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Kritiken und Berichte

Der Kanon der Musik

Cover BuchGut 900 Seiten zum Thema Kanon. Gemeint ist hier natürlich nicht der Kanon als kontrapunktische Form, sondern der Kanon musikalischer «Meisterwerke», ein Katalog von Kompositionen mit Vorbildfunktion.

 

«Der Kanon des Fachs Musikwissenschaft ist nicht die Musik schlechthin, sondern jene begrenzte Ansammlung von Werken, auf die sich das Fach als zentrale Ereignisse der Musikgeschichte und zugleich der gegenwärtigen kulturellen Prägung bezieht». (Michael Walter, S. 86) – Oder: Ein Kanon ist «die typische Organisationsform eines schriftkulturell verfassten kulturellen Gedächtnisses. Als solche ist er ebenso ein Instrument des Vergessens wie der Erinnerung». (Jan Assmann, S. 105)

 

Definitionen, Beleuchtungen und Differenzierungen des Begriffs Kanon gibt es zuhauf in diesem Band, in dem sich elf Wissenschaftlerinnen und 24 Wissenschaftler aus dem Gebiet der Musik sowie benachbarter Disziplinen in ihren Beiträgen mit Theorie und Geschichte des musikalischen Werkekanons auseinandersetzen.

 

Der Impuls zu diesem Handbuch ist einer im Jahr 2008 im Orff Zentrum München durchgeführten Tagung zu verdanken. Die Herausgeber Klaus Pietschmann und Melanie Wald-Fuhrmann haben die zur Publikation ausgearbeiteten Referate gesammelt, weitere Beiträge eingeholt und die über dreissig teils umfangreichen Arbeiten, darunter systematische Querschnitte und illustrative Fallbeispiele, in drei Hauptteile gegliedert und dem Ganzen eine grundsätzliche Aspekte erläuternde Einführung beigegeben. Es gehe trotz des postulierten Handbuch-Charakters «weniger um Zusammenfassungen des Forschungsstandes, als um die nachdrückliche Erweiterung bisheriger Perspektiven (nicht nur) musikwissenschaftlicher Kanonforschung».

 

Das Spektrum der diskutierten Probleme reicht von der Antike bis in die Gegenwart, von Gregor dem Grossen bis zu Cage und Stockhausen, zum Jazz und zum Pop, einbezogen sind auch Bereiche der Genderforschung.

 

Einer Gegenstandsbestimmung ist der erste Hauptteil gewidmet, dessen Beiträge aktuelle Debatten um Wesen, Sinn und Funktion, um Wert und Wertung von Kanones aufgreifen, wobei auch Kanonisierungsprozesse und Fragen des Vergessens, der gescheiterten Kanonisierung und der Dekanonisierung behandelt werden.

 

Im zweiten Teil – gegliedert in Mittelalter und Frühe Neuzeit sowie 19. und 20. Jahrhundert (die eigentliche Zeit eines musikalischen Kanons) – kommt die Geschichte von Kanones zur Darstellung: in der Kirchenmusik, der Renaissance, dem Humanismus, den Fürstenhöfen und Königszentren der Frühen Neuzeit, im Konzertleben Wiens um 1800, bei Wagner («Meistersinger») und im 2. Zeitalter der Symphonie (Leipziger und Berliner Musikleben), in «Avantgarden» in Frankreich und Westdeutschland, im Jazz, in Pop-Songs, in der jüdischen Geschichte.

 

Aufgegriffen, erweitert und vertieft werden im dritten Hauptteil «Mediale und systematische Aspekte der Kanonbildung» wie z. B. Komponisten als Agenten ihres eigenen Nachruhms, Kanonbildung durch Notendruck, Tonträger, Bilder und Denkmäler sowie die Dichotomie von Ästhetik und Ökonomie.

 

Dieses im doppelten Sinn gewichtige Handbuch zum Kanon der Musik mit Ausblicken in verwandte Gebiete ist die erste monografische und historisch breit angelegte, kulturpolitische und soziologische Gesichtspunkte einbeziehende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kanones der westeuropäischen Tradition. Ein Seite um Seite spannendes Kompendium mit vielen Facetten, reich an Debatten und Einsichten in ein komplexes Phänomen.

 

Der Abfolge der Beiträge, die durch viele Querverbindungen und Bezüge vernetzt sind, liegt ein überlegtes Konzept zugrunde, doch lassen sie sich auch nach Gutdünken studieren. Allerdings sollte der grundlegende erste Teil nicht überschlagen werden.

 

Erleichtert wird die Lektüre, die durchwegs auch interessierten Laien zugänglich ist, nicht zuletzt dadurch, dass die teils sehr raumgreifenden Anmerkungen (neben Erläuterungen und Übersetzungen ins Deutsche enthalten sie auch die Literaturhinweise und Internetadressen) am Fuss der jeweiligen Seite platziert, dass Abbildungen, Notenbeispiele, Zusammenstellungen und Tabellen, hier und dort auch Abstracs beigefügt sind. Nicht zu vergessen: die angenehm zu lesende Schriftgrösse und das gediegene Layout. Im Anhang finden sich die Auswahlbibliografie, separiert nach Literatur zur Musik und zu anderen Fächern, sowie das Register. (ws)

 

 

 

Zitat aus dem Buch:

«Indem der Kanon so Erinnerung formt, indem er etwa im Bereich der Literatur-, Kunst- oder Musikgeschichte Werke privilegiert aufgrund ihrer historischen Bedeutung oder ihres überzeitlich gültigen Rangs, legt er also auch fest, was vergessen, vernachlässigt und ausgeklammert werden kann oder sogar soll. Der Kanon bezieht notwendigerweise Stellung gegen alles Nicht-Kanonische. […] Exklusion ist nicht weniger eine Leistung des Kanons als Inklusion – gleichgültig, ob man dies als Tradierung der höchsten Kulturwerte preisen, als Komplexitätsreduktion für unvermeidbar erklären oder als ideologische Machtausübung kritisieren will.» (Wolfgang Fuhrmann im Beitrag «Gescheiterte Kanonisierungen. Drei Fallstudien zu Hasse, Paisiello und C. Ph. E. Bach», Seite 161)

 

Info:
Klaus Pietschmann, Melanie Wald-Fuhrmann (Hg.): Der Kanon der Musik. Theorie und Geschichte. Ein Handbuch. Edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2013. 950 Seiten mit zahlreichen Notenbeispielen und s/w-Abbildungen. € 79,–. Fr. 104.90.


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