionen von Manuskripten und Erstdrucken. Die Notenbeispiele geben vorwiegend Skizzen Beethovens zu einzelnen Sonaten wieder; für ein an Entdeckungen und Erkenntnissen reiches Studium ist es unentbehrlich, die Partituren der Werke beizuziehen. (ws)

 

Zitat aus dem Buch: 

«Beethovens Spätstil ist also nur als souveräne Beherrschung eines umfassenden Kontinuums der Schreibweisen angemessen zu verstehen, in dem nicht nur die Fuge, sondern auch die Anverwandlung traditioneller pianistischer Modelle wie Invention, Toccata oder Fantasie eine immer größere Bedeutung gewinnt. Mit der Reflexion auf das ästhetische und technische Potential der Polyphonie verschafft Beethoven seiner Kompositionstechnik eine ganz neue Grundlage, und mit den experimentell erweiterten Satzmodellen der Fuge wie der Variation eröffnet er seinen späten Werkzyklen eine zusätzliche Dimension des thematischen Denkens. Das gesamte Spätwerk ist nicht trotz, sondern gerade wegen seiner willkürlichen Integration barocker Satztechniken ein Projekt der Avantgarde.» (Seite 325)

 

Info:

Hans-Joachim Hinrichsen: Beethoven. Die Klaviersonaten. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2013. 464 Seiten mit Abbildungen und Notenbeispielen. € 39,95. Fr. 53.90.


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