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Kritiken und Berichte

Händels «Amadigi di Gaula» im Stadtcasino Basel

 01.06.2014 -- Das braucht schon eine gehörige Portion Chuzpe, eine zweieinhalbstündige Oper in asketischem Rahmen konzertant darzubieten ‒ wenn ihre einzige Daseinsberechtigung eingestandenermassen viel Theaterdonner, optisches Spektakel, skurrile Szenen und launische Pappkulissenatmosphäre ausmachen soll. Händels «Amadigi di Gaula» (HWV 11) ist auf den ersten Blick Spektakel pur, das Libretto «Schmarrn», wie selbst das Programmheft zum Konzert des Kammerorchester Basel  (KOB) im Basler Stadtcasino einräumen muss.

 

Vor solchen Aufgaben scheiden sich aber halt eben die mittelmässigen Notenkleckser (die zu solcher Gelegenheit schlampige, auf den vordergründigen Effekt angelegte Tonsätze schreiben) von den Genies, de gar nicht anders können, als auch dem schnellen Fix exzellente Musik zu unterlegen. Erkannt hat dies bereits der massgebende Chronist des 18. Jahrhundert, Charles Burney: Mehr Erfindungsreichtum, Abwechslung und gute Kompositionen seien da enthalten, als in einigen anderen mit kritischem Ohr geprüften musikalischen Dramen Händels, schreibt er in seiner «Allgemeinen Geschichte der Musik» von 1789.  Wie recht er doch hat.

 

Irgendwie geht es in «Amadigi» um eine Dreiecksgeschichte im dysfunktionalen Milieu mythisch-mediterraner Königshäuser, angereichert mit Elementen erotischer Verwechslungskomödien und dem obligaten Tod in Schande einer bösen Hexe. Das Handlungsgerüst bietet aber vor allem die Folie für eine Reihe Arien und Dialoge, in denen Gesangsstars (zu Händels Zeiten vor allem der Kastrat Niccolò Grimaldi) zeigen können, was sie so drauf haben.

 

Und nun wird’s interessant: Die Basler Aufführung hat eine Schicht der Musik freigelegt, die in einer historisch getreuen (also effektreichen) szenischen Aufführung höchstens zugemüllt werden dürfte: Die grossartige Musik steht für sich, die musikalische Dramaturgie hat einen weiten Atem und die Feinzeichnung der emotionalen Befindlichkeiten ist von allerhöchster Güte. Hinter dem hippen Eventspektakel seiner Zeit verbirgt sich ein grossartiges Stück Kantatenkunst.

 

Dem muss man zuerst mal gerecht werden, und da haben die Akteure rund um das KOB  nun wirklich alles richtig gemacht: Das homogene, exzellente Gesangsquartett besteht aus zwei Countertenören (Lawrence Zazzo und Filippo Mineccia) und zwei Sopranistinnen (Karina Gauvin und Roberta Invernizzi), die für die Schlussszenen und ein den Chor markierendes Gesangsquartett vom Bassbariton Valerio Zanelli und dem Tenor Benoît Haller ergänzt werden. Sie haben ‒ dies ein Nebeneffekt ihrer hohen Kunst ‒ nie den Hauch eines Zweifels aufkommen lassen, dass der Überhang an hohen Stimmen das Werk besetzungsmässig aus der Balance bringen könnte.

 

Im nicht minder brillanten Instrumentalensemble speziell ausgezeichnet haben sich die Bläser, allen voran Ute Hartwich an der Barocktrompete. (Die Konstellation hat uns neugierig gemacht. In Tat und Wahrheit war gut die Hälfte der Besetzung des Konzertes ‒ die Streicherabteilung, nicht aber der Konzertmeister ‒ Personal des KOB; der Rest, fast alle Bläser und die Basso-continuo-Abteilung, waren zugezogene Spezialisten. Das ist symptomatisch für moderne Markenführung im Orchestergeschäft und schmälert die Verdienste des KOB selbstverständlich nicht).

 

Entscheidend mitverantwortet haben dürfte den Erfolg der Dirigent Ottavio Dantone. Der musikalische Leiter der Accademia Bizantina in Ravenna steht für eine junge Generation von Barockspezialisten, die über exzellente Kenntnisse der Interpretationskunst der Zeit verfügen, ohne dem missioniarischen Furor früherer Alte-Musik-Pioniere zu verfallen. Vielmehr gelingt es ihnen, in der Musik Händels und seiner Wiedergabe das zeitlos Gültige des Ausdrucks herauszuarbeiten (Adepten wie der Barockopern-Kennerin, -Propagandistin und Schriftstellerin Donna Leon dürfte das gefallen): eine zweifelssohne aristokratische Geschmackskultur, transformiert in heutige Formen der gehobenen, aber demokratisierten Lebensart.

 

Das Konzert in Basel, das vom Publikum mit einer Standing Ovation honoriert wurde, war auch so etwas wie die Hauptprobe für Wiedergaben in Versailles (5. Juni) und im Rahmen der Händel-Festspiele Halle (7. Juni). Das Basler Ensemble dürfte den sehr hoch gelegten Ansprüchen solcher Händelspielorte im wahrsten Sinne des Wortes spielerisch gerecht werden. (wb)

 

Info: Händel. Amadigi di Gaula, HWV 11, Kammerorchester Basel, Stadtcasino Basel, Samstag, 31. Mai 2014, 19:30 Uhr. 


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