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Kritiken und Berichte

Ein Rachmaninow-Psychogramm in Herrliberg

 

01.10.2014 -- In Boccaccios Decamerone flüchten lebenslustige Einwohner von Florenz vor dem Schwarzen Tod, der Pest, und halten sich mit dem Erzählen durchaus auch frivoler Geschichten bei Laune. Etwa so kommt es einem vor, was sich ein fideles Trüpplein Unentwegter in der Kulturschiene Herrliberg immer mal wieder leistet; nur dass es sich dabei nicht um junge rebellische, sondern vorwiegend eher um in die Jahre gekommene rebellische Exponenten des Schweizer Kulturlebens handelt, und auch nicht um die Pest (selbst wenn die Epidemie ähnlich zu riechen scheint), sondern um einen Kulturbetrieb, der aufgrund von Eventitis, Sauglattismus und Ahnungslosigkeit zahlenmastigierender Kulturmanager mit Schüler-Wagner-Mentalität vor die Hunde geht.

 

Um im Tierreich zu bleiben: Während also in den angesagten Kulturinstitutionen eine Sau nach der durch die Konzertsäle und über die Opernbühnen getrieben wird, beschränken sich die Herrliberger aufs unprätentiös-ironische Nachdenken über Musik, das aus der Mode gekommen zu sein scheint. Dafür steht ein Konzept von Armin Brunner, der als einstiger Redaktionsleiter «Musik und Ballett» des Schweizer Fernsehens, Träger des  Zürcher Fernsehpreises (und zahlreicher weiterer), Erfinder der «UBS-Arena»-Konzerte und ehemaliger künstlerischer Leiter der Klubhaus-Konzerte (heute Migros-Kulturprozent-Classics) mit dem Innenleben des massenmedialen Event-Betriebs à fond vertraut ist.

 

Die Musik Rachmaninows, die mit dem Programm «Sergej Rachmaninow, Geliebt – Verschmäht – Verachtet. Ein (musikalisches) Psychogramm» diesmal im Zentrum stand, hat den Zeiten- und Mentalitätswandel exemplarisch gezeigt: Die Klavierkonzerte des Russen gelten mehr denn je als die grossen Schlachtrösser der Virtuosenliteratur, und die Ukrainerin Valentina Lisitsa ist mit Rachmaninow-Youtube-Filmchen zum ersten Klassikstar der Sozialen Medien geworden. Das von ihr zuerst ins Netz heraufgeladene Video ihrer Wiedergabe der Etüde op. 39, Nr. 6 hat (Stand 29.09.2014)  1‘872‘864 Abrufe erzielt ‒ fast eine magere Bilanz im Vergleich zu ihrer Wiedergabe des g-Moll-Präludiums, op. 23, Nr. 5, das (dto) 4‘256‘368 Mal abgerufen worden ist. Um soviel Publikum zu erreichen, müsste der Durchschnitts-Konzertpianist rund 4000 Mal auftreten, gäbe er überfleissig pro Jahr 200 Konzerte, wäre er in 20 Jahren damit durch. Frau Lisitsa dürfte helfen, dass in ihr (als Ukrainerin) eine russische Seele vermutet wird; und dass sie lange blonde Haare hat, wird ihr verkaufstechnisch wohl auch kaum zum Schaden gereichen.

 

In der Kulturschiene erfährt man mit deutlich weniger gefühlsgenialischem Aufwand deutlich mehr über den Komponisten. Die (nicht minder langhaarige) Pianistin Andrea Wiesli hat ihr Handwerk unter anderem bei Galina Vracheva und Konstantin Scherbakov in Zürich erworben und präsentierte dem Publikum Präludien, Etüden und die Elegie op. 3, Nr. 1 auf exzellentem Niveau, unterbrochen von souverän-entspannten Lesungen des Schauspielers Hartmut Vogel und der Schauspielerin Graziella Rossi zu Leben und Wirken des Dandys zwischen europäischem Osten und amerikanischem Westen.

 

Was da in den Texten aus dem Leben des Tonschöpfers erzählt worden ist, ist weit über eine Reverenz an sein individuelles Wirken hinausgegangen; es hat eine skandalöse Schwäche der Musikästhetik des 20. Jahrhunderts freigelegt, nämlich das Fehlen einer adaquaten Theorie der Werte musikalischer Emotionalität. Es ist ja erstaunlich, wie die absurdesten Behauptungen über die Natur des menschlichen Gefühlslebens und der Emotionalität in der Musikäshetik durch das ganze Jahrhundert hindurch unwidersprochen geblieben sind. Und kaum einem scheint aufgefallen zu sein, dass die üblichen Avantgarde-Diskurse über die Qualität und Relevanz von Musik (vor allem im Umfeld der Frankfurter Schule und der Schriften Adornos) im Grunde genommen keine Urteile über musikalische Strukturen waren und sind, sondern Werturteile über Emotionen.

 

Wenn Adorno den verminderten Septakkord als verbraucht denunziert oder bei Oktaven in Akkorden gar Brechreiz empfindet, denunziert er im Grunde genommen kein musikalisches Phänomen, sondern eine Art zu erleben. Und genauso ist sein berühmtes Verdikt über Rachmaninows berühmtes cis-Moll-Präludium  op.3, Nr.2, das er als «plakatives Schaustück, mit dem Dilettanten Kraft und Virtuosität vortäuschen können» und als «Präludium für infantile Erwachsene» deklassiert, ein appellatives Werturteil über musikalisches Erleben.

 

Dahinter steckt ein aristokratischer Gestus, der Geschmacksverfeinerung und kontrollierte Impulse dem angeblich Ungebildeten und Naiven als moralisch überlegen betrachtet, und ein protestantischer Ethos, der natürliche Emotionalität als moralische Höchstgefahr denunziert. In diesem Geiste werden auch heute noch im «Qualitätsfeuilleton» die Trauben des Musikverstehens und -erlebens derart hoch gehängt, dass bloss noch ein paar wenige Spezialisten für sich in Anspruch nehmen dürfen, die richtigen Ohren und die richtige moralisch-sinnliche Reife und Sensibilität zu haben, um die Tonkunst angemessen würdigen zu können.

 

So ist denn ein Grossteil, wenn nicht die überwältigende Mehrzahl von Musik der Epoche, die es nicht so mit dem Erhabenen hat und lieber direkt das Gemüt anspricht, der Geringschätzung und Ignoranz überantwortet worden. Wie im Falle Rachmaninows genügte es etwa im Falle Korngolds, Szymanowskis, Sibelius‘, Granados‘ und zahlloser anderer, sich des Naserümpfens der Peers zu versichern, um deren Erfolge nicht der adäquaten ästhetischen Erforschung wert zu finden. Die Geschichte der virtuosen Beherrschung des Weckens der ungekünstelter Emotionen, des kathartischen Staunens und der unverstellten Faszination in der Musik muss erst noch geschrieben werden.

 

Dazu taugt, wie im Falle der Herrliberger Kulturschiene, offenbar auch ein (buchstäblich) ausrangierter, schmuckloser, aber stimmungsvoller Lagerschuppen eines S-Bahnhofes, an dem immer mal wieder Züge und Busse wie Menetekel des kulturellen Niederganges in Pianissmi rattern, ohne doch Stimmungen zerstören zu können. Da ist mehr Subversion, als in letzten Schreien der immer hysterischeren Kulturschickeria die sich (wie Adorno mit seiner Vorliebe für Instantnegationen geschrieben haben könnte) innovativ gebärdet und gerade darin als reaktionär erweist. (wb)

 

Info: Sergej Rachmaninow, Geliebt – Verschmäht – Verachtet. Ein (musikalisches) Psychogramm von Armin Brunner, Kulturschiene Herrliberg, 27. September 2014. Mit Andrea Wiesli (Klavier), Graziella Rossi, Helmut Vogel (Sprecher)


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