{"id":1018,"date":"2014-01-13T10:07:58","date_gmt":"2014-01-13T10:07:58","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/alle-blockfloetenkonzerte-vivaldis\/"},"modified":"2014-01-13T10:07:58","modified_gmt":"2014-01-13T10:07:58","slug":"alle-blockfloetenkonzerte-vivaldis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/alle-blockfloetenkonzerte-vivaldis\/","title":{"rendered":"Alle Blockfl\u00f6tenkonzerte Vivaldis"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2008\/081218vivaldi.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>19.12.2008 &#8212; S\u00e4mtliche Violinkonzerte Beethovens? Na ja, die sind schnell aufgez\u00e4hlt. Es gibt n\u00e4mlich nur eines. Oder eines und noch zwei halbe dazu, denn der Bonner Meister hat auch zwei Romanzen f\u00fcr Violine und Orchester geschrieben, was dann in summa zwei erg\u00e4be. Wieviele Klavierkonzerte? F\u00fcnf? Oder sechs? Der Komponist hat n\u00e4mlich auf Dr\u00e4ngen Muzio Clementis eine Klavierfassung seines einzigen Violinkonzertes erstellt (die Clementi dann nicht spielen wollte und heute auch praktisch vergessen ist). S\u00e4mtliche Sinfonien Schubert? Man err\u00e4t&#8217;s: Das ist schwierig zu sagen. Eine ist ja bekanntlicherweise unvollendet geblieben. Zu wie vielen Bruchteilen will man das Fragment zur Menge der Schubert-Sinfonien z\u00e4hlen? Und wie viele Oboenkonzerte gibt&#8217;s von Richard Strauss? Das ist hingegen echt einfach: eines. Genau eines. Wenn es sich auch eher um eine Gelegenheitsarbeit handelt.<\/p>\n<p> Dies sind alles Werkreihen aus der Zeit des \u00abOpus\u00bb-Komponierens, in der die Tonsch\u00f6pfer innerhalb eines wohlabgezirkelten Kanons an Gattungen und Formen sich der Einzigartigkeit ihrer Sch\u00f6pfungen bewusst waren. Schwieriger wird&#8217;s in Sachen Individuierung von Kompositionen mit Blick auf die Barockmusik, wo St\u00fccke nach praktischen Anforderungen umgeschrieben, neu zusammengestellt, variiert oder nicht eindeutig f\u00fcr ein Instrument verfasst worden sind. Wieviele Violinkonzerte gibt&#8217;s von Vivaldi? Etwa zweihundert? (Wenn&#8217;s nach einem launischen Bonmot Strawinskys ginge, dann g\u00e4be es \u00fcberhaupt bloss ein Konzert Vivaldis, das aber daf\u00fcr 600 mal). Welche Varianten und Bearbeitungen soll man dazu z\u00e4hlen? Was ist hier \u00fcberhaupt ein Original? Was eine Umarbeitung?<\/p>\n<p> Auch die Frage, was man denn zur Kategorie \u00abs\u00e4mtliche Blockfl\u00f6tenkonzerte\u00bb des venezianischen Meisters z\u00e4hlen m\u00fcsste, ist durchaus unklar. Die ungarischen Blockfl\u00f6tenspieler Laszlo Czidra und Laszlo Kecskemeti haben vor sechs Jahren f\u00fcr das Label Naxos unter diesem Titel die Werke RV 441 bis RV 445 und dazu das Konzert RV 95 f\u00fcr Fl\u00f6te, Oboe, Violine, Fagott und Basso continuo eingespielt. Eine CD mit den \u00abComplete Recorder Concertos\u00bb legt nun bei cpo auch Fl\u00f6tenvirtuose Michael Schneider vor \u2212 begleitet von der Cappella Academica Frankfurt. Er vereint dabei die Konzerte RV 441 bis RV 445, das Konzert RV 108 f\u00fcr Altblockfl\u00f6te, zwei Violinen und Basso continuo, sowie die Sonata a due RV 86 f\u00fcr Altblockfl\u00f6te, Fagott und Basso continuo. <\/p>\n<p> Beide \u00abGesamtaufnahmen\u00bb ignorieren hingegen einen Rekonstruktionsversuch eines weiteren Blockfl\u00f6tenkonzertes, den der Musikwissenschaftler Jean Cassignol vor einigen Jahren unternommen hat. Schneider weist ihn mit dem Argument zur\u00fcck, es handle sich ja bloss bei zwei Dritteln des ersten Satzes des fraglichen Konzertes RV 312 um eine originale Fassung f\u00fcr ein Fl\u00f6teninstrument, der Rest sei von Vivaldi f\u00fcr Violine gesetzt worden (<a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/scienceold.php?art=11\">Leserbrief<\/a>). Ob das Argument sticht, wenn man Vivaldis Verfahren bei der Verfassung seiner \u00aboriginalen\u00bb Fl\u00f6tenkonzerte in Betracht zieht? Wir kommen gleich dazu.<\/p>\n<p> Der lesenswerte Essay im Booklet zur Auswahl der Konzerte und der Wahl der Stimmlage f\u00fcr das Soloinstrument zeigt auf, wie schwierig es ist, zu bestimmen, wo in der Barockmusik die Grenzen eines Werks zu finden sind und was wie zusammenpasst.<\/p>\n<p> Gleich zum Auftakt des Textes stellt sich Schneider die Frage, ob es sich wirklich um Werke f\u00fcr Blockfl\u00f6te handelt, von einer ganz anderen Seite. Kann es sich n\u00e4mlich wirklich um solche handeln, wenn Vivaldi die \u00abNotwendigkeit des Atemholens f\u00fcr Fl\u00f6tisten\u00bb ignoriert? Oder sind es nicht vielmehr Violinkonzerte, die bloss so tun, als seien sie solche f\u00fcr Fl\u00f6te (so sind etwa die Solopassagen aus dem Altblockfl\u00f6tenkonzert RV 441 zu grossen Teilen aus dem Violinkonzert RV 202 abgeschrieben, was ja Strawinskys Verdikt auch nicht gerade unbedingt widerspricht)?<\/p>\n<p> Bei der erw\u00e4hnten \u00dcbertragung hat Vivaldi allerdings gewisse Wendungen im ersten und dritten Satz ausgestrichen oder vereinfacht, h\u00f6chstwahrscheinlich im Glauben \u2212 erkl\u00e4rt Schneider \u2212, den Fl\u00f6tisten damit einen Gefallen zu erweisen. Diese Vereinfachungen macht Schneider f\u00fcr die vorliegende Einspielung r\u00fcckg\u00e4ngig. Er kann das, weil er ein ungemein virtuoser K\u00f6nner auf seinem Instrument ist. Er stellt dabei fest, dass sich durch die R\u00fcck\u00fcbersetzung im zweiten Solo des ersten Satzes \u00ab\u00fcberhaupt erst eine sinnvolle Struktur\u00bb ergibt.<\/p>\n<p> Aber selbst wenn man sich darauf einigt, dass der \u00abrote Priester\u00bb ein Konzert wirklich und eindeutig und unzweifelhaft f\u00fcr Blockfl\u00f6te geschrieben hat, ist offenbar noch lange nicht klar, in welcher Tonlage es denn nun darzubieten sei. Die Frage stellt sich namentlich mit Blick auf RV 443 und 445. Laut Ryom-Verzeichnis (dem wir das K\u00fcrzel \u00abRV\u00bb in der amtlichen Auflistung der Werke Vivaldis verdanken) ist RV 443 in C-Dur gesetzt. Allerdings \u2212 so Schneider \u2212 ist auf das Manuskript offenbar f\u00fcr den Kopisten \u2212 die Notiz \u00abgli strumenti trasportato alla 4ta bassa\u00bb gekritzelt worden. Schneider spielt es denn auch in G-Dur und damit statt auf dem Sopranino auf der Sopranblockfl\u00f6te. <\/p>\n<p> Aus musikalischen Gr\u00fcnden empfiehlt sich, meint Schneider, dieselbe Quarttransposition f\u00fcr RV 445 \u2212 sein Manuskript weist die gleiche Notiz auf \u2212 aber nicht. Es ist hier deshalb in der \u00abOriginal\u00bb-Tonart a-Moll zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p> Die Einspielungen durch den deutschen Blockfl\u00f6tisten und die Cappella Academica Frankfurt wirkt nicht so poliert wie manche Vivaldischerbe, die zur Zeit f\u00fcr den Massenmarkt auf Wohlklang und Hochglanz getrimmt wird, und die Idee einer Gesamteinspielung hat auch mehr dokumentarischen Charakter, als dass ein schl\u00fcssiger musikalischer Bogen entst\u00fcnde. Ob es denn auch wirklich n\u00f6tig war, auch noch die musikalisch eher weniger inspirierte Triosonate anzuh\u00e4ngen, soll offen bleiben.<\/p>\n<p> Schneider und der Cappella Academica Frankfurt ist damit aber sicherlich eine authentische und musikalisch wie musikologisch anregende Dokumentation gelungen. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Antonio Vivaldi: Complete Recorder Concertos, Michael Schneider (Blockfl\u00f6te), Cappella Academica Frankfurt, aufgenommen im Januar 2007 an der Hochschule f\u00fcr Musik und darstellende Kunst Frankfurt, cpo 2008, Best.-Nr. cpo 777 304-2. <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>19.12.2008 &#8212; S\u00e4mtliche Violinkonzerte Beethovens? 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