{"id":1014,"date":"2014-01-13T10:05:58","date_gmt":"2014-01-13T10:05:58","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/foerderung-der-volkskultur-aber-wie\/"},"modified":"2014-01-13T10:05:58","modified_gmt":"2014-01-13T10:05:58","slug":"foerderung-der-volkskultur-aber-wie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/foerderung-der-volkskultur-aber-wie\/","title":{"rendered":"F\u00f6rderung der \u00abVolkskultur\u00bb &#8211; aber wie?"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2008\/081022volksmusik2.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>22.10.2008 &#8212; Die Kulturf\u00f6rderung des Bundes in Form der Stiftung Pro Helvetia hat sich auf politischen Druck hin der \u00abVolkskultur\u00bb verst\u00e4rkt ge\u00f6ffnet. Sie tut sich im Grunde genommen aber immer noch schwer damit. Mit \u00abechos &#8211; Volkskultur f\u00fcr morgen\u00bb hat sie ein eigenes Programm zur F\u00f6rderung der Volkskultur lanciert, das die Eigenheiten des aktiven Musizierens in Ch\u00f6ren, Folkloregruppen, Harmoniemusiken und den Kirchen landauf- und landab nicht wirklich aufnimmt, sondern diesen die typisch urban-intellektuellen Grundprinzipien \u00fcberst\u00fclpt: Kernanliegen des Programms sind betontermassen Innovation als \u00e4sthetisches Prinzip und die Debatte als Form der Auseinandersetzung. Dass damit auf subtilere Weise die Abgrenzung der relevanten Hochkultur zur angeblichen \u00abVolkst\u00fcmelei\u00bb bereits wieder vollzogen ist, zeigt die eher widerstrebende Art, mit der die Auswahlkriterien der \u00abInnovation\u00bb und der \u00abProfessionalit\u00e4t\u00bb dann doch noch relativiert werden. Laut Pro-Helvetia-Direktor Pius Kn\u00fcsel sollen in Zukunft auch \u00abbeispielhafter Umgang mit Tradition\u00bb und \u00abAnspruch nach fachlicher Anerkennung\u00bb als Kriterien gelten (dies zumindest ist der Berichterstattung der NZZ zum Abschlussfest des Programms in St. Gallen zu entnehmen).<\/p>\n<p> Volkskultur, so das Bauchgef\u00fchl auf Pro-Helvetia-Seite, darf auf Bundesebene nur stattfinden, wenn sie den Regeln derjenigen gehorcht, die sie im Grunde genommen in ihrer Eigenheit nicht ernst nehmen. In einem Gastkommentar im rechtsb\u00fcrgerlichen Blog \u00abWinkelried\u00bb (\u00abIntelligente Menschen gegen Links\u00bb) bringt der SVP-Nationalrat Theophil Pfister das Unbehagen auf den Punkt: \u00abEin solches Programm kann nicht funktionieren, schon gar nicht, wenn Berufskulturschaffende k\u00fcnstlich auf Volkskultur machen wollen, wenn Geld statt Herz der Antrieb ist. Volkskultur lebt nicht im Salon, Volkskultur lebt ohne intellektuelle \u00dcberh\u00f6hungen, ohne eine Zielsetzung nach Stars und Hochkultur \u2013 eben ganz einfach aus dem Volk heraus.\u00bb<\/p>\n<p> Pfisters Unterstellung, Berufkulturschaffende seien bei ihrer Hinwendung zur Volkskultur einfach aufs Geld aus, ist nat\u00fcrlich d\u00fcmmlich. Seine Skepsis gegen\u00fcber intellektueller \u00dcberh\u00f6hung ist jedoch bedenkenswert. Wenn \u00abechos\u00bb scheitert \u2212 was nichts anderes bedeutet, als dass es von den Betroffenen nicht als etwas betrachtet wird, mit dem sie sich identifizieren k\u00f6nnen und das ihnen etwas bringt \u2212 dann m\u00f6glicherweise, weil es sich gerade den Differenzen im Lebensgef\u00fchl von Urbanit\u00e4t und Landschaft verweigert, die es zu \u00fcberbr\u00fccken vorgibt, und sich zugunsten von ersterer vorentscheidet.<\/p>\n<p> Was w\u00e4re also zu tun? Statt von Volkskultur \u00abDebatten\u00bb und \u00abInnovation\u00bb zu fordern, m\u00fcsste die F\u00f6rderung zun\u00e4chst die Frage stellen, wie sich in Volkskulturen Wandel vollzieht und welche Eigenheiten daf\u00fcr verantwortlich sind, dass diese von ihren Anh\u00e4ngern als erstarrt oder lebendig empfunden werden \u2212 mit andern Worten: Welche Gegenst\u00fccke zu \u00abDebatten\u00bb und \u00abInnovation\u00bb in diesem Umfeld \u00fcberhaupt funktionieren.<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2008\/081022volksmusik.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Es gilt n\u00e4mlich, zwei Dinge auseinanderzuhalten: zum einen die urmenschliche Tendenz zum Verharren in Vertrautem (inklusive Ausgrenzung alles Fremden und dessen, was das Verharren bedroht). Bigotterie und Kleinb\u00fcrgertum findet sich aber in allen Volksschichten und politischen Lagern. Es findet sich auch in der intellektuellen Hochkultur. Zum andern die Regeln, nach denen sich Gemeinschaften erneuern und nach denen sie ihre Konflikte bew\u00e4ltigen. Diese sind in der \u00abVolkskultur\u00bb m\u00f6glicherweise etwas andere als in der \u00abHochkultur\u00bb.<\/p>\n<p> Man kann eine provokativ anmutende, aber durchaus plausible Gegenthese zur Vorstellung formulieren, dass die Volkskultur wegen einer im gemeinen Volk gegen\u00fcber der urbanen Dynamik ausgepr\u00e4gteren Tendenz zu Verharren und Ausgrenzen unbeweglich geworden ist und zu verstauben droht. Wenn gewisse musikalische Volksbewegungen, etwa das volkst\u00fcmliche Chorwesen, in den letzten Jahrezehnten einen Niveauverlust hinnehmen mussten, so hat dies m\u00f6glicherweise viel eher mit einem Verlust an Solidarit\u00e4t der \u00abinnovativen\u00bb und \u00abdebattierfreudigen\u00bb Berufskulturschaffenden zu tun. Ch\u00f6re, Harmoniemusiken und Folkloregruppen nehmen Anregungen (auch k\u00fchne) n\u00e4mlich durchaus an, wenn sie von Pers\u00f6nlichkeiten stammen, die in ihrem sozialen Umfeld verankert und bereit sind, mit offenen Ohren und Augen \u00fcber l\u00e4ngere Zeit kontinuierlich einen Weg mit ihnen gemeinsam zu gehen. Echte Volkskultur ist eben &#8211; wie Pfister richtigerweise bemerkt &#8211; nicht die Kreation \u00f6ffentlichkeitswirksamer Zurschaustellungen, sondern gelebter Alltag.<\/p>\n<p> Die volksverbundenen Musikverb\u00e4nde sind dabei allerdings auch aufgerufen, aktiv zu werden und die dargebotenen H\u00e4nde nicht zu ignorieren. Als m\u00f6gliche Partner zeigen sich mit aktuellen Ver\u00f6ffentlichungen in der Reihe Neue Volksmusik von Musiques Suisses Vertreter des orchestralen Jazz und der gehobenen Salonmusik, die sich auf originelle, in sich stimmige Weise mit der Schweizer Volksmusiktradition auseinandergesetzt haben. <\/p>\n<p> Der Luzerner Jazzmusik-Komponist Christoph Baumann hat f\u00fcr eine reduzierte Bigband-Besetzung eine witzige Collage aus Ohrw\u00fcrmern des popul\u00e4ren Liedgutes des Landes geschaffen, die manchmal fast (aber nur fast) in den Gag abrutscht, ansonsten aber solide Arbeit am Blechbl\u00e4sersatz pr\u00e4sentiert. Ein n\u00e4chster Schritt k\u00f6nnte sein, Baumann von der Musikommission eines kantonalen oder kommunalen Harmoniemusik-Vereins mit einer Originalkomposition f\u00fcrs n\u00e4chste Kantonalmusikfest zu beauftragen. Inbegriffen sein m\u00fcsste ein mehrw\u00f6chiger Workshop, in dem der Tonsetzer seine Ideen in Zusammenarbeit mit einer traditionellen Harmoniemusik zu einer Partitur weiterentwickeln w\u00fcrde, zu der alle Beteiligten stehen k\u00f6nnten und die dann auch Chancen h\u00e4tte, ins Standardrepertoire der Musikverb\u00e4nde Eingang zu finden. Erst dann k\u00f6nnte von einem echten Austausch gesprochen werden und nicht einfach von einer Usurpation der Volksmusik durch urbane \u00abAkkordarbeiter\u00bb.<\/p>\n<p> Derartige Br\u00fccken zu schlagen, w\u00e4re sicherlich auch das Schweizer Oktett in der Lage, das mit \u00abMarchstei\u00bb eine nicht minder stimmige und anregende Produktion realisiert hat. Die sp\u00e4tklassische Oktettbesetzung mit Streichern und Holzbl\u00e4sern erlaubt teils k\u00fchne, teils verbl\u00fcffende Klangmixturen. Die Eigenkompositionen aus dem Umfeld des Ensembles und aus der Sammlung Hanni Christen sind auf unterschiedlichem Niveau \u2212 von in sich stimmigen und gut austarierten Kleinoden bis zu eher unausgereiften und holprigen Charakterst\u00fcckchen findet sich da alles. Eine wichtige Br\u00fccke schl\u00e4gt hier die experimentierfreudige Jodlerin Nadja R\u00e4ss, die sowohl mit gestandenen Gr\u00f6ssen der Volksmusik wie Willi Vallotti auftritt als auch als Kunstlied- und Operettens\u00e4ngerin in Erscheinung tritt. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Baumann Large Ensemble: Kein sch\u00f6ner Land. Eine imagin\u00e4re Schweizerreise, Musiques Suisses MGB-NV 4.<br \/> Schweizer Oktett: Marchstei, Musiques Suisses MGB-NV 5.<br \/> Mehr Infos: <a href=\"http:\/\/www.musiques-suisses.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.musiques-suisses.ch<\/a> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22.10.2008 &#8212; Die Kulturf\u00f6rderung des Bundes in Form der Stiftung Pro Helvetia hat sich auf politischen Druck hin der \u00abVolkskultur\u00bb&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-1014","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tontraeger-besprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1014","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1014"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1014\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1014"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1014"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1014"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}