{"id":1012,"date":"2014-01-13T10:04:56","date_gmt":"2014-01-13T10:04:56","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/der-ludus-danielis-aus-beauvais\/"},"modified":"2014-01-13T10:04:56","modified_gmt":"2014-01-13T10:04:56","slug":"der-ludus-danielis-aus-beauvais","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/der-ludus-danielis-aus-beauvais\/","title":{"rendered":"Der \u00abLudus Danielis\u00bb aus Beauvais"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2008\/ludus21808.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>25.08.2008 &#8212; \u00abDie Mitternacht zog n\u00e4her schon; \/ In stummer Ruh lag Babylon.\u00bb Das Ende der folgenden Ereignisse ist schaurig (\u00abBelsazar ward aber in selbiger Nacht \/ Von seinen Knechten umgebracht.\u00bb), wurde aber vom Menetekel, der geisterhaften Flammenschrift an der Wand des Palastsaals, angek\u00fcndigt. \u00abMene mene tekel u-pharsin\u00bb oder \u00abMene, Techel, Phares\u00bb: Was Belsazars Magiern verschlossen war, konnte nur einer entziffern, der gefangene Prophet Daniel: Belsazar muss sterben, das Reich wird erobert und unter Persern und Medern aufgeteilt. <\/p>\n<p> Die Hybris und der durch den ergrimmten j\u00fcdischen Gott h\u00f6chstpers\u00f6nlich angestossene Fall des Belsazar hat immer wieder K\u00fcnstler in Bann gezogen, darunter Rembrandt, Goethe (Dramenversuch), Calder\u00f3n, Byron, H\u00e4ndel, Rossini, Reinecke, Walton, Sibelius und Schumann, der die eingangs zitierte Heine-Ballade vertonte. <\/p>\n<p> <strong>Egerton MS 2615 im British Museum<\/strong> <\/p>\n<p> Die \u00e4lteste erhaltene k\u00fcnstlerische Gestaltung des Stoffes aus dem j\u00fcdischen Tanach bzw. der Bibel (Altes Testament, Buch Daniel) im Abendland ist in einer Handschrift \u00fcberliefert, welche sich im Archiv des British Museum befindet (Egerton MS 2615). Verfasst wurde sie um 1230 im Kloster von Beauvais in Nordwestfrankreich durch Studenten, wie sie es in der Einleitung zum \u00abLudus Danielis\u00bb festhielten: \u00abAd honorem tui Christi \u2026\u00bb \u2013 Dir zur Ehre, Christus, wurde dieses Daniel-Spiel aufgef\u00fchrt in Beauvais von der hiesigen Jugend. Was auch heisst, dass die jungen Leute, darunter gewiss angehende Kleriker, bereits bestehendes und m\u00fcndlich tradiertes Material in eine schriftlich fixierte Form gefasst und inhaltlich und in der Gliederung mit Blick auf eine szenische Umsetzung gepr\u00e4gt haben. Ob es auf dem \u00abLudus Danielis\u00bb des Gelehrten Hilarius, eines Sch\u00fclers von Petrus Abaelardus, aus der 1. H\u00e4lfte des 12. Jahrhunderts basiert, ist strittig. <\/p>\n<p> Dar\u00fcber, dass es sich um ein opulentes Gesamtkunstwerk handelt, bestehen keine Zweifel. Denn im Text finden sich detaillierte Regieanweisungen f\u00fcr die Solisten und den Chor. Das Mysterienspiel, eine zweiteilige mittelalterliche \u00abOper\u00bb, setzt nicht nur die Ereignisse um Belsazar in Szene, der vom einr\u00fcckenden Perserk\u00f6nig Darius get\u00f6tet wird, sondern schildert, wie Daniel dessen Berater wird, nach einer Intrige in die L\u00f6wengrube geworfen, dort vom Propheten Habakuk mit Speise gest\u00e4rkt und von einem schwertbewehrten Engel errettet wird. Darius bekehrt sich zum j\u00fcdischen Gott, und ein weiterer Engel verk\u00fcndet die Geburt Christi, wie es der Prophet Daniel geweissagt hat. Mit dem Te Deum und unter Glockengel\u00e4ute klingt das Daniel-Spiel aus. <\/p>\n<p> <strong>Ein grandioses Spektakel<\/strong> <\/p>\n<p> Von herausragendem Interesse ist die Musik: Der Notentext bringt eine Vielzahl mittelalterlicher Stile und Formen zusammen von der Gregorianik \u00fcber Volksmelodie und Trouv\u00e8re-Gesang bis zu Klagelied und Tanzmusik \u2013 Sakrales und Weltliches, Weihevolles und Ausgelassenes, Dramatisches und Lyrisches, Ernstes und Heiteres in einem effektvollen Szenenreigen. <\/p>\n<p> Dass hier sonst streng geschiedene Sph\u00e4ren in ein faszinierendes, gegenseitig sich erhellendes komplexes Wechselspiel zusammengef\u00fchrt wurden, hat den einen Grund gewiss in der rebellisch experimentierfreudigen Stimmung der jugendlichen Kompilatoren und Interpreten, den anderen in der Auff\u00fchrungsszeit des \u00abLudus Danielis\u00bb nach Weihnachten. Der Ausklang des alten und der Beginn des neuen Jahrs war seit alters ein Fest der Narren und Gaukler, des Schabernacks und der Flegelei, eine karnevaleske Lustbarkeit, in der Hierarchien \u2013 weltliche und kirchliche \u2013 vor\u00fcbergehend ausser Kraft gesetzt wurden. Da hielt denn auch Derbes und Theatrales Einzug in Kirchen und Kathedralen, zur Erg\u00f6tzung der Stadt- und der Landleute. <\/p>\n<p> Der Effekt, den die Auff\u00fchrung des \u00abLudus Danielis\u00bb auf die Volksmassen machte, ist f\u00fcr uns Medien\u00fcberflutete nur mit etlichem Aufwand an Vorstellungskraft und Phantasie nachzuvollziehen. Die Kathedrale von Beauvais war B\u00fchne, Klang- und Zuschauerraum, St\u00e4tte eines Happenings von sinnenbet\u00e4ubender Energie. Eine rein akustische Umsetzung, wie sie die CD bietet, kann da nur ein wenn auch wesentliches Spektrum mitteilen. Eine opulente szenische Umsetzung des \u00abLudus Danielis\u00bb in Form einer Rockoper (in originaler lateinischer Sprache) hat k\u00fcrzlich das Pfalztheater Kaiserslautern gewagt \u2013 mit grossem Erfolg. <\/p>\n<p> <strong>Die Kathedrale von Beauvais<\/strong> <\/p>\n<p> Die spannungs- und kontrastreiche Realisierung, die Vokalisten, Choristen und das f\u00fcnfk\u00f6pfige Ensemble The Dufay Collective unter der Leitung von William Lyons vorlegen, bringt dank der plastischen, herben Art der Interpretation und der inspirierten, Sekundreibungen und (wie auch im Chor) Ger\u00e4uschhaftes einbeziehenden improvisatorischen Zwischenspiele auf altem Instrumentarium den \u00abLudus Danielis\u00bb zu packender Wirkung. <\/p>\n<p> Apropos Beauvais: Die Hauptstadt des D\u00e9partements Oise in der Picardie war dank seines Klosters im Mittelalter ein kulturelles Zentrum von weiter Ausstrahlung, besass ab dem 14. Jahrhundert eine Schule der M\u00e9nestrels (Barden des Mittelalters) und im 16. Jahrhundert ber\u00fchmte Orgelbauwerkst\u00e4tten. <\/p>\n<p> Die Kathedrale Saint-Pierre, Schauplatz des \u00abLudus Danielis\u00bb, ist eines der bedeutendsten Bauwerke der Gotik. Geplant war die gr\u00f6sste Kathedrale Europas. Doch die statischen Berechnungen hielten dem Druck des Steins nicht Stand: 1247 begannen die Bauarbeiten, 1284 st\u00fcrzten Teile des Chors ein, der ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter fertiggestellt war. 1573 fiel, kaum aufgef\u00fchrt, der zentrale, 153 Meter hohe Turm (halb so hoch wie der Eiffelturm!) zusammen. Im 16. Jahrhundert wurde das Querschiff gebaut, ein Hauptschiff allerdings nie errichtet \u2013 die Zeit der Gotik war l\u00e4ngst vor\u00fcber. Das gigantisch geplante Unterfangen blieb unvollendet. \u2013 Die Hybris des Belsazar und der Turmbau zu Babel\u2026 <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Ludus Danielis \/ The Play of Daniel \/ Le Jeu de Daniel. Ein liturgisches Drama aus dem Mittelalter. \u2013 John Potter, Harvey Brough, Simon Grant, Vivien Ellis, Clara Sanabras, Tom Phillips, Simon Wall, Charles Pott, Robert Rice, Giles Lewin. Choristers of Southwell Minsters. The Dufay Collective. Leitung: William Lyons. (Booklet engl.\/frz.\/dt. Mit vollst\u00e4ndigem Text des Spiels. Harmonia Mundi USA, HMU 907479; 68\u2019)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>25.08.2008 &#8212; \u00abDie Mitternacht zog n\u00e4her schon; \/ In stummer Ruh lag Babylon.\u00bb Das Ende der folgenden Ereignisse ist schaurig&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-1012","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tontraeger-besprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1012","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1012"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1012\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1012"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1012"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1012"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}