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Kritiken und Berichte

Fauré. Seine Musik. Sein Leben

Cover Buch11.11.2014 -- Sein erstes publiziertes Werk erschien in Deutschland. Der Verlag Breitkopf & Härtel druckte die Violinsonate op. 13 auf eigene Kosten. Der 31-jährige Komponist musste auf jegliche finanzielle Ansprüche verzichten, denn – wie das Verlagshaus begründete – «der Name Monsieur Faurés ist in Deutschland nicht bekannt, und der Musikmarkt wird überschwemmt von Werken dieser Art, wenngleich sie oft weniger gelungen als das vorliegende sind.»

Weder das Meisterwerk aus dem Jahr 1876 noch das Renommee des Leipziger Verlags brachten Gabriel-Urbain Fauré den Durchbruch in den deutschsprachigen Gebieten, und auch in seiner Heimat dauerte es noch etliche Zeit, bis Fauré die erhoffte künstlerische und soziale Anerkennung erfahren konnte.


Fauré, geboren 1845, gestorben 1924 im 80. Lebensjahr, wurde früh gefördert von seinem Klavierlehrer Camille Saint-Saëns, der den Schüler auch zum Komponieren anregte. Das Studium der alten polyphonen und modalen Musik beeinflusste Faurés Tonsprache tiefgreifend und andauernd. Prägten zu Beginn Einflüsse Mendelssohns, Schumanns, Chopins, Liszts seine Tonsprache, fand er bald zu einem eigenen tonal-modalen System in Anlehnung an die Kirchentonarten und mit sublimen kontrapunktischen Techniken.

Der französischste unter den französischen Komponisten seiner Generation (wegen populärer melodieseliger Sätze wie der Berceuse op. 16 von vielen als «Salonkomponist» abgetan) schuf mit penibler Selbstkritik ein ebenso vielseitiges wie umfangreiches Œuvre, wirkte während 15 Jahren als Direktor des Conservatoire national de musique et de déclamation in Paris (seine Kompositionsklasse besuchten u. a. Nadia Boulanger, Ravel, Koechlin, Florent Schmitt, George Enescu), war Musikkritiker des «Figaro», unternahm Konzerttourneen in Europa und Russland.

Um die Jahrhundertwende traten zunehmende gesundheitliche Probleme auf (Ertaubung, Migräne, Schwindelanfälle, Erschöpfungszustände), und desgleichen nicht mit Glück gesegnet waren die Konstellationen seines Privatlebens. Monatelange Aufenthalte und Kuren in Deutschland, Italien und der Schweiz dienten der Erholung, der Flucht aus den Forderungen des Alltags, verschafften kreative Freiräume.

Vita und Schaffen Gabriel Faurés bilden in der Arbeit des französischen Musikwissenschaftlers Jean-Michel Nectoux seit über drei Jahrzehnten den Schwerpunkt. Nectoux ist Editionsleiter der Œuvres complètes de Gabriel Fauré, die seit 2010 bei Bärenreiter erscheinen (geplant sind 28 Bände; ein Kritisches Werkverzeichnis ist in Vorbereitung). 1990 publizierte er die umfassende Biografie in Französisch (stiess damit eine Neuentdeckung Faurés an), ein Jahr später in Englisch, dann folgten eine japanische und eine italienische Ausgabe und 2008 eine französische Neuauflage, die – vom Autor durchgesehen und in der Bibliografie ergänzt – dem vorliegenden, von Norbert Kautschitz fachmännisch und stilistisch untadelig übertragenen Band zugrunde liegt.

Nectoux gliedert die üppigen Materialien in drei Teile, deren Inhalt grosso modo chronologisch einzelne Lebensphasen umfasst; doch inhaltlich greifen sie ineinander und bekunden, wie untrennbar Faurés Leben mit seinem Schaffen verbunden ist. So ergeben sich im Text Vor- und Rückgriffe und Redundanzen, die allesamt dem Verständnis der Zusammenhänge dienen.

Die detaillierte, an Einzelheiten reiche, weit ausgreifende und durch Berichte von Zeitzeugen und Briefauszügen sowie fotografischen Dokumenten bereicherte Biografie Faurés stellt der Autor in den Rahmen der zeitgenössischen Voraussetzungen, Bedingungen und Ereignisse des Pariser Kulturlebens mit seinen Protagonisten vor und hinter den Kulissen der mondänen Gesellschaft (Fauré liess sich 1870 in der französischen Metropole nieder).

Zum Biografisch-Historischen tritt die einlässliche Würdigung des kompositorischen Werks in den drei Schaffensperioden: «Die erste Periode (1860–1886) war jene der stilistischen Suche und der ‘Abrechnung’ mit dem romantischen Erbe […], die zweite (1887–1905) jene der Reifezeit, in welcher Fauré einen Personalstil entwickelte, der von Chromatik geprägt war und sich auch in exzessiver polyphoner und harmonischer Experimentierfreude äußerte […]. Die letzte Periode (1907–1924) bedeutete eine radikale Erneuerung hinsichtlich der Auflockerung des instrumentalen Satzes, einer Straffung melodischer Bögen und einer noch größeren harmonischen Innovation, die das Ergebnis einer ständigen Beschäftigung mit dem Kontrapunkt war.» (Seite 291)

Umfangreiche Kapitel würdigen mit Analysen ausgewählter Kompositionen die Klavier- und die Kammermusik, die Mélodies (Lieder), sinfonische und konzertante Werke, die Bühnenmusik und die Opern (in «Prométhée» verlangt Fauré nicht weniger als 13 Harfen!), die weltlichen Chorwerke und die Kirchenmusik (am bekanntesten darunter das Requiem). Wichtige Aspekte, so das Verhältnis von Text und Musik, Wort und Ton (ein anforderungsreiches Kapitel), kompositionstechnische Verfahren (Tonalität und Modalität, Rhythmus, polyphone Techniken, Melos, Orchestrierung) werden ebenso gründlich behandelt wie Fragen der Interpretation und Faurés Kunstästhetik und Kunstphilosophie.

Der gut 150 Seiten umfassende Anhang enthält eine Chronik zu Faurés Leben und Werk, Stammbäume, eine Aufstellung der Aufführungen des Requiems op. 48 zwischen 1888 und 1902, das chronologisch nach Entstehungsjahren angeordnete Werkverzeichnis, Tonträgeraufnahmen mit Fauré am Reproduktionsklavier, die Anmerkungen, die Bibliografie, das Personen- und Orts- sowie das Werkregister.

Persönlichkeit und Epoche, Schaffen und Ausstrahlung, gewürdigt in kenntnisreicher Darstellung und differenzierter Deutung: Jean-Michel Nectoux’ grosse Fauré-Biografie wird zweifellos ein Standard- und Referenzwerk bleiben. (ws)

Zitat aus dem Buch:
«Wie jene Prousts oder Mallarmés ist Faurés Kunst kulturelle Hochleistung. Sie fasst eine jahrhundertelange Entwicklung zusammen; ist sie auch nicht das Ergebnis mutiger, epochaler Neuerung, so hat sie doch in ihrem Rahmen merklich Anteil an der Moderne. Natürlich wäre es falsch, Faurés Grenzen, die er aufgrund seiner großen Bescheidenheit auch als Künstler nicht durchbrechen konnte, zu verschweigen. Andrererseits muss man die geniale Vervollkommnung seiner vieldeutigen Ausdrucksweise würdigen. Bezaubert und bewegt uns Fauré auch heute noch oft, so geschieht dies aufgrund seiner Melancholie und Empfindsamkeit, aufgrund dieses ergreifenden Glücksgefühls, wo wie ein großes Feuer seine Künstlerseele – so sanft und liebenswert – strahlt.» (Seite 487)

 

Info:
Jean-Michel Nectoux: Fauré. Seine Musik. Sein Leben. «Die Stimmen des Clair-obscur». Aus dem Französischen von Norbert Kautschitz. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2013. 644 Seiten mit 93 Notenbeispielen und 48 Abbildungen. € 49,95. Fr. 66.90.


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