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Kritiken und Berichte

Brittens «Peter Grimes» in der Berner Reitschule

 

09.06.2014 -- Frau Despa haut auf die Pauke. Auch die andern Mitglieder des Berner Symphonieorchesters machen kakophonen Krach, während die Gäste eintreffen, als würden sie sich ‒ jeder für sich ‒ einspielen. Frau Despa, die Paukenistin des Orchesters, traktiert ihre Kessel aber so nachhaltig, dass mit der Zeit der Groschen fällt: das hat System, das gehört zum Spiel, da wird Stimmung gemacht. Da werden die Nerven geprüft. Da wird eingestimmt auf die düstere Handlung dieser Dogville-Inszenierung der Britten-Oper «Peter Grimes». Anderes in der Reithalle des alternativen Berner Kultur- und Begegnungszentrums Reitschule, an dem in klotziger Zierschrift an der Wand noch die Bahnregeln klargemacht werden, ist weniger offensichtlich oder bloss zufällig Teil der Inszenierung.

 

Hinter dem Orchester ‒ es ruft nicht aus eines Grabens Tiefe das Publikum an, sondern lässt erhöht von der Kopfseite des Spielplatzes die Klänge wie eine an der Küste gebrochene Welle nach unten schäumen ‒ prangt ein opulentes «Antifa»-Graffiti. Ein antifaschistisches Manifest. Wie passend. Zu Benjamin Brittens Oper «Peter Grimes». Oder doch nicht? Die Geschichte der Oper lässt sich in keine einfache Deutung einpassen. Das Schicksal des ehrgeizigen Fischers, der zwei minderjährige Hilfskräfte wegen Mangels an Mitgefühl und Überforderung verliert, erweist sich im Laufe des Geschehens komplexer, als es den Anschein haben könnte. Grimes ist auch einer, dem in einem religiös aufgeladenem Ambiente der selbstgewählte Auftrag über alles geht, und der sich enerviert über seine lauwarmen und mutlosen Mitbürger. Liesse sich da nicht auch eine Parabel über Zustände und Personal in der Schweizer Politik hineinlesen? Aber eben: Einpassen lässt sich das nicht wirklich. Brittens archaische Geschichte steht letzlich bloss für sich und behält so immer ein Geheimnis. Ihre Eindringlichkeit und Stärke macht gerade auch das aus.

 

Das Publikum sitzt auf provisorischen Tribünen entlang der Langsseiten der Halle, die Mitte ist Bühne, eingeteilt in angedeutete Spielorte wie Pfarrhaus, Wirtshaus, Wohnungen, Anwaltsbüro und Anlegestelle am Hafen. Szenerie und Akteure erinnern etwas an Marthaler/Viehbrock-Ästhetik. Überall verteilte Schwarzweiss-Monitore mit Blick auf den entspannt-souveränen, exzellenten Dirigenten Kevin John Edusei und Schattenwürfe an der Wand (einmal sehr eindringlich ein Arrangement aus herumfuchtelndem Orchesterbändiger und hochgestrecktem Kreuz) gemahnen an Fritz Langs «Metropolis» oder Murnaus «Nosferatu», was ja auch wieder zum Motiv passt.  

 

Die Zuschauer werden in die Geschichte hineingezogen vom Chor, dessen Mitglieder sich zum Auftakt unter sie gemischt hat und die Zaungäste so zu Mitspielern macht. Vordergründig werden die Operngänger Zeugen einer banalen Dorfszene mit dem üblichen Personal aus religösen Eiferern, nüchterner Wirtin, koketten Halbwüchsigen, Selbstgerechten und einem Mob, der willig den Lautesten folgt, wie in Dürrenmatts «Besuch der Alten Dame». Im Grunde genommen geht es aber auch um Archaisches, um menschliche Hybris, um Todsünden, um einen Blick hinunter in Dantes Vorhölle der rückgratlosen Seelen.

 

Diese Verschränkung der Ebenen des Symbolischen und des Realistischen bietet für die Berner Inszenierung (Regie: Ludger Engels, Bühne: Ric Schachtebeck, Kostüme: Britta Leonhardt) die grösste Herausforderung. Nicht immer gelingt das Gleichgewicht ideal. In der Wirtshausszene im ersten Akt ist die Szenerie stilisiert. Der Raum gleicht eher einem Wartsaal als einem Wirtshaus, die handfeste Handlung verliert ihren alltäglichen Spiel-Raum. In einigen Szenen, in denen mehrere Spielnischen gleichzeitig besetzt sind, chargieren alle durcheinander, der Fokus geht so etwas verloren. Im Grossen und Ganzen aber wird das Geschehen schnörkellos und eindringlich erzählt.

 

Daniel Frank ist sängerisch und schauspielerisch ein herausragender Grimes, die restlichen Hauptrollen ‒ Fabienne Jost (Ellen), Ceri Williams (Auntie), Robin Adams (Balstrode), Claude Eichenberger (Mrs. Sedley), Pavel Shmulevich (Swallow), Robert Davies (Keene), Andries Cloete (Boles), Michael Feyfar (Reverent Adams), Kai Wegner (Hobson) ‒ werden alle auf exzellentem Niveau gesungen (Kopfmikrophone helfen dabei). Das Orchester agiert souverän und wird einzig von der nicht ganz unproblematischen, elektronisch etwas aufgepeppten Akustik der Halle behindert. Sie zeigt vor allem in Fortissimi von Chor- und Orchestertutti ihre Limiten.

 

Info: Benjamin Britten: Peter Grimes, Produktion von Konzert Theater Bern, Grosse Halle Reitschule Bern, Premiere 8. Juni 2014.        


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