Onlinemagazin für Klassik, Jazz, Weltmusik und Musikwirkungsforschung

 

 

Kritiken und Berichte

5. Symphoniekonzert des Berner Symphonieorchesters

 

07.12.2014 -- Was hält grössere Formen zusammen, woraus ergeben sich grössere Sinnbögen, die ein Werk der Tonkunst zu mehr als einer nicht unbedingt zwingenden Abfolge singulärer Ereignisse machen? Im 19. Jahrhundert, der Hochblüte der Grossformen in der absoluten Musik, scheint das Paradigma die motivische Arbeit in der Sonatenform, das prägende Erbe Bethovens. Auch in postromantischen Zeiten haben sich Tonschöpfer auf das Strukturprinzip berufen. Allerdings scheinen Hör- und Kompositionsgrammatik dabei mehr und mehr auseinander gedriftet zu sein. Die überwältigende Mehrzahl der theoretisch bloss rudimentär geschulten Hörer dürften sich vor allem an klanglichen Strukturen und charakteristischen rhythmisch-melodischen Pattern als sinnstiftende Formen orientiert haben (und immer noch orientieren). Die (nach dem faktischen Verbot strukturierender Elemente wie Puls oder Wiederholungen in der Neuen Musik) primär auf Textur- und Klang-Architekturen errichteten zeitgenössischen Werke akzentuieren die Differenz.

 

Klanglichkeit, Texturen, akustische Mikrolandschaften sind es denn auch, die an einem Werk wie Prokofiews erstem Violinkonzert (sinnigerweise in der Beethoven-Konzert-Tonart D-Dur) faszinieren. Dass sich darin historisch vorweggenommen ausgerechnet eine Klangikone der Filmmusik findet (die Messerszene in der Dusche von Hitchcocks «Psycho» im Scherzo kurz vor der Nummer 33 in der Solovioline) ist symptomatisch. Ideal entgegen kommt die Partitur dem Berner Symphonieorchester (BSO) und dem ihm vom Chefdirigenten Mario Venzago zur Zeit vorgezeichneten Weg sowie der Solistin Veronika Eberle, die mit ihrer unaffektierten und präzise gestaltenden Art bestens zu Orchester und Dirigent zu passen scheint. Wie transparent, kammermusikalisch durchsichtig und dynamisch kühn da bis in ersterbende Pianissimi im 5. Symphoniekonzert der Saison gestaltet wird, ist (vor allem im ersten Satz) atemraubend. Da erklingt Musik, die ein Jahrhundert lang an ästhetischer Aktualität nichts verloren zu haben scheint. Die Solistin bedankt sich für den anhaltenden  Applaus mit dem Adagio aus Bachs g-Moll-Soloviolinpartita, genauso souverän und nobel dargeboten wie der Solopart im Prokofiew-Konzert.

 

Möglich dass die Klanglichkeit von Dieter Ammanns «Boost» die Ohren für die Wiedergabe des Prokofiew-Konzerts kalibriert hat. Es ist dem BSO hoch anzurechnen, dass es eine für zeitgenössische Kompositionen allzu seltene Interpretationsgeschichte mitschreibt. «Boost» ist bereits mehrfach in Schweizer Konzertsälen erklungen, in Luzern, aber auch in Aarau mit dem dortigen Orchester, das sich heute argovia philharmonic nennt ‒ notabene mit dem gleichen Konzertmeister, der auch in Bern die Streicher anführt und damit Erfahrung weitergeben kann. Das Privileg des Aargauer Ensembles war es, eine vom Komponisten selber einstudierte Wiedergabe realisieren zu können. Dem BSO sind weniger Zeit und Ressourcen geblieben, das Resultat ist ‒ auch dank der allgemeinen intensiven Orchesterarbeit Venzagos mit dem Klangköper ‒ durchaus respektabel. Gerne lässt man sich hineinziehen in die akustischen Landschaften, die von sirrenden Streichern, gamelanartigen Perkussionspassagen und fraktalen Texturen in verklumpte Klangkaskaden überblenden, ohne in der grossen Anlage planlos zu wirken. Amman hat für die grosse Form eine eigenständige Dramaturgie entwickelt.

 

Der Beitrag Venzagos und des BSO zur Kultur der Wiederaufführungen neuer Werke ist das eine, das  andere der Einsatz für einen lange Zeit marginalisierten russisch-schweizerischen Tonschöpfer der Belle Époque. Gemeint ist der 1842 als Exilbündner in Russland geborene Paul Juon, der auch als Übersetzer russischer Harmonielehren seiner Zeit einen wichtigen Beitrag zum Austausch zwischen deutschen und russischen Kompositionsschulen geleistet hat. Mario Venzago und das BSO begegnen der Partitur seiner zweiten Symphonie Nr. 2 in A-Dur mit allem Respekt und entdecken darin viele klanglich und formal reizvolle Details. Das analytische Bemühen um Respekt vor dem Notentext lässt die Sinfonie allerdings etwas harmlos erscheinen. Da wäre man neugierig gewesen, wie sie unter Venzagos Vorgänger, dem Russen Andrey Boreyko, geklungen hätte und ob ihr etwas mehr Erdenschwere und Klangopulenz möglicherweise mehr Dringlichkeit verliehen hätte. (wb)  

 

Info:
Freitag, 5.12.2014, Kultur-Casino Bern, 5. Symphoniekonzert des Berner Symphonieorchesters, Mario Venzago (Leitung), Veronika Eberle (Violine), Werke von Dieter Ammann («Boost», 2000/01), Sergej Prokofiew (1.Violinkonzert D-Dur, op.19) und Paul Juon (Symphonie Nr.2 A-Dur op. 23)

         


Nachrichten

Im Gespräch

Editorials

     

 

Ensembles, Veranstalter, Musikhochschulen

Impressum
AGB/Datenschutz