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Kritiken und Berichte

Eröffnung des Musikfestivals Bern 2015

05.09.2015 – Im Berner Münster ist das Musikfestival Bern 2015 offiziell eröffnet worden. Mit einem durch und durch bernischen Urknall und Treichlern vor dem Jüngsten Gericht. 

 

Man hat Bilder im Kopf: Etwa den schwerfälligen Marsch des urbernischen Eisenplastikers Bernhard Luginbühl mit Feuerfontäne am Kopf in den 1980er-Jahren ‒ anlässlich seiner legendären Retrospektive in der Berner Reithalle. Das steigt buchstäblich auf, bestaunt man die kaskadierenden Zuckerstöcke, die auf dem Berner Münsterplatz abgebrannt werden ‒ der Eröffnungsanlass des Musikfestivals Bern 2015 ist soeben zu Ende gegangen. Zum Abschluss haben sich auf dem Vorplatz des Münsters, gleich unter dem Jüngsten Gericht, allerlei Trommler, Sänger und Treichler aus dem Seeland zu einer «Klangbewegung für über 100 PerkussionistInnen» (des Schlagzeugers Fritz Hauser) zusammengefunden. Bei der Einweihung des renovierten Freskos hatte der damalige Burgergemeindepräsident noch vor der «Verniederdorfung» der Berner Altstadt gewarnt, und damit noch etwas derberes öffentliches Treiben gemeint.

 

Das Festival steht unter dem Motto «Urknall», und mit einem solchen lokalen Zuschnittes ist der Eröffnungsanlass denn auch kreiert worden: ein Big Bang, bernisch angemessen in ultragedehnter Zeitlupe, einer der sich, statt gewaltig zu explodieren, gemächlich aufbaut (nach einem Werk des Komponisten James Tenney aus dem Jahr 1971) und auch wieder abbaut, sekundiert von einer sanft-hell aufheulenden Luftschutzsirene, als ob den Bernern geraten würde, gleich mal in Deckung zu gehen, wenn Gott die Welt erschafft. Auch so etwas lässt man als Emmentaler, Ober- oder Seeländer noch an sich vorbeiziehen, ohne gross Schaden zu nehmen.

 

Das Motto passt nun wirklich zu Bern, verbinden sich kosmologische und theologische Phantastereien doch kaum anderswo so innig mit genialen wissenschaftlichen Würfen der Weltdeutung wie im geistigen Gravitationsfeld der Zähringerstadt. Der Welt hat der Kanton kirchenhistorisch eine aussergewöhnliche Fülle an selbsternannten Propheten und Jesusse geschenkt, mit Jakob Ammann bis weit in die Neue Welt hinaus, kreative schräge Vögel und Volksdenker grösseren und kleineren Zuschnittes, von Friedrich Glauser über Adolf Wölfli bis zu Carlo Eduardo Lischetti und ‒ natürlich ‒ einem Giganten wie Friedrich Dürrenmatt, der Konolfinger Provinzialismus zur Weltbühne umdachte, daneben Weltenall-Denker wie den Geometer Jakob Steiner, oder Physiker, von Albert Einstein über Paul Wild bis zu Kathrin Altwegg. Schon mit der ersten Landung gelangte Berner Experimentiergeist selbst auf dem Mond. Das bringt das im Kern hochseriöse, in der Form schräge «Mad Scientist Festival», das diesmal mit dem Musikfestival verbunden ist, mit seinem Label auf den Punkt: Über die Welt denken Teams am Cern genauso nach wie der Minotaurus im Labyrinth, Lenin in Zimmerwald und der lokale barocke Prediger Samuel König.

 

Da passte auch die Schweizer Erstaufführung der eklektischen «Genesis Suite» ‒ ein Gemeinschaftswerk aus dem Jahr 1945 von Arnold Schönberg, Nathaniel Shilkret, Aleksander Tansman, Darius Milhaud, Mario Castelnuovo-Tedesco, Ernst Toch und Igor Strawinsky ‒ perfekt in die Eröffnungsfeier: Das Sinfonie Orchester Biel Solothurn und sein Chor wurden dabei geleitet von Kaspar Zehnder, Noëmi Gradwohl amtete als Sprecherin. Das kollektive Oratorium ‒ jeder Tonschöpfer trug, ohne Kenntnis der Arbeit der andern, je einen Satz zum Gesamtwerk bei ‒ ist eine interessante Entdeckung, in der Textur allerdings ohne erkennbare übergeordnete Dramaturgie und durchgehend recht dicht. In jedem der Sätze schien da jeder der Kontribuenten möglichst alles durchdeklinieren zu wollen. Kann man ihnen ja auch nicht verübeln.

 

Ein Festival das etwas auf sich hält, hätte unter dem Motto möglicherweise eine angesagte historisch-informierte Wiedergabe von Haydns «Schöpfung» zum glamourösen Event gemacht, samt direkt aus New York, Salzburg oder St. Petersburg eingeflogenen Superstars und hochgelehrten Debatten über Chorgrössen und Streichervibrati. Das aber soll nicht Sinn und Geist des Musikfestivals Bern sein, wie dessen Präsident Hanspeter Renggli in seiner kurzen Begrüssung im Rahmen des Eröffungsanlasses erklärte, bevor der Berner Jazzsänger Andreas Schaerer die Idee einer Eröffnungsrede im skurrilen Dialog mit einem Schlagzeug ad absurdum führte. Viel näher ist dem Festival der Genossenschaftsgedanke, der in gewisser Hinsicht ja auch die «Genesis Suite» geprägt hat. Der Anlass atmet als «gemeinsame Veranstaltung zahlreicher Berner Kulturinstitutionen und Ensembles aus der klassischen Musik und angrenzenden Bereichen» genossenschaftlichen Geist ‒ und passt so hervorragend ins politische und wirtschaftliche Leben-und-Leben-lassen der Stadt mit Regionalkonferenzen, Landis, Wohnbaugenossenschaften, Reisekassen und Wirtschaftsringen.

 

In einer Hinsicht folgt das Musikfestival Bern allerdings dem Zeitgeist: Es hat Artists in Residence, den amerikanischen Schlagzeuger Brian Archinal und sein Ensemble This | Ensemble That (ein doppelter E.T., ja auch ein kosmischer Kassenschlager), und ein Vermittlungsprogramm. Zu den Highlights des Festivals gehören in der kommenden Woche aber auch eine hochkarätige  wissenschaftliche Gesprächsreihe unter dem Titel «Zwischen Urknall und Schöpfung», ein «Music Collider», in dem «Urknallforschung auf spielerische Weise fassbar wird, mit Gesprächen und Installationen, einem besonderen Bar-Angebot und einer Scientific Arcade», das Kinder- und Jugendmedienfestival Köniz, ein «Nationalhymnen-Jam» zur welterschütternden Frage, was für eine Hymne die Schweiz verdient hat («Betet, freie Schweizer, betet!») und ein paar grosse Kisten, etwa ein Gemeinschaftskonzert der Chöre Canto Classico, Konzertchor Bern sowie dem Canto Allegro Konzertchor Bern Ost, zusammen mit dem Sinfonischen Blasorchester Berns und einem Ensemble der Hochschule der Künste Bern, mit Werken von Darius Milhaud («La Création du monde», selbstredend), Oliver Waespi («Canticum» UA), Jean Balissat («Le premier jour») und Charles Gounod («Messe de Sainte Cécile»).

 

Das Festival zeigt einmal mehr: Bern ist dann am universalsten, wenn es nicht provinziell versucht, Urbanität zu vermitteln, sondern sich seiner Eigenheiten besinnt ‒ dieser skurrilen Mischung aus geerdeter Authentizität und dem Duft von Speckzöpfen, Chabis, Heu, Sandsteinfassaden, Bundesordnern und Diplomatenempfängen, von kosmologischem Staunen und dem Hang zu sinnlich-ruralem Intellektualismus, von kleinbürgerlicher Enge und friedliebender Warmherzigkeit, gutmütigem Umgang mit Sonderlingen, frömmlerisch-kleinräumigem Sektierertum und kraftvollem universalem Nachdenken über die Welt. Im dürrenmattschen Labyrinth. Im zornigem luginbühlschen Feuer. In Glausers kriminalistischem Scharfsinn.

 

Und ja: Haydns «Schöpfung» hat es am Eröffnungswochenende auch gegeben: Als rundum bernische Produktion mit dem Amadeus Chor Bern und dem Berner Kammerorchester in der Französischen Kirche. Und es ward Licht. (wb)

 

Info:
Musikfestival Bern, Eröffnung, 03.09.2015, Münster Bern, Das ganze Programm des Festivals findet sich unter: www.musikfestivalbern.ch


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