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Kritiken und Berichte

Mozart im Dienst des Kaisers

 

Cover BuchVerarmt, vereinsamt, vom Glück verlassen, die Schaffenskraft erlahmend, von Salieri oder Süßmayr oder Hofdemel vergiftet, von Freimaurern ermordet … Die romantischen Legenden und Anekdoten um seine letzten Lebensjahre und das frühe Ende holen Mozart vom Podest des Genies auf eine fassbare Nähe hinunter. Doch längst sind diese Ammenmärchen durch Fakten widerlegt – Mozart starb eines natürlichen Todes, vermutlich infolge Nierenversagens.



Dass sich in den letzten vier Lebensjahren nicht der Geist des Abschiednehmens, der Resignation über Mozarts Leben und Schaffen legte, wie vielmehr frische künstlerische Impulse wirksam wurden, Mozart sich neue Richtungen in seiner musikalischen Arbeit erschloss, energisch neue Wege erkundete, hat Christoph Wolff zum Inhalt seiner jüngsten, 2012 publizierten Studie gemacht. Sie liegt nun in sorgfältiger Übersetzung auch in Deutsch vor.



Der renommierte amerikanische Mozart-Experte nimmt die letzten vier Lebensjahre des Komponisten unter die Lupe, den Zeitraum zwischen 1788 und 1791. Ab 1781 wohnte Mozart in Wien; Ende 1787ernannte ihn Kaiser Joseph II. zum «Komponisten der kaiserlich-königlichen Kammermusik», ein angesehenes, gut besoldetes Amt mit mässigen Verpflichtungen. Eine hoffnungsvolle Lebens- und Schaffensphase begann. «Nun stehe ich vor der Pforte meines Glückes», frohlockte Mozart in einem Brief aus dem Jahr 1790.



Der Autor beleuchtet Mozarts letzte Lebensjahre nicht vom Ende her, nicht von einer künstlerischen Zukunft, die es hätte geben können; er widerlegt die weit verbreitete Ansicht, dass Mozarts Musik vom Geist des Abschiednehmens geprägt sei: Der Tod Ende 1791 war ein unerwartetes Ereignis, das keine Schatten vorauswarf. Wolff gewinnt aus dieser Perspektive eine Reihe spannender Einsichten in Leben und Schaffen, in die neue Richtung der musikalischen Arbeit, die neue Klangsprache, den, wie er ihn nennt, «imperialen Stil» und dessen Charakteristika. Und er verschafft nicht zuletzt der Interpretationspraxis anregende Impulse.



Im ersten Teil widmet sich Christoph Wolff Biografischem, konzentriert auf die Zeit ab Ende der Achtzigerjahre, die Auswirkungen von Mozarts kaiserlicher Berufung und sein Umfeld – das ambivalente Verhältnis zu Salieri, Repräsentationen und die finanzielle Lage, Publikation vieler Werke, der Musikbetrieb in der kaiserlichen Residenzstadt und die Veränderungen in der Wiener Hofmusik, der Siebenjährige Krieg, der 8. Türkenkrieg: «Mozart hatte das große Pech, eine Periode der österreichischen Geschichte mitzuerleben, die von einer tiefen Wirtschaftskrise, verbunden mit politischer Instabilität und Ungewissheit, geprägt war.» (Seite 33)



Prägende Einflüsse erfuhr Mozart auf seinen Konzertreisen, die hier ab 1762 resümiert werden: das Musikleben mit den tonangebenden Exponenten, Mäzenen, Verlegern und die Bach-Kreise in Berlin und Leipzig. «Anstatt auf den retrospektiven Stil zurückzugreifen, der in den konservativeren, eher theoretisch und philosophisch orientierten Bach-Kreisen in Leipzig und Berlin bevorzugt wurde, entwickelte Mozart eine Fülle innovativer Kompositionsverfahren, die auf Bachs satztechnischen Modellen gründeten, womit er die lebendige, weitgehend vom Adel getragene und einflussreiche Wiener Bach-Tradition in eine spürbar neue, kreative Richtung lenkte.» (Seite 78)



Die ehrgeizigen Pläne und die kompositorische Leistung Mozarts nach seiner Ernennung analysiert Wolff im zweiten Teil: ästhetische Fragen, Auseinandersetzungen mit dem Schaffen Haydns, Kammermusik und Sinfonien, Klavierkonzerte, Bühnenwerke, geistliche Musik, angeregt durch Partituren von Händel und Bach.



«Komponirt ist schon alles – aber geschrieben noch nicht», hielt Mozart Ende 1780 in einem Brief an seinen Vater fest. Und manches blieb im Entwurfsstadium: 54 Kompositionsfragmente sind erhalten aus den Jahren 1788 bis 1791. Besonderen Nachdruck legt Wolff anhand einer Reihe von Skizzen einzelner Kammermusiksätze (Trio, Quartett, Quintett) auf Mozarts Kompositionsprozess, den Akt des Niederschreibens. Mozart, so fasst der Autor zusammen, «durchdachte einen ganzen Satz im Voraus, formulierte rasch ein Incipit als mnemotechnischen Behelf, entwarf die kontrapunktischen Konturen in einem Partiturgerüst des ganzen Stückes und füllte schließlich die noch fehlenden Details aus, die oft für den Klang des Stückes entscheidend waren.» (Seite 168)



Optisch nachvollziehen lässt sich die im Detail beschriebene Arbeitsweise an den Reproduktionen der Manuskripte. Zudem: Eigens für dieses Buch wurde eine Website eingerichtet, die Farbscans der analysierten Autographe und die Einspielungen dieser Skizzen enthält.



Besser als andere Dokumente geben die Fragmente laut Wolff Aufschluss darüber, wie Mozart arbeitete. Sie bieten, zusammen mit den vielen vollendeten Werken, «einen konkreten Einblick in das, was der Komponist als Schlüssel zur ,Pforte meines Glückes’ betrachtete, seine Kompositionskunst». (Seite 159)



Mozarts Aufbruch zu neuen Horizonten – Christoph Wolff erschliesst dank profunder und inspirierter Beschäftigung mit «works in progress» erkenntnisreiche Einblicke in die Merkmale des reifen Stils von Mozarts imperialen Jahren. (ws)



Zitat aus dem Buch:
«Nach Mozarts Übersiedlung nach Wien werden die wachsende kompositorische Komplexität, die differenzierte Kontrapunktik und die ausgedehnteren Formate seiner Musik immer spürbarer, trotz aller melodischen Eleganz und allen rhythmischen Flusses, die nach wie vor dominieren. Komponieren war zu einem anspruchsvolleren und anstrengenderen Geschäft geworden. Das Tempo, in dem neue Werke entstanden, verlangsamte sich, Strukturen und Texturen wiesen größere Dichte und Subtilität auf, und die harmonische Sprache wurde nuancierter. Insgesamt nahm die gedankliche Tiefe der musikalischen Substanz ganz wesentlich zu, sodass der Kompositionsprozess einfach mehr Zeit verlangte.» (Seite 168f.)



Info:
Christoph Wolff: «Vor der Pforte meines Glückes». Mozart im Dienst des Kaisers (1788–1791). Aus dem Amerikanischen von Matthias Müller. Gemeinschaftsausgabe der Verlage Bärenreiter, Kassel, und J. B. Metzler, Stuttgart 2013. 228 Seiten mit Abbildungen und Notenbeispielen. € 29,95. Fr. 40.90.

siehe auch:
Mozart: Briefe und Aufzeichnungen
Neue Mozart-Ausgabe (NMA): http://dme.mozarteum.at/DME/main/index.php


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