{"id":1015,"date":"2014-01-13T10:06:27","date_gmt":"2014-01-13T10:06:27","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/fritz-busch-die-dresdner-aufnahmen\/"},"modified":"2014-01-13T10:06:27","modified_gmt":"2014-01-13T10:06:27","slug":"fritz-busch-die-dresdner-aufnahmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/fritz-busch-die-dresdner-aufnahmen\/","title":{"rendered":"Fritz Busch \u2013 die Dresdner Aufnahmen"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2008\/busch1.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>07.11.2008 &#8212; Am Donnerstag, dem 9. M\u00e4rz 1933, schrieb Fritz Busch mit schwarzer Tinte in seinen Terminkalender das Wort \u00abaus.\u00bb, doppelt unterstrichen. Und neben den Eintrag unter dem 7. M\u00e4rz, \u00abRigoletto\u00bb, setzte er drei Ausrufezeichen. In der Stimme des 1. Horns dieser Verdi-Oper hat sich die Bleistiftnotiz erhalten: \u00ab7. M\u00e4rz 33 \u00dcbernahme der Staatstheater durch die N.S.D.A.P. Busch beim betreten des Orchesters ausgepfiffen.\u00bb Die \u00c4ra Busch in Dresden war nach zehn Jahren glanzvoller Ausstrahlung durch den nationalsozialistischen Terror abgew\u00fcrgt worden. <\/p>\n<p> Fritz Busch (1890\u20131951) geh\u00f6rt zu den ersten nicht-j\u00fcdischen K\u00fcnstlern von Weltruf, die wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nazis aus den \u00c4mtern gejagt und in die Emigration gezwungen wurden. Als Dresdner Generalmusikdirektor hatte er in der Semperoper den deutschen Gruss untersagt und sich geweigert, am Geb\u00e4ude die Hakenkreuzfahne zu hissen. Zudem wurde ihm \u00abjuden- und ausl\u00e4nderfreundliche Personalpolitik\u00bb vorgeworfen. <\/p>\n<p> In einem Schreiben vom 9. M\u00e4rz 1933 h\u00e4lt er fest: \u00abMeinen privaten Verkehr mit Juden betreffend halte ich es f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich, mir meine Freunde auf Grund ihrer menschlichen und geistigen F\u00e4higkeiten auszusuchen und halte es insbesondere im Falle der Not f\u00fcr die Pflicht jedes anst\u00e4ndigen Menschen, seine Freunde nicht preiszugeben.\u00bb <\/p>\n<p> Und die Musiker der S\u00e4chsischen Musikalischen Kapelle (der Staatskapelle Dresden), die Busch 1922 als \u00abersehnten Generalmusikdirektor\u00bb \u00fcberschw\u00e4nglich willkommen geheissen hatten? Ausser zwei mutigen Mitgliedern wandten sich an jenem Abend der durch SA-Horden verhinderten \u00abRigoletto\u00bb-Leitung alle anderen Musiker und die meisten S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger von Busch ab. <\/p>\n<p> Ruhm- und glanzvoll war jene \u00c4ra in Dresden, der Fritz Busch seinen Stempel aufgedr\u00fcckt hat. Er arbeitete nach eigener Aussage \u00abwie ein Vieh\u00bb, erneuerte das Opernensemble mit brillanten jungen Kr\u00e4ften, festigte den Ruf der Staatskapelle als einem der f\u00fchrenden europ\u00e4ischen Klangk\u00f6rper, pflegte mit Nachdruck die zeitgen\u00f6ssische Musik, brachte Opern von Hindemith, Schoeck, Busoni, Kurt Weill und Richard Strauss zur Urauff\u00fchrung, Puccinis \u00abTurandot\u00bb zur deutschen Erstauff\u00fchrung (sogar Toscanini reiste deswegen nach Dresden) und setzte sich als Erster nachhaltig f\u00fcr eine Verdi-Renaissance n\u00f6rdlich der Alpen ein. <\/p>\n<p> \u00abVorl\u00e4ufig lebe ich noch, und solange ich lebe, k\u00e4mpfe ich.\u00bb Nach seiner Emigration \u00f6ffneten sich Busch die Tore der grossen Opern- und Konzerth\u00e4user in Argentinien (Buenos Aires, wo er u. a. Bachs Matth\u00e4uspassion zur Erstauff\u00fchrung brachte), in England (ab 1934 in Glyndebourne, wo er mit dem ebenfalls vertriebenen Regisseur Carl Ebert legend\u00e4re Mozart-Inszenierungen realisierte) und auf dem Kontinent (Kopenhagen, Stockholm, Z\u00fcrich); von 1945 bis 1950 war er k\u00fcnstlerischer Leiter der New Yorker Met. Im Fr\u00fchjahr 1951 trat Fritz Busch wieder in seiner Heimat (in K\u00f6ln und Hamburg) auf. An seine letzte Wirkungsst\u00e4tte ist er trotz Einladungen nicht mehr zur\u00fcckgekehrt. <\/p>\n<p> <strong>Edition Staatskapelle Dresden, Vol. 30<\/strong><\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2008\/busch2.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Seit 2005 ver\u00f6ffentlicht die S\u00e4chsische Staatskapelle Dresden in Zusammenarbeit mit dem Mitteldeutschen Rundfunk alte und neue Klangdokumente aus den MDR-Archiven. Vol. 30 der beim Label Profil Edition G\u00fcnter H\u00e4nssler edierten Serie dokumentiert nun Fritz Buschs Dresdner Zeit und arbeitet 75 Jahre nach dessen Vertreibung aus seinen \u00c4mtern und seinem Heimatland Buschs Wirken in Musik, Text, Bild und Film umfassend und fundiert auf. <\/p>\n<p> W\u00e4hrend Buschs k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeit im Exil durch viele Einspielungen in Oper und Konzert recht gut (wenn auch keineswegs im w\u00fcnschbaren Umfang) belegt ist, fehlten bisher in seiner Diskografie die zwischen 1923 und 1932 eingespielten Werke. Die Suche nach den Grammophonplatten erwies sich als kompliziertes Unterfangen \u2013 das Booklet gibt dar\u00fcber wie auch \u00fcber die antiken Aufnahmetechniken einl\u00e4sslich Auskunft. <\/p>\n<p> Die fr\u00fchesten Einspielungen f\u00fcr die Deutsche Grammophon Gesellschaft fanden vor einem riesigen Trichter statt; die Violinen des zahlenm\u00e4ssig reduzierten Orchesters wurden durch sogenannte Strohgeigen ersetzt, die anstelle des Korpus einen kleinen Schalltrichter besassen, um den so verst\u00e4rkten Klang mechanisch reproduzierbar zu machen. Nicht minder abenteuerlich muten die Experimente an, die ab 1925 mit der \u00abelektrischen Aufnahme\u00bb via Mikrophon unternommen wurden. <\/p>\n<p> Es versteht sich, dass die nun auf CD konservierten Ergebnisse trotz behutsamer Restaurierung nur einen Abglanz vom damaligen Klang des Orchesters bieten k\u00f6nnen. Was jedoch unvermindert wirkt und \u00fcberzeugt, sind die Interpretationen. <\/p>\n<p> In den Trichter gespielt wurden 1923 Werke bzw. S\u00e4tze von Gluck, Mozart, Mendelssohn, von Weber, von Supp\u00e9, Wagner, Tschaikowski, Bizet, Smetana, Johann Strau\u00df und Richard Strauss (CD 1). Die zweite Aufnahmestaffel von 1926, nun vor dem Mikrophon, umfasst Ausschnitte aus Puccinis \u00abTurandot\u00bb, Verdis \u00abMacht des Schicksals\u00bb, aus Strauss\u2019 \u00abDie \u00e4gyptische Helena\u00bb sowie Wagners \u00abTannh\u00e4user\u00bb-Ouvert\u00fcre (CD 2). <\/p>\n<p> Wohl die erste Rundfunk-Direkt\u00fcbertragung eines Konzerts in Deutschland kam zustande anl\u00e4sslich des Gastspiels der S\u00e4chsischen Staatskapelle Dresden unter Busch im Februar 1931 in Berlin. Als Kontrollmitschnitt aufgezeichnet wurde Brahms 2. Sinfonie (CD 3). <\/p>\n<p> 1932 wurde im Dresdner Opernhaus die Wiedergabe der \u00abTannh\u00e4user\u00bb-Ouvert\u00fcre gefilmt (der Soundtrack befindet sich auch auf CD 2). Im Rahmen der auf Initiative des Komponisten Franz Schreker begr\u00fcndeten Reihe \u00abDas Weltkonzert\u00bb kamen die Lichttonfilme als Vorprogramme in die Kinos. 1933 wurde diese Comedia-Tonfilmreihe, an der auch j\u00fcdische K\u00fcnstler beteiligt waren, konfisziert und vermutlich vernichtet. Als kostbares Dokument erhalten hat sich indes der Film \u00abFritz Busch dirigiert die Staatskapelle Dresden\u00bb.<\/p>\n<p> Die DVD enth\u00e4lt im weiteren die Dokumentation in einem Film von Stefan Braunshausen und acht H\u00f6rbildern von Steffen Lieberwirth \u2013 eine (die Inhalte des Booklets aufnehmende und erweiternde) quellenreiche W\u00fcrdigung von Buschs Leben und Schaffen. Er selber kommt zu Wort in einem Radiointerview vom Fr\u00fchjahr 1951, und festgehalten ist ebenfalls Giuseppe Sinopolis 1998 in der Semperoper gehaltene eindr\u00fcckliche Rede \u00abZur R\u00fcckkehr von Fritz Busch nach Dresden\u00bb.<\/p>\n<p> Von herausragender Qualit\u00e4t erweist sich auch das fast 200-seitige reich bebilderte Booklet (dt.\/engl.). Es schildert vor dem kulturhistorischen Hintergrund Buschs Biografie, im besonderen die Dresdner Jahre und die Ereignisse im M\u00e4rz 1933, erl\u00e4utert detailliert die alten Aufnahmetechniken und die Einspielungen. <\/p>\n<p> Klang, Wort und Bild f\u00fcgen sich in dieser Edition zu einer beeindruckenden W\u00fcrdigung eines der k\u00fcnstlerisch grossen, charakterlich integren, unbeugsamen Dirigenten des vergangenen Jahrhunderts.<\/p>\n<p> <strong><em>Zwei Zitate aus dem Booklet: <\/em><\/strong><br \/> \u00abAls gr\u00fcndlicher Deutscher verschaffte ich mir Hitlers ,Mein Kampf\u2019 und las das Buch mit aller Gewissenhaftigkeit. Aus meiner instinktiven Ablehnung der nationalsozialistischen Parteidoktrinen wurde nach dem Studium dieses Buches nun eine bewusste Gegnerschaft. Obwohl mir bekannt war, dass Moral und Politik in der Regel verschiedene Dinge sind, konnte ich in diesem Fall nicht schweigen. Ich hielt es nicht nur f\u00fcr mein Recht, sondern auch f\u00fcr meine Pflicht, die v\u00f6llig amoralische neue Lehre so eindeutig wie m\u00f6glich zu bek\u00e4mpfen.\u00bb (Fritz Busch in seinen Erinnerungen \u00abAus dem Leben eines Musikers\u00bb)<\/p>\n<p> \u00abEs ist das Wesen des Sch\u00f6nen, dass b\u00f6se M\u00e4chte keine Gewalt dar\u00fcber haben.\u00bb (Fritz Busch in einem Brief an die Staatskapelle Dresden zu deren 400-Jahr-Jubil\u00e4um 1948)<br \/><\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Fritz Busch. S\u00e4mtliche Dresdner Aufnahmen 1923\u20131932. Edition Staatskapelle Dresden, Vol. 30. 3 CDs, 1 DVD (95\u2019), reich illustriertes Booklet, 190 Seiten; dt.\/engl. (Profil Edition G\u00fcnter H\u00e4nssler)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>07.11.2008 &#8212; Am Donnerstag, dem 9. 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