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Kritiken und Berichte

Migration und Identität

 

Cover BuchEin ausschlaggebendes Phänomen der Menschheit ist die Migration, die Wanderung – zu Fuss oder mit Transportmitteln – zwischen Gebieten, Grossräumen, Erdteilen, Zivilisationen, Nationen. Wanderungsbewegungen spielen in der Entwicklung von Kulturen und deren wechselseitigem Austausch von Gütern und Ideen, zudem in der Ausbildung der eigenen Identität eine bestimmende Rolle.

 

Ins Blickfeld der musikwissenschaftlichen Forschung gerieten Migration und Remigration erst im Zusammenhang mit den politischen und gesellschaftlichen Ereignissen des 20. und 21. Jahrhunderts. Während die Reisefreudigkeit europäischer Musiker früherer Zeiten in vielen Publikationen dokumentiert, aber nicht unter dem Thema Migration abgehandelt ist, werden nun die kulturellen Austauschprozesse, die durch die Wanderbewegungen von Sängern, Komponisten, Instrumentalisten und Tänzern in Gang kamen, ausgeleuchtet und diskutiert. Nicht nur ihr Schaffen profitierte von diesen regionalen und nationalen Grenzüberschreitungen und transkulturellen Verflechtungen, auch die ortsfesten Künstler und die Verleger wurden durch Migranten in vielfältiger Art angeregt.

 

«Globalisierung ist nichts Neues. Neu ist, dass Auswirkungen der Globalisierung heute von vielen Menschen bewusst erfahren und zum Kernthema der politischen Debatte werden.» (Wolf Lepenies, Seite 11) Die aktuelle musikwissenschaftliche Migrationsforschung richtet ihren Blick nicht durch die nationalstaatliche Brille, sondern erkundet mit Einbezug sozial- und geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse die Vermischung und gegenseitige Befruchtung in Vokal- und Instrumentalmusik.

 

2010 wurde im Deutschen Historischen Institut in Rom das Symposium «Migration und Identität. Musikalische Wanderbewegungen seit dem Mittelalter und ihr Einfluss auf die Kompositionsgeschichte» durchgeführt. Einen grossen Teil der dort gehaltenen Referate versammelt der vorliegende Band, ein Gemeinschaftswerk von 19 Autorinnen und Autoren. Die von Sabine Ehrmann-Herfort und Silke Leopold herausgegebene, vom Bärenreiter-Verlag sorgfältig betreute Publikation vermittelt mit ausgewählten Beispielen musikkultureller Hybridisierungen in Form eines Längsschnitts durch die Geschichte musikalischer Wanderbewegungen vom Mittelalter bis heute, von Europa nach Südostasien einen facettenreichen Einblick in ein spannendes Forschungsgebiet.

 

Grundsätzliche Überlegungen stammen von Wolf Lepenies (Das Zeitalter der Mobilität und die Übersetzbarkeit der Kulturen), von Silke Leopold (Musikwissenschaft und Migrationsforschung) und von Pieter C. Emmer (Migration and the making of a common European culture, 1500 – 1800).

 

Den Entwicklungen in grösseren transnationalen Räumen widmen sich Anke Bödeker («Peregrinatio pro musica». Migration [im frühen Mittelalter] als Wegbereiter transalpiner Austauschbeziehungen), Sabine Ehrmann-Herfort (Migration und Madrigal. Musikalische Wanderbewegungen und das Cinquecento-Madrigal in Florenz und Rom), Christian Storch (Wege portugiesischer Musikkultur nach Südostasien im Kontext der europäischen Expansionspolitik des 16. und 17. Jahrhunderts) und Margret Scharrer (Kavalierstouren und Musiktransfer am Beispiel ausgesuchter Prinzenreisen [17./18. Jahrhundert]), Thomasz Jez (Die Breslauer Bibliotheca Rehdigeriana als Dokument der Migration des italienischen Stils in Europa) und Luca Aversano (Identitäten im Spiegel. Das wechselseitige Bild von Deutschland und Italien im frühen 19. Jahrhundert).

 

Mit Gattungen, Stilen und Werken befassen sich Michele Calella (Migration, Transfer und Gattungswandel. Einige Überlegungen zur Oper des 18. Jahrhunderts), Richard Wistreich («Nach der jetzig Newen Italienischen Manier zur guten Art im singen sich gewehnen». The «trillo» and the mechanics of migration of Italian noble singing), Vincenzina C. Ottomano (Migrazione e identità musicale. «Le Flibustier» di Cezar’ Kjui a Parigi) und Mauro Fosco Bertola («So ward er unser». Palestrina als deutsches Nationalsymbol im Berliner Rundfunk während der Weimarer Republik).

 

Aktuellere musikalische Migration zwischen Jamaika bzw. Korea und Europa behandeln die Beiträge von Daniel Siebert (Adaptionen der jamaikanischen Ska-music durch die Subkultur der Skinheads in Großbritannien), Lars-Christian Koch (Mobilität und Kulturtransfer in Prozessen musikkultureller Migrationen zwischen Europa und Südasien), Hyesu Shin (Parallelwelten? Das Eigene und das Fremde in der Musik Koreas) und O-Yeon Kwon (Veränderungen im Tonsystem der traditionellen koreanischen Musik unter dem Einfluss westlicher Musik).

 

Andreas Gestrich fasst Erkenntnisse der Referate schwerpunktmässig zusammen (Migration und Kulturkontakte in der Musikgeschichte. Ein Kommentar aus der Perspektive der Historischen Migrationsforschung).

 

Beschlossen wird der durch seine Fülle an Einsichten und Erkenntnissen anregende Band mit dem Personenregister und den Biografien der Autorinnen und Autoren.

 

 Zitat aus dem Buch:

«Ein wichtiger Aspekt der kulturellen Vielfalt eines Nationalstaates ist die schon seit der prähistorischen Epoche vorhandene Geschichte der Bevölkerungswanderungen. Migration ist ein Faktor, der in allen historischen Phasen der Globalisierung existierte. Die jüngste Phase seit 1950 ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass die größten transkontinentalen Migrationsströme politisch und ökonomisch motiviert aus den ehemaligen Kolonialreichen in Richtung des westlichen Europa führten; regional wurde dies durch innereuropäische Arbeiterbewegungen (meist von Süd nach Nord) verstärkt. Hierbei entstanden in den westlichen Industrieländern neue kulturelle und ethnische Landschaften, von denen wichtige Impulse für den aktuellen Globalisierungsdiskurs ausgehen. Für die Musikwissenschaft und insbesondere für die Populärmusikforschung spielen die Migrationskultur und die durch sie veränderten kulturellen Landschaften  eine besondere Rolle bei der Entstehung von populären Musikstilen.» (aus dem Beitrag von Daniel Siebert, Seite 234f.) (ws)

 

 Info:

Sabine Ehrmann-Herfort / Silke Leopold (Hrsg.): Migration und Identität. Wanderbewegungen und Kulturkontakte in der Musikgeschichte. Analecta musicologica Band 49. Veröffentlichungen der Musikgeschichtlichen Abteilung des Deutschen Historischen Instituts in Rom. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2013. 325 Seiten mit Abbildungen und Notenbeispielen. € 79,–. Fr. 104.90.


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