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Kritiken und Berichte

Conducting Academy des Menuhin Festival Gstaad

Studierende der Gstaad Conducting Academy gehen die russische Dirigentenlegende Gennady Rozhdestvensky um Rat an (Bilder: Codex flores)

Das Menuhin Festival Gstaad mutiert immer mehr von einer sommerlichen Konzertreihe zu einer eigentlichen Sommerakademie. Die jüngste Ergänzung der Angebote, die bereits Barockmusik, Gesang sowie Meisterkurse für Klavier- und Streicher umfassen, ist eine «Conducting Academy». Eindrücke von einem Tag der mehrwöchigen Werkstatt für junge Dirigenten.

 

29.08.2014 -- Gleich drei flicken am Handwerk rum. Aber was für welche. Das Kirchgemeindehaus von Gstaad ist genau, was der Name besagt: ein Kirchgemeindehaus, wie es in der Schweiz unzählige geben dürfte, von sprödem, holzverkleidetem Charme, das familiäre Zugehörigkeit verströmt und nach Bohnerwachs, Gemeindekaffee und -kuchen zu riechen scheint. Über einer Front ihres grossen Saales schwebt eine Galerie wie ein Himmelszelt, auf der andern eine Mehrzweckbühne für Prediger und Laiendarsteller biblischer Erzählungen, stellt man sich vor. Man benimmt sich in solcher Umgebung automatisch wohlanständig und gerät in lernbereiten Arbeitsmodus. Ideal für musikalische Werkstätten.

 

Auf der Bühne (im Rücken des Orchesters) sitzen neben einem unbenutzten Flügel Teilnehmer der Conducting Academy, andere haben es sich den Saalwänden entlang bequem gemacht. Man erkennt sie sofort an Partituren in den Händen mit eingelegten Taktstöcken, bereit auf Abruf sofort loszulegen. Es geht tatsächlich zügig voran: Im Viertelstundentakt werden die Jungdirigenten vom Akademiesekretär vors Orchester gebeten, auch schon mal in fliegendem Wechsel, mitten im Satz. Der eine wirft seine Partitur zu, der andere schlägt sie auf, das Orchester stürmt unterdessen unbeeindruckt weiter durch romantisch-expressive Klangwelten.

 

Auf einem Pult vor den ersten Violinen haben in einer Ecke die Akademieleiter ihre Materialien ausgebreitet. Dort nehmen sie  auch Platz,  wenn sie nicht direkt ins Geschehen eingreifen wollen oder sich selber ins Hintere des Saales zurückziehen, Neeme Järvi, der Akademieleiter und Artistic Advisor, sitzt in der Regel etwas distanziert direkt im Rücken der Dirigierenden.

 

Als Klangkörper steht der Akademie das Gstaad Festival Orchestra zur Verfügung, das  in der ersten Woche am Kursort Châteaux d’Oex als  Kammerorchester und in der zweiten und dritten Woche als  Sinfonieorchester im Kirchgemeindehaus und im Festival-Zelt in Gstaad agiert. Teil des Repertoires der Conducting Academy sind Auftragswerke oder Musik des 21. Jahrhunderts, die im Beisein der Komponisten einstudiert werden, heuer war es der Aargauer Komponist Dieter Ammann.

 

Blick hinter das Orchester, links unten haben sich Grin und Järvi eingerichtet.

Begonnen hat der Tag mit einer überaus eindrücklichen Demonstration. Zu Gast ist die russische Dirigierlegende Gennady Rozhdestvensky. Zum Auftakt führt der 83-jährige das Gstaad Festival Orchestra durch die Partitur von Schostakowitschs Neunter, neben Grieg- und Sibelius-Suiten das Studienobjekt des Tages. Er tut dies mit aufs Notwendigste reduzierter Gestik, dem typischen Altersstil gelassen-souveräner Meister ihres Faches, häufig auch mit spontan, ja heiter anmutenden pantomimischen Hinweisen auf den emotionalen Charakter von Werkpassagen.

 

Obwohl die Arbeit öffentlich ist, sind nur ganz vereinzelt Zaungäste auszumachen. Gut für die wenigen, die da sind: Sie bleiben ganz nah am Geschehen, ohne dass Musiker, Studenten und Dozenten der Versuchung erliegen könnten, für die Galerie zu agieren. Es ist aber auch schade. Die Abwesenden wissen nicht, was für eine Gelegenheit sie verpassen, tief in die Musik und den kreativen Prozess der Interpretation einzutauchen.

 

Der Academy Professor Leonid Grin, Ukrainer und ein bedeutender Repräsentant der Schule des Moskauer Konservatoriums, wird später während der Arbeit mit einem taktschlagenden Studenten eine der an diesem Tag sehr raren Anekdoten zum besten geben: In einer (selbstredend russischen) Meisterklasse sei vermittelt worden, dass die beste Zeit der europäischen Kunstmusik die Zeit des gregorianischen Gesangs gewesen sei ‒ weil es dannzumal noch keine Taktstriche gegeben habe und die Musik einfach so geflossen sei, organisch hingegossen, in die Zeit verströmt.

 

Der Ausflug ins Episodische bleibt Ausnahme. Ansonsten herrscht ausgesprochen nüchterne Arbeitsstimmung, mit Akzent auf technischen Details, trotz des meisterlichen Vorbildes zum Auftakt wenig personenbezogen, weil mit Rozhdestvensky, Grid und dem spärlich, dann aber umso resoluter eingreifenden Järvi gleich drei Meister ihres Faches intervenieren. Järvi korrigiert hie und da auch Intonationsprobleme in einzelnen Registern des Orchesters und ungenügende Gleichgewichte im Registerausgleich.

 

Der Akademiesekretär hat für einen der Folgetage frühmorgens eine Fragestunde mit Rozhdestvensky angekündigt, die ‒ den erhobenen Händen zur Anmeldung im Orchester nach zu schliessen ‒ offensichtlich auf Interesse stösst. Man könne den Maestro alles fragen. Er sei ungeheuer belesen, auch sonst überaus vielseitig interessiert und habe ein phantastisches Gedächtnis. Das tönt nach einer eindrücklichen Lektion hautnah erlebter Musikgeschichte. Über alles könne man ihn ausfragen, versichert der Sekretär, bloss Fragen zur Politik würden keine geduldet. Verständlicherweise.

 

Arbeitsatmosphäre im Kirchgemeindehaus Gstaad

 Sibelius‘ «Schwan von Tuonela» aus der Lemminkäinen-Suite ist dran. Da wird, wie in so manchen andern Partien, ins Detail gekrochen. Die Celli zaubern zu Beginn laut Partitur vierfach geteilt im Pianissmo und mit Dämpfern ein atmosphärisches Surren in den Raum. Der Student soll darauf achten, das die Streicher zu gleicher Bogengeschwindigkeit finden, um zu kompakterem Klang zu finden. Grin und Järvi diskutieren. Der Student setzt neu an. Aus einem gekünstelten Beben ist ein transparentes, ausdrucksloses, aber dafür umso eindringlicheres Sostenuto geworden. Wie viel Wirkung doch manchmal bloss subtiles Eingreifen zeitigt.     

 

Das Gstaad Festival Orchestra ist ein ad hoc zusammengestelltes Sinfonieorchester, das selber auch noch geformt werden will. Es ist hochkarätig besetzt aus Mitgliedern des Tonhalle Orchesters Zürich, des Opernorchesters Zürich, des kammerorchesterbasel, des Basler Sinfonieorchester und des Berner Sinfonieorchesters. Mittun überdies einige der besten Streicherstudenten der Menuhin Music Academy.  Die Studenten der Conducting Academy (für einmal politisch korrekt, die männlichen Dirigierschüler bleiben unter sich) haben so den Vorteil, dass sie sie sich nicht vor einem eingespielten und deshalb herausfordernden Klangkörper mit all seinen Mal-sehen-was-du-kannst-Ritualen beweisen müssen, auch wenn einige von ihnen namhafte Ensembles bereits dirigiert haben. Die wichtige Erfahrung des Umgangs mit einem eingeschworenen Kollektiv bleibt hier aussen vor.

 

Järvi führt die Hand eines Studenten

Järvi greift sich auch schon mal den Arm eines Studenten ‒ für manchen der Übenden eine eher  gewöhnungsbedürftige Art, sich führen zu lassen ‒ um seine Konzeption einer organischen Schlagtechnik physisch spürbar zu machen. Ab und an studieren Grin und Järvi auch im Kollektiv mit einem Studenten ein technisches Problem, etwa wenn es darum geht, Synkopen in den Bratschen mit einer Geigenlinie zu koordinieren. Grin macht einen Studenten darauf aufmerksam, dass es eine erhebliche Rolle spielt, auf welche Register ein Dirigent im richtigen Moment fokussieren sollte.           

 

Das Orchester applaudiert einigen Studenten diskret mit den typischen Orchester-Beifallskundgebungen, bei weitem aber nicht allen, und es ist gar nicht einfach, festzumachen, ob bloss die Launen des Momentes entscheiden oder die Nachwuchs-Maestros tatsächlich nach was für einer Methode auch immer taxiert werden.

 

Die Conducting Academy «bietet zwanzig jungen Dirigenten die Möglichkeit, täglich unter professionellen Bedingungen zu arbeiten». In den kommenden Jahren soll sie «die interessantesten jungen Dirigenten fördern und einem breiteren Publikum, der Fachwelt und der Presse bekannt machen». Sie hat den Ehrgeiz, «zur führenden Sommerakademie in Europa» für den Dirigiernachwuchs zu werden. Ob der Anspruch auf einem Markt, der zur Zeit auffallend boomt, eingelöst werden kann, dürfte sich vermutlich erst in einigen Jahren abzeichnen.


Mehr Infos:

www.gstaadacademy.ch/de/conducting-academy
Besuchter Tag: Samstag, 23. August 2014, Kirchgemeindehaus Gstaad.    


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