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Argovia Philharmonic: Zweites Symphoniekonzert

18.11.2014 -- An der Schnittstelle zweier schon fast orthogonaler Kulturen: Douglas Bostock, der Chefdirigent des Orchesters Argovia Philharmonic, pflegt die britische, aber auch die japanische Musik, zu beiden Ländern hat er enge Beziehungen. Der Aargauer Klangkörper und sein Publikum profitieren davon, mit Programmschwerpunkten, welche die beiden Klangwelten kundig, intelligent und engagiert zum Thema machen und dem Ensemble ein eigenes unverwechselbares Profil verleihen. In dieser Saison hat das Orchester im Rahmen seiner Abonnementskonzerte eine Art kleines Japan-Festival veranstaltet, das mit dem 2. Symphoniekonzert abgeschlossen worden ist, formell aus Anlass des Jubiläums der mittlerweile 150 Jahre bestehenden diplomatischen Beziehungen und der Freundschaft zwischen Japan und der Schweiz.

 

In dreifacher Hinsicht werden da Verschränkungen präsentiert, einmal mit einer Komposition eines Japaners ‒ des 1931 geborenen Yuzo Toyama ‒  für ein westliches Publikum, dann wiederum einer solchen eines Briten ‒ Gustav Holst ‒ für einen japanischen Tänzer, und schliesslich in der Person der jungen japanischen, in Deutschland aufgewachsenen Pianistin Hisako Kawamura, die auch in beiden Ländern konzertiert und unterrichtet (in Duisburg und Tokio).  Sie ist unter anderem Gewinnerin des Concours Clara Haskil.

 

Viel Kundiges, Unterhaltsames und Erhellendes zu sagen hat der ausgewiesene Japan-Kenner und ‑Liebhaber Bostock in der Konzerteinführung zu Toyamas «Rhapsodie für Orchester», die das im japanischen In- und Ausland meistgespielte Werk eines japanischen Komponisten sein soll und das Perkussions-Instrumentarium des Kabuki-Theaters mit europäischen Streichern und Bläsern kombiniert.  Nun stehen Popularität und kompositorische Qualität ja nicht in einem simpel proportionalen Verhältnis. Das zirzensische Encore (das in Japan auch bei Schulorchestern sehr beliebt sein soll), scheint in erster Linie zu bekräftigen, dass es unmöglich scheint, traditionelle europäische Kadenzharmonik und Pentatonik auf volkstümliche Art mit der kargen, in den einzelnen Klang kriechenden japanischen Theatralik zu verbinden.

 

In die Tanz und Theater verbundenen Werke des Abend eingeschoben ist Mozarts Klavierkonzert Nr. 21, KV 467. Dass Douglas Bostock in der Konzerteinführung dazu nicht viel sagen will, scheint symptomatisch. Man kann die Vermutung wagen, dass ihm die Musik des Salzburger Meisters nicht sehr nahe steht. Einen eigenständigen Akzent setzt vor allem die Pianistin mit eigenen, stimmigen Kadenzen, in denen sie im ersten Satz sogar das Haupthema der grossen g-Moll-Sinfonie einwebt; sie glaubt dabei Bezüge zur Motivik des Klavierkonzertes zu erkennen. Der berühmte zweite Satz des Konzertes ist im Kultur- und Kongresshaus Aarau überaus zügig zu hören, in einer Version, die alles sonst so beliebte Elegische vermeidet, und im letzten Satz, in dem die Solistin eher vorwärts zu drängen scheint, bewegt sich die Interpretation streckenweise am Rande des Überfliegens, allerdings auf hohem Niveau.

 

Hisako Kawamura bedankt sich für den freundlichen Applaus (und überraschenderweise eine Flasche Wein anstelle von Blumen…) mit dem Adagio aus Mozarts F-Dur-Klaviersonate KV 332 ‒ nach dem eher nüchternen Andante des Konzertes nun verblüffend romantisierend pedaliert als Zugabe.

 

Holsts «Japanische Suite» ist das Werk eines erklärten Japan-Nichtkenners. Der Tänzer Michio Ito hat ihm, wie Douglas Bostock in der Konzerteinführung erzählt, japanische Melodien vorgepfiffen, um für Kolorit zu sorgen, das dann allerdings zur Zeit seiner Entstehung 1915 mehr den europäischen Japan-Chic seiner Zeit widerspiegelt, als die authentische Ästhetik des Landes der aufgehenden Sonne einzuatmen. Wer Holsts «Planeten» mag, wird aber sicherlich auch mit seinen Japan-Reminiszenzen warm. Bostock, der die Partitur von seinem britischen Dirigerlehrer und Holst-Freund Adrian Boult persönlich angedient bekommen hat, dürfte dazu in Sachen Interpretationszuverlässigkeit eine der weltweit ersten Adressen sein. 

 

Auf welch hohes Niveau Bostock das Aargauer Orchester zu hieven vermag, zeigt schliesslich die exzellente Wiedergabe von Strawinskys «Feuervogel» (in der Version von 1919). Support bekommt er dabei vor allem von den durchwegs höchstklassigen Holzbläsern, denen in dem Werk ja auch eine zentrale Rolle zukommt. (wb)

 

Kultur- und Kongresshaus Aarau, 16. November 2014. 2. Symphoniekonzert des Argovia Philharmonic, Douglas Bostock (Leitung), Hisako Kawamura (Klavier), Werke von Toyama, Mozart, Holst und Strawinsky.                 


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