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Kritiken und Berichte

Tüftler und Experimentatoren der Volkmusik


Das Ländlerquartett Waschächt spielt auf dem Bauschänzli zum Tanz auf (Bilder: Codex flores)

 

12.09.2014 -- Zum vierten Mal nach 2008, 2010 und 2012 ist in und um die Zürcher Tonhalle die «Stubete am See» durchgeführt worden. Das Treffen der Repräsentanten der Neuen Schweizer Volksmusik legt einen Schwerpunkt auf die Instrumentalmusik und die Verbindungen zur klassischen Musik und bietet Raum für allerlei anregende Experimente.

 

Volksmusik ist per se Musik von, mit und aus dem Volk und zieht ihre Kraft aus der anarchischen, urchigen Kraft authentischer, unverschulter Kreativität ländlicher Musikanten ‒ denkt man sich. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Volksmusikstile sind in der Regel ein komplexes Produkt aus zweckgebundenem Musizieren an Volksfesten, religiösen Traditionen und intellektueller Reflektion auch urbaner Komponisten und Virtuosen. Daraus entstanden sind so hochkarätige Kulturen wie amerikanischer Blues, jüdischer Klezmer, argentinischer Tango, portugiesischer Fado, andalusischer Flamenco, französische Musette, die Wiener Schrammelmusik oder die Blasmusik in Bayern und auf dem Balkan.

 

Die Zürcher Stubete am See versteht sich explizit als Brückenschlag zwischen Schweizer Volksmusik und europäischer Kunstmusik. Sie stellt ein «Ländlerorchester», für den sie jeweils einen Kompositionsauftrag vergibt. Heuer ging er an den Wiener Kontrabassisten Tommaso Huber. Das durchaus gelungene Resultat für jeweils solistisch besetzte Streichergruppe, Bläser ‒ Ventilposaune, Trompete und Klarinette ‒, Schlagwerk und Harfe, waren «Alpine Metamorphosen», aus denen man alpenländische Urklänge genauso herauszuhören glaubte wie Anklänge an die Musik Strawinskys oder Schostakowitschs.

 

An der Stubete gab es aber auch Anküpfungen an historische Musizierpraktiken in der Schweizer Volksmusik, bis zurück ins 16. Jahrhundert (mit der Gruppe Radix), Bläserformationen, wie sie im 19. Jahrhundert gang und gäbe waren (Schänner Blech-Füfermusig und Niinermusig Reloaded), und alten Geigentänzen (Giiger Berchtolds Seefi’s Strichquartett), Musik aus den Regionen, aus dem Welschland, der rätoromanischen und italienischen Schweiz und viel Experimentelles, die Liste ist unvollständig.

 

 


Das Trio Interfolk im Kleinen Tonhalle-Saal

 

Auf konzeptionell eher umkompliziertem Terrain befindet sich die Neue-Volksmusik-Bewegung, wenn es um die überaus verdienstvolle Arbeit am historischen Gedächtnis und der Adaption geschichtlicher Quellen für heutige Ohren geht. Da leistet sie Wertvolles, und auch für die  Netzwerkarbeit über die Regionen und Gattungsgemeinschaften hinaus müsste man eine derartige Plattform erfinden, gäbe es sie nicht bereits. Die grosse ästhetische Herausforderung hat die Tonhalle-Stubete hingegen in ihrem Kernland, wenn man so will, in den gegenseitigen Befruchtungen der virtuosen und kompositorisch raffinierten europäischen Kunstmusik und der geerdeten Ausdruckskraft der Volksmusikanten. Aus vergleichbaren Schmelztiegeln sind andernorts ‒ wir haben sie erwähnt ‒ regional hochklassige Stile entstanden, die alle hohe Emotionalität und eine Art elegischer Erotik mit immer wieder durchscheinenden Reflexen auf alltägliche Enttäuschungen und Gewalterfahrungen Unterprivilegierter charakterisiert.

 

Die Schweizer Folklore ist ‒ sicherlich als Folge der jahrhundertelangen relativen Unversehrtheit des Landes ‒ aus auffallend anderem Holz geschnitzt: Die vielschichtig-unterschwellige Sinnlichkeit des Tango, Klezmer oder Fado geht ihr ab, der weite Atem des Klageliedes ebenso, sie ruht in sich selber, wirkt unpersönlich, aber energetisch und gelassen zugleich. Formal ist sie kleingliedrig, mit wenigtaktigen, tänzerischen und melodisch geschlossenen Phrasen, in denen ab und zu eine Art skurril-verspielter Humor aufscheint. Es ist die Musik eines selbstgenügsamen, glücklichen, von grossen existentiellen Katastrophen verschonten Volkes mit gesundem Misstrauen gegenüber allen Formen von Grossartigkeit.

 

Daraus eine Kunstform zu schmieden, die virtuos-raffiniert, authentisch und universal ist, aber zugleich auch das urchige, authentische Musizieren in der Volksmusikszene zu befruchten vermag, das dürfte die sich natürlich ergebende Aufgabe für eine solche urbane Konzerthalle-Stubete sein.

 

 


Rämschfädra mit «grimmix» im Vestibül der Tonhalle

 

In der Welschschweiz gelingt einem Jazzmusiker wie Thierry Lang mit seinen Meditationen zum Ranz des Vaches, dem Blues der Alpen, derartiges bereits auf überzeugende Weise, wenn auch eher in einem minimalistischen Stil. Aber auch in Zürich zeigten sich vielversprechende Ansätze, etwa im Selbstverständnis des jungen Frauentrios Interfolk, das Neue Schweizer Volksmusik mit Tango Nuevo und Pariser Hot-Club- und Musette-Klängen fusioniert. Ihre Arrangements etwa eines Piazzolla-Klassikers aus den Estaciones Porteñas zeigen, wie schwierig es ist, den weiten Atem dieser Musik in die wohlgeordnete Kleinräumigkeit des Schweizer Schottisch- und Polka-Universums einzupassen. Die witzige Zugabe, die sie auf Flöten und Kleinörgeli boten, war dann aber auch, als hätte sie der brasilianische Tausendsassa Hermeto Pascoal erfunden. In der Formation steckt viel Potential, wie auch im Perspektivewechsel auf den Berner Mundartrock, der spätestens seit Span und Polo Hofer den stilistischen Horizont geöffnet hat, und mit Tinu Heiniger, der an der Stubete auf Appenzeller Hackbrett und Innerschweizer Schwyzerörgeli traf, zum Emmentaler Blues mutiert ist.

 

Neben zahlreichen weiteren Premieren verblüffte am Abschlusstag der Stubete das Ensemble Rämschfädra mit «grimmix», einem selbstgetrickten, humorvollen Stummfilm einer Schweizerreise in Chaplin- und Märchenmanier, zu dem es die gut gemachte Musik live lieferte und dazu sogar ein Theremin integrierte. Ein Beispiel mehr für die gelungene Art, in der die Bewegung der Neuen Schweizer Volksmusik die Volkmusikszene öffnet und vitalisiert. Dass sogar an einem Eidgenössischen Jodlerfest dieses Jahr erstmals Raum für freie Vorträge «eine Plattform für spezielle oder gar experimentelle Darbietungen» geschaffen wurde, dürfte eine direkte oder indirekte Folge solcher Bestrebungen sein. In der Neuen Schweizer Volksmusik steckt noch viel Potential, und der Eindruck, dass sie bei den Initianten der Stubete am See in sehr guten Händen ist, hat sich auch dieses Jahr bestätigt. (wb)

 

Info:
Stubete am See, 5. bis 7. September 2014, Tonhalle und Bauschänzli Zürich (vom Rezensenten besuchter Tag: 7. September). www.stubeteamsee.ch

 


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